Die konservative Informationsbasis im Internet

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pingreen.gif 1 KB Das konservative Zeitalter Amerikas - Geistige Vorarbeit - Impulse für Europas Konservative

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Jan van Houten ist niederländischer Publizist mit starken Amerika-Bindungen. Er schreibt u.a. für Reader's Digest und das Wall street Journal. Als Redner wirkt er auch an EPOCHE-Bildungsseminaren mit.


Daß trotz einer zweiten Amtszeit Bill Clintons die Konservativen in den USA weiterhin die großen Themen der Politik bestimmen, liegt an der Durchschlagskraft ihrer Ideen und der Effizienz ihrer Medien - Marksteine der Geistesgeschichte

von Jan van Houten

Über die Macht der Ideen schrieb Lord Keynes in seinem Buch General Theory on employment, Interest and Money: "Die Ideen der Wirtschaftswissenschaftler und politischen Philosophen sind mächtiger als man gemeinhin annimmt, und das ganz gleich, ob sie nun richtig oder falsch sind. Es gibt in der Tat wenig anderes, was die Welt regiert. Praktiker, die da meinen, daß sie von irgendwelchen intellektuellen Einflüssen gänzlich unberührt sind, sind meist die Sklaven eines vergangenen Wirtschaftswissenschaftlers. ... Doch, früher oder später, sind es die Ideen und nicht die Besitzinteressen, die über Wohl und Wehe entscheiden."

In der Tat: Keynes' Beobachtung findet in der Geschichte des amerikanischen Nachkriegskonservatismus eine glänzende Bestätigung. Die konservative Bewegung in den USA hat als geistige Strömung begonnen. Während des ersten Jahrzehnts nach dem Krieg bestand sie aus einem versprengten Häuflein Intellektueller, die sich in Büchern und Aufsätzen verzweifelt gegen den linksliberalen Zeitgeist zur Wehr setzten. 1955 und 1957 wurden die ersten Zeitschriften gegründet; und erst Anfang der sechziger Jahre wurde ernsthaft der politische Kampf aufgenommen, der nach einigen eklatanten Mißerfolgen 1964, 1968 und 1976, schließlich zu Reagans Triumph von 1980 führen sollte.

Der amerikanische Konservative ist davon überzeugt, daß die Welt letzten Endes von Ideen regiert wird. Es wunderte deshalb niemanden, daß Ronald Reagan während einer Siegesfeier wenige Wochen nach seinem Amtsantritt betonte, daß das Wahlergebnis von November 1980 »ein Sieg von Ideen war - nicht so sehr der Sieg eines Mannes oder einer Partei als vielmehr ein Sieg einer Anzahl von Prinzipien...« Und als er dann darüber nachsann, welche Personen und Institutionen zu diesem Erfolg beigetragen hatten, da nannte er, außer Barry Goldwater und den Zeitschriften Human Events und National Review, die Namen der konservativen Intellektuellen Russell Kirk, Friedrich von Hayek, Henry Hazlitt, Milton Friedman, James Burnham, Ludwig von Mises, Frank Meyer und Whittaker Chambers. Zwei von ihnen waren Österreicher: die in Amerika einflußreichen Nationalökonomen von Mises und von Hayek.

In ihrer Anfangsphase war die konservative Erneuerung das Werk von einigen Universitätsprofessoren, Schriftstellern und Journalisten, die einander in den meisten Fällen nicht persönlich kannten, und die oft auch mit den Arbeiten ihrer Gesinnungsgenossen nur spärlich, wenn überhaupt, vertraut waren. Auch von einer einigermaßen einheitlichen Gedankenwelt konnte in dieser Zeit keine Rede sein. Man hat sogar behauptet, daß das einzige, was diese Pioniere verband, ihre Abneigung gegenüber dem herrschenden Linksliberalismus war. Was an seine Stelle treten sollte - darüber gingen die Meinungen weit auseinander.

