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Schuldkult in den Massenmedien: Die ewige Zerknirschung dient als Instrument, als Nasenring, an dem die Deutschen gezogen werden Denkverbote und Geßlerhüte unserer Zeit - Moral im Dienst der Macht - »Political correctness«: Inquisition mit anderen Mittelnvon Ernst Topitsch Es fällt auf, daß linke Ideologien auf dem Weg zur Macht oft eine eigenartige Metamorphose erfahren. Man war mit den Parolen von Freiheit und Emanzipation, von Aufklärung, Toleranz und Humanität gegen die Herrschenden angetreten, aber nachdem man selbst an die Herrschaft gelangt ist, werden diese verehrungswürdigen Parolen bei gleichbleibendem Wortlaut im Machtinteresse der neuen Herren mit einem völlig entgegengesetzten praktisch-politischen Inhalt erfüllt: Im Zeichen von Freiheit und Emanzipation werden die neuen Geßlerhüte aufgerichtet, im Zeichen von Aufklärung und Fortschritt werden die neuen Dogmen und Denkverbote durchgesetzt und im Zeichen von Toleranz und Humanität feiert der Terror seine Blutorgien. Schon in der Französischen Revolution stand neben der Erklärung der Menschenrechte die Guillotine; und in der Zeitschrift Rotes Schwert - dem Organ von Lenins berüchtigter Geheimpolizei Tscheka, die mit ihren Nachfolgeorganisationen GPU, NKWD und KGB viele Millionen Opfer zu verantworten hat - steht in der Ausgabe vom 18. August 1919: »Unser ist ein neuer Moralkodex. Unsere Humanität ist absolut; denn sie gründet sich auf das glorreiche Ideal der Beseitigung von Tyrannei und Unterdrückung. Uns ist alles erlaubt; denn wir sind die ersten in der Welt, die das Schwert nicht zu Zwecken der Versklavung und Unterdrückung ziehen, sondern im Namen der Freiheit und der Befreiung von der Knechtschaft«. Was von einer solchen politisch definierten »Humanität« zu halten war, zeigten die folgenden sieben Jahrzehnte marxistisch-leninistischer Herrschaft in Rußland. Das sowjetische System war ein - propagandistisch in einen dichten Schleier moralisierender Phrasen gehüllter - Totalitarismus. In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß es den linken Ideologen teilweise gelungen ist, die Bezeichnung »Totalitarismus« aus dem allgemeinen Sprachgebrauch aus zuschalten und durch »Antifaschismus« zu ersetzen. Dieser Ausdruck soll aber suggerieren, daß alle Gefahr von rechts komme. Die Absicht ist, die weit virulentere Gefährdung von Freiheit und Demokratie durch linke totalitäre und subtotalitäre Tendenzen aus dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen und so die gewünschte Blindheit auf dem linken Auge herbeizuführen.
Eine verfängliche Doppelbedeutung hat auch das bekannte Verbot der Aufrechnung. Es hat einerseits einen guten Sinn, wenn es besagt, daß die nationalsozialistischen Greueltaten nicht durch vergleichbare Vorgänge in anderen Ländern entschuldigt oder gar gerechtfertigt werden können, es ist aber der Ausdruck einer höchst bedenklichen Doppelmoral, wenn mit seiner Hilfe nur den Deutschen ewige Zerknirschung verordnet wird - der Begriff Schuld somit als Willkürinstrument zur Durchsetzung politischer Ziele eingesetzt wird. Ein Blick zurück: In der Geschichte - auch in den Berichten der Bibel hat das Thema Genozid breiten Raum eingenommen. In den meisten alten Hochkulturen gab es gegenüber fremden Völkern keine moralischen Bindungen, kein Mitleid, keine Schonung. Vielmehr galt deren Vernichtung als ein von dem Stammes- oder Staatsgott befohlenes, ja von ihm selbst herbeigeführtes Werk. Solche Auffassungen, die geradezu einer Forderung nach dem Völkermord gleichkommen, finden sich auch im Alten Testament nicht selten. So heißt es beispielsweise: ',Wenn der Herr, dein Gott, sie (gemeint sind diese Völker) dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen... Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen...; außerdem wird der Herr, dein Gott, Panik unter ihnen ausbrechen lassen, so lange, bis auch die ausgetilgt sind, die überleben konnten und sich versteckt haben« (Deut. 7;2,16,20). Das scheint dem Fünften Gebot eklatant zu widersprechen, welches bei uns meist mit »Du sollst nicht töten« übersetzt wird. Doch diese Übersetzung ist nicht nur falsch, sie ist kraß irreführend. Im hebräischen Text der Zehn Gebote steht nämlich das Wort razach, das nicht jede Art des Tötens bezeichnet, sondern nur das dem Gesetz widersprechende - für die Hinrichtung oder das Töten im Krieg wird es nicht verwendet. So wird übrigens dieser Ausdruck im Griechischen korrekt mit phoneuein (morden) übersetzt und nicht mit kteinein, der allgemeinen Bezeichnung für das Töten. Doch kehren wir in die Gegenwart zurück. Das Ende der Lügen heißt ein bemerkenswertes Buch von Sonja Margolina, einer Autorin russisch-jüdischer Herkunft, erschienen 1992. Sie erklärt die tiefe Verstrickung zahlreicher Juden in den kommunistischen Terror aus der sozialökonomischen Situation ihres Volkes, das im Zarenreich brutal diskriminiert und von Pogromen bedroht sich vielfach extrem