Die konservative Informationsbasis im Internet

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pingreen.gif 1 KB Russische ökologische Wüsten

kirsch.jpg 4 KB Botho Kirsch gestaltete die Sendungen der Deutschen Welle in russischer Sprache. Diese Informationen waren für die Menschen in der früheren Sowjetunion eine wichtige Quelle - nicht zuletzt, um die Wahrheit über Vorgänge in ihrem eigenen Land zu erfahren. Botho Kirsch hat damit einen Beitrag zur Überwindung der kommunistischen Herrschaft in Europa geleistet. Wir sind stolz darauf, daß Botho Kirsch immer wieder auch Beiträge aus der EPOCHE ins Russische übersetzen ließ und in die damalige Sowjetunion ausstrahlte.

Sozialistische Legenden, denen der Westen auf den Leim ging, und die schonungslose Wirklichkeit: Die Langzeitfolgen kommunistischer Murkswirtschaft rauben den Menschen die Lebensgrundlagen

Das Sowjet-System hat aus Rußland ein Entwicklungsland gemacht

von Botho Kirsch

"Schwarz-gelbe Todeswolke über der Tundra", "Rußlands Bevölkerung schrumpft", "Das verstrahlte Erbe des sowjetischen Atomwahns" und "Im Todeshauch des verlorenen Meeres". Das sind nur einige der Schlagzeilen, die von einer auf die eigenen Ökoprobleme fixierten westlichen Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen werden. Dabei geht es um nichts weniger als eine im Osten Europas heraufziehende Umweltkatastrophe von beinahe apokalyptischen Ausmaßen. Gern berufen sich die führenden Staatsmänner des Westens auf Unkenntnis oder bestenfalls auf Falschinformationen, wenn es um die wirtschaftliche Erblast des ehedem real existierenden Sozialismus geht. Erst im Frühjahr 1997 hat die vom Bundestag eingesetzte Enquetekommission zur Überwindung der Folgen der SED-Diktatur die Fehleinschätzung der wirtschaftlichen Leistungskraft des ostdeutschen Mauerstaates als eines der größten Täuschungsmanöver der SED Führung bezeichnet.

Dabei hätte ein Blick in die Leipziger Altstadt oder die Moskauer Hinterhöfe genügt, um sich von der tristen Alltagswirklichkeit einer vom Machbarkeitswahn gezeichneten und von ewigen Mangelkrisen gebeutelten sozialistischen Planwirtschaft zu überzeugen. In Rußland hat ein geradezu frühkapitalistisch anmutender Raubbau an der Natur sowie die rücksichtslose Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft die Lebensgrundlagen der Nation zerstört und das Land auf das Niveau eines "Obervolta mit Atomraketen« (Helmut Schmidt) herabgedrückt.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die östliche Planökonomie produzierte in erster Linie für die Rüstung, dann erst für zivile Bedürfnisse. Die Sowjetunion war das einzige Land der Welt, das sich für seine Armee eine eigene Ökonomie leistete. Das Militär saugte alle Ressourcen auf, fraß die Wirtschaft buchstäblich in sich hinein. Die Folgen sind überall im Osten Europas zu besichtigen: eine größtenteils schrottreife Leichtindustrie, ein verlottertes Schienen- und Straßennetz, ein maroder Wohnungsbau, eine kaputte Umwelt und ein krankes Gesundheitswesen. Sie sind Preis für den Rüstungswahn der Partei und zugleich die schwerste Hypothek des Sozialismus.


volsensk.jpg 5 KB Der kürzlich verstorbene russische Historiker Michail Voslensky im Gespräch mit dem amerikanischen Atomphysiker Edward Teller auf einem EPOCHE-Symposion hat in seinen Studien über die Nomenklatura genau beschrieben, wie in der Sowjetunion schlechte Nachrichten unterdrückt und Umwelt-Katastrophen verheimlicht wurden.

Noch in den sechziger und siebziger fahren versuchte Moskau, seinen Rückstand in der Chemie-Industrie mit Strafgefangenen - "Chimiki"- aufzuholen. Für ihren Einsatz auf den Chemiegroßbaustellen erließ man ihnen die Hälfte ihrer Strafzeit. Auch die Industriegiganten in der Ukraine, dem Ural und in Westsibirien verdanken ihre Existenz nicht der ökonomischen Weisheit der Partei, sondern ausschließlich der Zielsetzung, in kürzester Frist ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt eine schwerindustrielle Basis für die angestrebte Weltmachtstellung zu schaffen.