Der Historiker George Nash hat in seinem Buch The Conservative Intellectual Movement dargelegt, daß sich in diesem ersten Jahrzehnt drei ideologische Strömungen herauskristallisierten: Erstens die klassischen Liberalen (auch Libertarians oder Libertäre genannt), die in der ständigen Ausdehnung der Staatsaufgaben eine Bedrohung für die persönliche Freiheit erblickten und deshalb eine Rückkehr zu den Prinzipien der freien Marktwirtschaft forderten; die "neuen Konservativen" oder Traditionalisten, die - erschüttert über die Grausamkeiten unseres Jahrhunderts und die Entstehung einer säkularisierten, wurzellosen Massengesellschaft - ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Wiederbelebung der traditionellen religiösen und ethischen Werte hielten; und schließlich die Antikommunisten, die sich größtenteils aus den Reihen der Ex-Radikalen der dreißiger Jahre rekrutierten, und die zutiefst beunruhigt über die Ahnungslosigkeit des Westens angesichts der tödlichen Bedrohung durch den Kommunismus waren.

Trotz dieses, mit dem ideologischen Klärungsprozeß verbundenen Durcheinanders ist gerade die Anfangszeit für den Konservatismus eine wichtige Periode. Denn damals wurde das

geistige Fundament gelegt und in dieser Zeit wurden die Bücher geschrieben, die zu dem geistigen Rüstzeug eines jeden, sich selbst respektierenden "amerikanischen Torys" gehören. In dieser Zeit wurde mit den Klischees und Vorurteilen aufgeräumt, die den Konservatismus für die große Mehrheit der Amerikaner früher unakzeptabel machten.

Im September 1944 wurde Friedrich von Hayeks The Road to Serfdom in den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Das Buch, in dem Hayek die These verficht, daß Sozialismus und Freiheit unvereinbar sind, machte einen großen Eindruck. Eine Kurzfassung erschien in der Massenzeitschrift

Reader's Digest und wurde vom "The-Book-of-the-Month-Club" in mehr als einer Million Exemplaren vertrieben. Laut Milton Friedman zerstörte Hayek mit diesem Buch das Stereotyp, daß die Verteidiger der Marktwirtschaft nur Werkzeuge des Kapitals sein konnten und daß alle anständigen Leute Sozialisten zu sein hätten. Hayek hatte den "Kapitalismus" wieder intellektuell respektabel und verteidigungswert gemacht.

In die gleiche Kerbe schlugen Ludwig von Mises und Henry Hazlitt. Mises war der Autor unter anderem von Omnipotent Government (1944), Bureaucracy (1944) und Human Action (1949). Henry Hazlitt schrieb 1945 einen Bestseller Economics in one Lesson, der sich als publizistischer Dauerbrenner erwiesen hat. Was Hazlitt in diesem Buch anprangerte, war die leider noch immer weitverbreitete Unsitte von Politikern und Journalisten, bei der Beurteilung einer bestimmten Politik nur die unmittelbaren Konsequenzen für eine bestimmte Zielgruppe zu berücksichtigen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was die langfristigen Folgen sein werden - nicht nur für diese bestimmte Gruppe, sondern auch für den Rest der Bevölkerung.

Über große Resonanz verfügt heute Milton Friedman, der Guru der monetären Theorie, der zusammen mit seiner Frau Rose drei sehr lesbare populär-wissenschaftliche Bücher schrieb: Capitalism and Freedom (1962), Free to choose (1980) und The Tyranny of the Status quo (1984). Auch Präsident Fords ehemaliger Finanzminister William Simon erreichte hohe Auflagen mit seinen Polemiken gegen den dirigistischen Zeitgeist: A Time for Truth (1978), A Time for Action (1980). Simon war es auch, der viele Unternehmer zu bewegen wußte, die konservative Seite finanziell zu unterstützen.

Erwähnung verdienen auch Gordon Tullock und der Nobelpreisträger James Buchanan. Die beiden sind die Urheber der ökonomischen Analyse der Politik, der "Public-choice-Theorie". Sie gehen davon aus, daß Bürokraten und Politiker sich bei ihren Entscheidungen nicht weniger vom Eigennutz leiten lassen als die Unternehmer. Der "Profit" der Bediensteten des öffentlichen Sektors drückt sich weniger in Geld aus als in Macht, Wiederwahl, Medienapplaus, Pfründen, Privilegien, mehr Mitarbeitern und höherem Budget. Weil der Staat weniger effizient ist als die Privatwirtschaft, halten diese Ökonomen Staatsversagen für ein größeres Problem als Marktversagen. Sie wollen deshalb möglichst viel Privatisierung und Dezentralisierung und mehr Wettbewerbselemente im öffentlichen Sektor. Nach ihrer Meinung führt die Logik der Politik zu immer höheren Staatsausgaben.