radikalisierte. So wurde aber der »jüdische (lettische) Kommissar mit Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild der revolutionären Macht«, was zum Schlagwort vom »jüdischen Bolschewismus« führte. Margolina warnt auch davor, den Holocaust »zu einem Instrument bei der Durchsetzung kurzsichtiger Interessen« zu machen, und ich selbst habe Sorge, daß das ständige Insistieren auf Schuldbekenntnissen, Trauerarbeit und Betroffenheitsritualen letztendlich dem Antisemitismus Vorschub leisten könne. Am bemerkenswertesten ist aber der Schluß, zu dem die Autorin kommt: Die jüdische Geschichte war »wie bei anderen Völkern auch nicht nur eine der Frommen, sondern auch eine der Schamlosen, nicht nur eine der Schutzlosen und in den Mord Getriebenen, sondern auch eine von Bewaffneten und den Tod Bringenden, nicht nur eine der Verfolgten, sondern auch eine der Verfolgenden. Es gibt darin Seiten, die man nicht aufschlägt, ohne zu erbeben. Und es sind diese Seiten, die systematisch aus dem Bewußtsein der Juden verdrängt worden sind.«
Immerhin ist es ein weithin anerkannter Grundsatz, daß die Moral allgemeingültig sein soll. Dann kann sie aber zwischen Freund und Feind, zwischen Sieger und Besiegtem keinen Unterschied machen. Sehr umstritten ist es allerdings, welche Gesichtspunkte für die Beurteilung von Greueltaten gelten sollen, besonders wenn diese - wie die kommunistischen und nationalsozialistischen - alle gewohnten Maßstäbe überschreiten. Ist hier etwa die Zahl der Opfer entscheidend, die Systematik des Terrors, die Qualen der Opfer, der Grad der individuellen oder kollektiven Grausamkeit, oder sind es andere Kriterien, etwa das Unrechtsbewußtsein der Handelnden? Und wie kann man dies gegeneinander abwägen? Allgemein anerkannte Normen gibt es nicht, und es gibt auch keine Instanz, die darüber autoritativ und mit der notwendigen Sanktionsmacht entscheiden könnte. So ist der Willkür und damit der politischen Manipulation Tür und Tor geöffnet. Die Verbrechen der Zeit des Zweiten Weltkriegs haben sich vor mehr als einem halben Jahrhundert ereignet und sinken von Jahr zu Jahr weiter in die Vergangenheit zurück; und die Zahl jener, die damals schon im strafmündigen und damit überhaupt schuldfähigen Alter gestanden sind, wird rasch geringer. Es erscheint daher zunehmend unglaubwürdig, wenn mit dem Medien-Instrumentarium der »Political correctness« versucht wird, unter Hinweis auf die Vergangenheit bestimmte Verhaltensweisen in der Gegenwart zu erzwingen.
»Political correctness« ist nichts Neues, sie ist bloß eine neue Bezeichnung für das, was von linken Ideologen schon geraume Zeit praktiziert wird: nämlich der Versuch, das unabhängige und kritische Denken auszuschalten und die eigenen Dogmen und Tabus jeder freien Diskussion zu entziehen. Es handelt sich also um eine Spielart der schon erwähnten Metamorphose linker Ideologien auf dem Weg zur Macht, hier insbesondere zur Medienmacht, die dann ihrerseits den Weg zur - im Extremfall totalitären - politischen Macht bilden soll. So entsteht hinter dem Tarnschleier einer von Humanität und Toleranz triefenden Rhetorik eine neue Inquisition, die ihre Opfer auf dem Scheiterhaufen der veröffentlichten Meinung in Asche - in kulturelle Unpersonen - verwandeln möchte. Das ist die heute bei uns aktuelle Form jener Humanität, in deren Namen alles erlaubt ist - auch die abgefeimtesten Untergriffe, die brutalsten Verleumdungen - und die unverfrorenste Produktion sogenannter politischer Wahrheiten. Doch bestätigt sich schließlich auch hier die Einsicht, die Friedrich Nietzsche in anderem Zusammenhang formuliert hat: »Es zahlt sich teuer, zur Macht zu kommen: die Macht verdummt« (Götzen-Dämmerung).
Wie mit größter Unbefangenheit »politische Wahrheiten« verfertigt und einer desinformierten Öffentlichkeit serviert werden, während man die freie Diskussion mit allen Mitteln unterdrückt, habe ich als Autor des Buches Stalins Krieg selbst erlebt. Hier sei nur noch kurz erwähnt, wie man unerwünschte historische Wahrheiten abzuwürgen sucht. So müßte etwa ein junger Historiker, der Stalins Krieg verfaßt hätte, unter den gegenwärtigen Bedingungen an den Universitäten seine Karriere aufgeben. Die treffendste Antwort liegt in den Worten, mit denen mein verehrter Lehrer Hans Kelsen in seiner Abschiedsvorlesung an der University of Berkeley/California die Quintessenz seines Lebenswerkes zusammengefaßt hat: »Wissenschaft kann nur gedeihen, wenn sie frei ist; und sie ist frei nicht nur, wenn sie es nach außen, das heißt wenn sie von politischen Einflüssen unabhängig ist, sondern wenn sie auch im Innern frei ist, wenn völlige Freiheit besteht in dem Spiel von Argument und Gegenargument.« Gerade in Fragen der Zeitgeschichte ist es heute notwendig, für die Freiheit der Wissenschaft einzutreten - und die Perversion der Ideen der Freiheit, des Friedens, der Demokratie und der Toleranz zu Machtmitteln pseudo-intellektueller Cliquen sichtbar zu machen und damit zu verhindern. | |||||||||||||||