Ob das EKO-Stahlwerk bei Schwedt an der Oder, das Magdeburger Schwermaschinenkombinat SKET, das mitteldeutsche Braunkohlenrevier Schwarze Pumpe, die Stahlwerke in der ungarischen Puszta oder in den Bergen der Slowakei, die sozialistische Musterstadt Nowa Huta bei Krakau oder die größtenteils mit Heeren von Zwangsarbeitern hochgezogenen geheimen Atomstädte im Ural und in Westsibirien - es sind "politische Fabriken", die mit ihren Schadstoffausstößen die Umwelt vergiften und das Land auf weite Strecken in eine ökologische Wüste verwandeln.

Der Umgang mit der Atomkraft ist ein gutes Beispiel für die tragischen Langzeitfolgen östlicher Murkswirtschaft. Ob beim Bau der Atomkraftwerke von Tschernobyl, Smolensk, Kursk, Rostow, Bjelojarsk, Orenburg oder Odessa - überall wurde gepfuscht, geschlampt und geschludert. Fehlerhafte Planungsunterlagen, ungenaue Materialspezifikationen, unqualifiziertes Personal, nicht eingehaltene Liefertermine - Mängelrügen ohne Zahl. Manche Projekte mußten bis zu vier Mal nachgebessert werden, ehe sie die Abnahmekommissionen passierten. Im bereits fertiggestellten Kernkraftwerk von Rostow lag der Transportkorridor im ersten Reaktorblock 38 Millimeter tiefer als in den Blaupausen verzeichnet.

Nur dem detektivischen Spürsinn eines Shores Medwedjew ist es zu danken, daß die Welt etwas von der Explosion einer Atommülldeponie im südlichen Ural erfuhr, die 1957/53 ein Gebiet von mehreren hundert Quadratkilometern in eine Strahlenwüste verwandelte. Dreißig Dörfer verschwanden damals von der Landkarte. Noch Jahre danach durfte die vegetationslose Mondlandschaft von Tscheljabinsk nur in geschlossenen Fahrzeugen und mit Höchstgeschwindigkeit durchquert werden.

Auch im Norden Kasachstans, wo das Atomversuchsgelände der Sowjetunion lag, gibt es Gebiete, wo jedes dritte Kind tot oder schwer geschädigt zur Welt kommt. In Semipalatinsk, wo in den fünfziger Jahren die erste sowjetische Atombombe gezündet wurde, machen sich genetische Schäden bereits in der vierten Generation bemerkbar.

Tomsk, Krasnojarsk und Dimitrowgrad stehen für einen beispiellosen Umgang mit dem Atommüll, der einfach im Erdreich vergraben wurde. Noch heute streiten die örtlichen Behörden eine Gefährdung von Mensch und Umwelt ab. Die Tonschichten, behaupten sie, schirmen die radioaktiven Abfälle von der Erdoberfläche wirksam ab. Nach Angaben von Fachleuten beträgt die Strahlung der auf diese Weise entsorgten Brennstäbe drei Milliarden Curie - sechzig Mal mehr, als bei der Atomkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde.

Ebenso ist die Kola-Halbinsel um die Hafenstadt Murmansk ein einziger nuklear verstrahlter Schiffsfriedhof mit Dutzenden abgewrackter Atom-U-Boote. Zwei Drittel aller in Rußland anfallenden radioaktiven Abfälle werden einfach ins Meer gekippt - alles in allem elftausend Container, die auf dem Meeresgrund still vor sich hinrosten: eine ökologische Zeitbombe erster 0rdnung!

Im Ergebnis sind große Teile Rußlands - ein Siebtel seiner Landmasse - entweder radioaktiv verseucht oder ein ökologisches Notstandsgebiet. Dementsprechend groß sind die Verluste an biologischer Substanz. Die Zahl der Todesfälle übersteigt die der Lebendgeburten fast um das Doppelte. Allein im vergangenen Jahr verlor Rußland eine halbe Million Menschen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung lag 1994 bei 57 Jahren. "Wir sind ein sterbendes Volk", klagte eine große Moskauer Tageszeitung.