Zurück zu den Anfängen der konservativen Bewegung. 1948 veröffentlichte ein junger Professor für Anglistik in Chicago namens Richard M. Weaver ein Buch, das ihm vom Yale-Politologen Willmoore Kendall die Ernennung zum Spielführer der anti-linksliberalen Mannschaft eintrug. In diesem Buch, dessen Titel Ideas have Consequences zum Waffenspruch der amerikanischen Konservativen geworden ist, führt Weaver die "Auflösung des Westens" auf den Verlust der Transzendenz zurück.

Mit der Veröffentlichung von Russell Kirks The Conservative Mind (1953) gelang den Konservativen der Ausbruch aus dem intellektuellen Ghetto, in dem sie seit Jahren geschmort hatten. Nach einer Hymne in der New York Times wurde das Werk auch in den anderen führenden Zeitschriften und Zeitungen des Landes lebhaft und überaus wohlwollend diskutiert. Das Nachrichtenmagazin TIME widmete ausgerechnet am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, seinen ganzen Buchbesprechungsteil dem Werk des damals 34jährigen Historikers aus Mecosta. Das Buch ist eine brillante Darlegung der konservativen Tradition in Großbritannien und den USA - von Burke bis Santayana, wie der Untertitel verspricht (in späteren Auflagen zeichnet Kirk die Geschichte der Rechten von Burke bis Eliot). Mit seinem überzeugend geführten Nachweis, daß es in der Tat so etwas wie eine konservative intellektuelle Tradition in den USA gebe, widerlegte Kirk die von Links-liberalen kolportierte Behauptung, daß der Konservatismus "unamerikanisch" sei. Kirk gab der amerikanischen Rechten eine Identität; er befreite sie von ihrem Minderwertigkeitsgefühl und gab ihr Selbstbewußtsein und Mut. Er hat den Konservatismus in Amerika wieder salonfähig gemacht. Der Historiker Stephen Tonsor behauptete sogar, daß mit der Veröffentlichung von Kirks Werk der Anfang vom Ende der linksliberalen Vorherrschaft eingeläutet worden sei.

Einen wichtigen Beitrag beim Aufbrechen des linksliberalen Monopols im kulturellen Bereich lieferte die Zeitschrift Modern Age, die 195? von Russell Kirk und dem Verleger Henry Regnery gegründet wurde. Als weitere bedeutende Konservative seien erwähnt: der Politologe Raymond English, der Historiker Peter Viereck und (last but by no means least) Robert Nisbet, der Grandseigneur unter den Soziologen, der seit seinem 1953 erschienenen Buch The Quest for Community in vielen Werken auf die verwüstenden moralischen und sozialen Folgen der Hypertrophie des Staates hingewiesen hat. Wenden wir uns noch dem ehemaligen Kommunisten und späteren scharfen Antikommunisten Whittaker Chambers zu einem TIME-Redakteur, der 1948 dem Un-American Activities Commitee offenbarte, daß er während der dreißiger Jahre ein kommunistischer Spion gewesen sei. Seinen Agentenkollegen Alger Hiss, ehemals hoher Beamter im amerikanischen Außenministerium, enttarnte er bei dieser Gelegenheit. 1952 veröffentlichte Chambers unter dem Titel Witness seine Memoiren, worin er in bewegten Worten schilderte, was ihn dazu getrieben hatte, dem Kommunismus den Rücken zu kehren und - wie er es ausdrückte - "auf die Seite der Verlierer" (damit meinte er den freien Westen) zu treten. Chambers schilderte den Ost West Konflikt in düsteren Farben als unversöhnliche Konfrontation zweier Religionen. Durch den Kommunismus wurde der Mensch vor die unerbittliche Wahl gestellt: "Gott oder Mensch, Seele oder Geist, Freiheit oder Kommunismus". Wie dieses durch und durch pessimistische Buch im chronisch optimistischen Amerika zu einem Bestseller werden konnte, ist schwer erklärlich. Vielleicht vermuteten seine Leser, daß er den Westen aufrütteln wollte und selber - wie Kassandra - heimlich hoffte, seine schrecklichen Prognosen würden sich nicht bewahrheiten.