Der russische Naturforscher David Tomalsin, der bis zu seiner Emigration der All-Unionskommission zum Schutz der natürlichen Gewässer gehörte, hat schon Ende der siebziger Jahre in einer Studie auf die verheerenden Folgen der künstlichen Eingriffe in den Wasserhaushalt der Natur hingewiesen. Heute gilt der größte Teil der Trinkwasserquellen in Rußland als stark verschmutzt. Jeder zweite Einwohner ist auf qualitativ minderwertiges, häufig vergiftetes Trinkwasser angewiesen. Selbst die Abluftschächte der Moskauer U-Bahn sind dermaßen verstopft, daß viele Passagiere, besonders in den schwülen Sommermonaten, über Atembeschwerden klagen.

Zwar hat die Umweltsituation sich in den letzten Jahren etwas gebessert, weil die Industrieproduktion und damit die Schadstoffemission stark rückläufig ist. Aber die Bodenbelastung ist unverändert kritisch. Nicht einmal in der Hauptstadt Moskau gibt es eine geregelte Müllabfuhr. Haus- und Industrieabfälle werden wild in die Landschaft gekippt. Hautkrankheiten und Allergien sind eine der Hauptursachen für den schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung.

Seine schlimmsten Blüten trieb der planbürokratische Machbarkeitswahn in dem zentralasiatischen Zweistromland zwischen Amu-Darja und Syr-Darja - nach Ägypten der zweitgrößte Baumwollproduzent der Welt. Zu Recht spricht die UNO von der "größten menschengemachten Umweltkatastrophe dieses Jahrhunderts". Auf ihrem 2500 Kilometer langen Lauf durch Usbekistan und Turkmenistan in den Aral See den größten See der Welt - wurden beide Flüsse immer wieder durch Kanäle angezapft, um den schier endlosen Reisfeldern und Baumwollplantagen Wasser zuzuführen. Die meisten Kanäle sind nicht einmal betoniert, so daß bis zu zwei Drittel der Wassermenge auf dem Weg zu den Feldern nutzlos versickern.

Im Ergebnis ist der lebenspendende Aral See auf ein Viertel seines früheren Umfangs geschrumpft. Zurück blieb eine ausgedehnte Salz- und Sandwüste voller Giftstoffe. Wirbelstürme verteilen die Schmutz- und Salzfracht über die ganze Region bis hinüber nach Norwegen und in den Kaukasus. Früher stand über dem See eine Dunstglocke, die den Steppenwinden Einhalt gebot und das Klima günstig beeinflußte. Ihr Verschwinden bewirkte einen bis in unsere Breiten spürbaren Klima-Umschwung: brutheiße Sommer und eiskalte Winter.

30 Millionen Menschen leben im Einzugsgebiet des Aral-Sees, davon vier Millionen in der Kernzone der Umweltkatastrophe. Vergiftet sind nicht nur die Böden. Die Nitratwerte im Grundwasser übersteigen alle zulässigen Normen. Die Kindersterblichkeit ist erschreckend. Es herrschen Not, Armut und eine hohe Arbeitslosigkeit. Das ökologische Gleichgewicht in Zentralasien ist nicht bloß gestört, es ist vernichtet. Im russischen Kernland der früheren Sowjetunion sieht es freilich nicht viel besser aus.

Willkürliche Eingriffe in die Natur, Umweltkatastrophen ohne Ende, eine sinkende Lebenserwartung und ein allzu sorgloser Umgang mit der Kernenergie haben Rußland auf die Stufe eines Entwicklungslandes zurückgeworfen, das sich aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Teufelskreis von Umweltzerstörung und ungezügeltem Technowahn befreien kann. Bereits der große russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski rätselte über die "unheilbare Düsternis" der russischen Seele. "Es ist die Gleichgültigkeit gegenüber allem Lebendigen, gegenüber der lebenserhaltenden und lebensspendenden Wahrheit des Daseins", notierte er 1876 in seinem Tagebuch: "In unseren Tagen ist diese Gleichgültigkeit, gemessen an den Perspektiven der anderen europäischen Nationen, fast so etwas wie eine russische Krankheit."

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