Auch James Burnham glaubte nicht, daß eine dauerhafte Koexistenz mit dem Kommunismus möglich war. In seinen Büchern The Struggle for the world (1947), The coming Defeat of communism und Containment of Liberation (1953) versuchte er deshalb, eine Strategie für den Sieg des Westens auszuarbeiten. In seinem 1963 erschienenen Buch Suicide of the West unterzog er die Ideologie des Linksliberalismus einer vernichtenden Analyse. Die Funktion dieser Ideologie definierte er als die Rationalisierung der westlichen Selbstaufgabe. Wer für den Pazifismus und Defätismus der Linken während der letzten beiden Jahrzehnte des Kalten Krieges eine Erklärung sucht - hier kann er sie finden. James Burnham wurde kurz vor seinem Tode von Ronald Reagan mit der Medal of Freedom ausgezeichnet, der höchsten bürgerlichen Ehre, die ein Präsident zu vergeben hat. Auch die aus Europa immigrierten politischen Wissenschaftler Gerhart Niemeyer, Stephan Possony und Robert Strauz-Hupe sowie der scharfzüngige Publizist William S. Schlamm haben viel dazu beigetragen, daß den Amerikanern angesichts der roten Bedrohung die Augen geöffnet wurden. Dasselbe kann von Senator Joe McCarthy gesagt werden, obwohl dieser in einer Art und Weise auftrat, die der Sache des Konservatismus letztlich mehr geschadet als genutzt haben dürfte. 1953 wurde von Frank Chodorev die »Intercollegiate Society of Individualists« ins Leben gerufen. Heute heißt es »Intercollegiate Studies Institute« (ISI). Als Modell für seine Organisation diente Chodorev die »Intercollegiate Society of Socialists«, die während der zwanziger Jahre viele Studenten für die Linke zu gewinnen wußte. Ziel des ISI dagegen war und ist es, junge Menschen für das freiheitlich-konservative Gedankengut zu interessieren, die »Erziehung zur Freiheit«, wie Chodorev es nannte. Dies geschieht unter anderem durch Sommerschulen, ein Rednerprogramm und den Verkauf von Büchern zu niedrigen Preisen. Auch gibt das ISI mehrere Zeitschriften heraus, wovon die Intercollegiate Review wohl die bekannteste ist. ISI ist an vielen hundert Universitäten und Colleges vertreten.

Der erste Präsident von ISI wurde der 27jährige William F. Buckley, der 1951 beträchtliches Aufsehen erregt hatte, als er in seinem Buch God and Man at Yale seine Alma Mater der kollektivistischen und atheistischen Indoktrination bezichtigte - eine Anschuldigung, auf die die Universität mit der Grazie und Geschicklichkeit eines von einer Maus in die Enge getriebenen Elefanten reagierte. Buckley blieb nicht lang beim ISI. 1952 war ihm der österreichische Immigrant William S. Schlamm über den Weg gelaufen, der den Millionär Buckley drängte, eine konservative Wochenzeitung zu gründen. 1955 war es soweit. Am 19. November erschien die erste Ausgabe der National Review, die es - wie es in einem Leitartikel hieß - als ihre Aufgabe ansah, sich quer zur Geschichte zu legen und lauthals »Stop« zu schreien.

Das Blatt wurde rasch zum Zentralorgan der konservativen Bewegung. Nicht zuletzt deshalb, weil es Buckley von Anfang an gelang, namhafte Vertreter aller drei konservativen Richtungen zur Mitarbeit zu bewegen. Zu den Redaktionsmitgliedern der ersten Jahre gehörten so verschiedene Temperamente wie Schlamm, Burnham, Willmore Kendall (Buckleys Mentor in Yale), Whittaker Chambers und Frank S. Meyer. Russell Kirk trat nicht in die Redaktion ein, sondern steuerte 25 Jahre lang eine Kolumne bei. In den Spalten des Blattes wurden während der ersten Jahrgänge oft heftige Richtungskämpfe ausgetragen. Besonders Kirk und Buckleys Hausmetaphysiker Meyer gerieten sich dabei manchmal in die Haare. Daß mit einer Ausnahme keiner der Streithähne aus ideologischen Gründen absprang, ist neben den diplomatischen Qualitäten Buckleys - der amerikanischen Fähigkeit zuzuschreiben, über alle verschiedenen philosophischen Ziele und Ausgangspunkte hinweg in praktisch-politischen Angelegenheiten zusammenzuarbeiten.

National Review war und ist nicht nur ein Forum für die verschiedenen Strömungen innerhalb der konservativen Bewegung. Das Blatt hatte auch von Anfang an die Rolle des Schiedsrichters gespielt. So wurde schon während der fünfziger Jahre Ayn Rand, die Hohepriesterin des rücksichtslosen Egoismus, die das Kreuz durch das Dollarzeichen ersetzt wissen wollte, in aller Form aus der Bewegung exkommuniziert. Dasselbe widerfuhr einige Jahre später der rechtsradikalen »John Birch Society«, einer Gruppe, die alles, was ihr nicht paßte, einer kommunistischen Konspiration der Regierung Eisenhower zuschrieb. Kirk gab damals den Birchers die gebührende Antwort, indem er sagte: »Eisenhower ist kein Kommunist - er ist Golfspieler«. Dem National Review geht es ausgezeichnet. Seit dem Amtsantritt von Bill Clinton hat sich die Auflage nahezu verdoppelt.

Der Beitrag von Bill Buckley zum Erfolg der amerikanischen Konservativen ist kaum zu überschätzen. Buckley ist Chefredakteur der National Review, Zeitungskolumnist und Autor von rund dreißig Büchern (darunter eine Thrillerserie mit einem CIA-Agenten Blacford Oakes als Helden). Die Fernsehzuschauer kennen ihn seit 1966 durch sein wöchentliches Programm "Firing Line", in dem er seinen Gesprächspartnern mit viel Esprit (und Grimassen schneidend) auf den Leib rückt. 1965 erheiterte er New York, als er für die Bürgermeisterwürde dieser liberalen Hochburg kandidierte. Keiner wußte besser als Buckley selbst, daß dies ein hoffnungsloses Unterfangen war. Als er von einem Reporter gefragt wurde, was seine erste Tat als neuer Bürgermeister sein würde, antwortete er: "Ich würde eine neue Auszählung der Stimmen beantragen." Mit seinem Witz und seinem eleganten Lebensstil widerlegte er Vorurteile über die Konservativen. Er hat, wie ein Kritiker einmal schrieb, immer versucht, ein Ideologe zu sein, es aber dabei nie geschafft, langweilig zu werden.

Im September 1960 wurde auf Buckleys Familiengut in Sharon, Connecticut, die Jugendorganisation "Young Americans for Freedom" (YAF) aus der Taufe gehoben. Die Zeit der politischen Zurückhaltung der konservativen Bewegung war endgültig vorüber. Das Ziel der YAF war die Mobilisierung der Jugend für die konservativen Ziele. Aus der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift New Guard geht klar hervor, was diese Jugend bewegte: "Uns ist sterbensübel von Kollektivismus, Sozialismus und den anderen Utopien..."

Die Aktionen der ersten drei Jahre standen im Zeichen des Kampfes für die Präsidentschaft von Barry Goldwater. Dieser Senator aus Arizona hatte sich am Ende der fünfziger Jahre allmählich zum Sprecher der rechten Minderheit innerhalb der Republikanischen Partei entwickelt. 1960 schrieb er unter Mithilfe von L. Brent Bozell das Buch The Conscience of a Conservative, das eine Auflage von mehr als dreieinhalb Millionen erreichte. Der Verfasser wurde schlagartig zu einer nationalen Figur und zum politischen Hoffnungsträger der konservativen Bewegung. Daß Goldwater gegen das liberale Establishment innerhalb und außerhalb der Republikanischen Partei 1964 zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, war der erste große politische Erfolg der konservativen Bewegung. Während ihrer Kampagne für Goldwater konnte die YAF Tausende von neuen Mitgliedern gewinnen. Die Begeisterung großer Teile der Jugend für den Konservatismus blieb nicht ohne Wirkung auf das linksliberale Establishment, das sich erneut gezwungen sah, sich von einem seiner Lieblingsklischees zu verabschieden. Und zwar von dem, daß die Jugend der Linken gehöre.

Die Wahlniederlage Barry Goldwaters brach der konservativen Bewegung keineswegs das Rückgrat. Ganz im Gegenteil: Mit der Nominierung Goldwaters war es ihr gelungen, die Kontrolle über die Republikanische Partei fest in die Hand zu bekommen. Ein zweiter Gewinn war das Auftreten von Ronald Reagan, der am Vorabend der Wahl seine Begabung als politischer Redner zum ersten Mal auf nationaler Ebene in einer von Küste zu Küste ausgestrahlten Fernsehansprache unter Beweis stellte. 1966 wurde er in Kalifornien, dem bevölkerungsreichsten Staat der USA, mit großer Mehrheit zum Gouverneur gewählt - was bewies, daß Konservative auch Wahlen gewinnen können. Das im Rückblick wohl wichtigste Ergebnis der Goldwater-Wahlkampagne war, daß sie die Konservativen des Landes miteinander bekannt gemacht hat.

In den siebziger Jahren wurde die konservative Koalition um zwei Komponenten bereichert: die neo-konservativen Intellektuellen und die populistischen Sozialkonservativen, damals auch "neue Rechte" genannt. Nach Irving Kristol ist der Neo-Konservative ein Liberaler, der von der Realität überwältigt wurde. Doch bei den meisten Neo-Konservativen können wir eine Desillusionierung auf Raten beobachten. Die Realität, die sie veranlaßte, sich allmählich vom Linksliberalismus zu trennen, wurde in dem Jahrzehnt seit 1964 von mehreren Ereignissen geprägt: Erstens dem Scheitern der großangelegten und kostspieligen Wohlfahrtsprogramme; zweitens einer Kulturrevolution, die sich in infantilen Studentenprotesten Ausdruck verschaffte, zum Entstehen einer - von vulgärmarxistischen Ideen beherrschten - neuen Klasse führte und den Autoritätsverlust der Institutionen sowie einen beispiellosen amerikanischen Selbsthaß zur Folge hatte; und drittens, auf außenpolitischer Ebene, der traumatischen Niederlage in Vietnam und eines als "neuer Realismus" kaschierten Machtverfalls der USA. Dies sind die politischen und kulturellen Hintergründe der Intellektuellenrevolte, die man, mit einem vom Sozialisten Michael Harrington geprägten Wort, den Neo-Konservatismus nennt.

Auch dies begann, wie so oft, mit einer Zeitschrift. 1965 gründete Irving Kristol The Public Interest mit dem Ziel, das politische Denken in Amerika von Utopien zu befreien. Kristol und sein aus namhaften Sozialwissenschaftlern bestehender Kreis von Mitarbeitern meinte, diese Ziele am besten durch eine kritische Begleitung der ehrgeizigen Reformpläne der Regierung erreichen zu können. Das Ergebnis war, daß einige Binsenwahrheiten sozialwissenschaftlich untermauert wurden. Zum Beispiel die, daß gute Absichten keine guten Ergebnisse garantieren und daß große Pläne in der Regel noch größere Risiken mit sich bringen und oft unvorhergesehene, unerwünschte Folgen haben.

Keiner der Public Interest-Gruppe hatte sich damals die Bezeichnung "konservativ" gefallen lassen; sie sahen sich selbst als skeptische Liberale. Der entscheidende Schritt in Richtung Konservatismus wurde getan, als die Gruppe sich angesichts der Studentenrevolte und der Entstehung einer Gegenkultur bewußt wurde, daß die Ursachen der Krise nicht so sehr politischer, sondern kultureller Natur waren. Besonders der von den neuen Linken gepredigte Haß gegen Amerika brachte sie dazu, die geistigen Grundlagen des amerikanischen Systems - die traditionellen bürgerlichen Werte - zu verteidigen.

Der Neo-Konservative ist ein Aktivist, der für seine Überzeugungen auf die Barrikaden steigt. Als Mitte der siebziger Jahre die Entspannungspolitik Triumphe feierte und die vietnammüden Amerikaner meinten, es sich erlauben zu können, ihren Verteidigungshaushalt zu kürzen und ihr weltweites Engagement drastisch zu reduzieren, gründeten die Neo-Konservativen das "Committee on the Present Danger", um ihre Landsleute über die gefährliche Verschiebung des militärischen Gleichgewichts zugunsten der Sowjetunion und den - allem Entspannungsgerede zum Trotz - unverminderten kommunistischen Expansionsdrang aufzuklären. Ab 1981 konnten führende Mitglieder dieses Vereins wie Reagan, Shultz, Jeane Kirkpatrick, Eugene Rostow und Paul Nitze ihre Sitzungen im Weißen Haus abhalten. 1980 gründeten prominente Neo-Konservative mit ausländischen Gesinnungsgenossen das "Committee for the Free World", einen Intellektuellenverband, der zum Ziel hatte, dem ideologischen Angriff auf die Freie Welt (ohne Anführungszeichen) offensiv zu begegnen.

Norman Podhoretz (Herausgeber von Commentary) und Irving Kristol (der 1977 von der Zeitschrift Esquire zum "Mr.Neo-Conservative" gekürt wurde), aber auch die Soziologen Daniel Bell, Nathan Glazer und Robert Nisbet, die Politologen Seymour Martin Lipset, Arnold Beichman und James Q. Wilson sowie die Historiker Walter Laqueur und Allen Weinstein trugen zum geistigen Durchbruch der Konservativen bei. Die Neo-Konservativen haben daran mitgewirkt, daß sich das Schwergewicht konservativer Publizistik in den letzten zwei Jahrzehnten von der Erörterung philosophischer Grundsatzprobleme zu wissenschaftlich abgesicherten Analysen konkreter Sachfragen verlagert hat. Daß in Amerika die neuen Ideen seit langem auf der rechten Seite des politischen Spektrums entwickelt werden, ist das Verdienst von Irving Kristol und vielen anderen konservativen Intellektuellen.

Doch auch die notwendige "Kriegskasse" darf nicht vergessen werden. 1964 begab sich der Jung-Konservative Richard Viguerie zum Repräsentantenhaus, um die dort verwahrte Liste mit den 12.500 Namen derer, die mehr als 50 Dollar für die Goldwater-Wahlkampagne gespendet hatten, abzuschreiben. 1965 gründete er dann mit einem Mitarbeiter seine eigene Postversandfirma. 1980 hatte er mehr als 250 Mitarbeiter und verfügte über die Namen von mehr als viereinhalb Millionen Amerikanern, die nicht nur konservativ wählten, sondern die auch bereit waren, sich ihre Überzeugung ab und zu einiges kosten zu lassen. Im selben Jahr 1980 hatten die Konservativen Amerikas in Ronald Reagan einen Präsidentschaftskandidaten, der nicht nur von all ihren Flügeln - den Liberalkonservativen, den Traditionalisten, den Antikommunisten, den Neo-Konservativen und der "neuen Rechten" begeistert unterstützt wurde, sondern der es auch vermochte, durch sein gewinnendes Wesen Wählermassen zu mobilisieren. Dazu kam, daß die Bevölkerung von Präsident Carter und seiner nach links geöffneten Demokratischen Partei restlos enttäuscht war. Das Land war endlich reif für eine Wende nach rechts. Die von Ronald Reagan, dem großen Kommunikator, geführte und gut organisierte konservative Bewegung war es auch. Der Rest ist Geschichte - aus der sich (auch für die europäischen Konservativen) lernen läßt.

Konservatives Studienzentrum in den USA

Der unseren Lesern bestens vertraute konservative amerikanische Philosoph Russell Kirk lebt in seinem geistigen Werk weiter. Seine Witwe Annette Kirk sorgt mit dem RUSSELL KIRK CENTER FOR CULTURAL RENEWAL in Michigan für die Weiterverbreitung jener Gedanken, die für die konservative Erneuerung Amerikas und die Ära Reagan konstitutiv waren. Das Russell Kirk Center führt Seminare und andere Veranstaltungen durch mit dem Ziel, politisches und historisches Bewußtsein bei den Heranwachsenden zu fördern. Männer und Frauen aus der Wirtschaft treffen an Wochenenden zusammen, um Ideen und schriftliche Unterlagen zu präsentieren. Gesucht werden nach der Selbstdarstellung des Centers "Heilmethoden für intellektuelle und kulturelle Krankheiten und ihre Auswirkungen auf Schulen, Gesellschaft und religiöse Gemeinschaften". Die private Bibliothek mit 10.000 Büchern steht Studenten aus aller Welt, die an den Piety Hill-Seminaren teilnehmen oder zu Studienzwecken anreisen, zur Verfügung.

Die EPOCHE vermittelt gerne den Kontakt zum Russell Kirk Center.

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