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Mehr Arbeitsplätze durch Ökologie
Die deutsche Vorreiterrolle im Umweltschutz hat auch der Wirtschaft Nutzen
gebracht - Die aufkommensneutrale neue Kfz-Besteuerung belastet "Dreckschleudern"
und entlastet saubere Fahrzeuge |
EPOCHE-Gespräch mit Bundesumweltministerin Angela Merkel
EPOCHE: Wollen Sie, Frau Merkel, mit der jetzigen Änderung der
Kfz-Besteuerung den Einstieg in eine generelle stärkere Durchsetzung ökologischer
Gesichtspunkte erreichen - durch Belastung des Verbrauchs und Belohnung von
sparsamem Umgang mit Energie?
MERKEL: Die emissionsbezogene Kraftfahrzeugsteuer ist ein wichtiger
Schritt, der ökologisch Zeichen setzt und die Richtung für eine allmähliche
Reform des Steuersystems einschlägt. Der sparsame Umgang mit Energie kann
damit zwar angeregt, aber nicht unmittelbar gefördert werden.
EPOCHE: Aber mittelbar durch eine Art »Drecksteuer«, die jene
am stärksten belastet, die den größten Schadstoffausstoß
verursachen.
MERKEL: Die Änderung des Kraftfahrzeugsteuergesetzes richtet sich
auf die stärkere Berücksichtigung der Schadstoffemissionen bei der
Besteuerung von Personenkraftwagen. Durch diese Steuer wird die
umweltfreundliche Umschichtung des Kraftfahrzeugbestandes beschleunigt und ein
Anreiz gegeben, Fahrzeuge mit Katalysatoren auszurüsten. Das Gesetz wird
die Schadstoffminderung im Straßenverkehr deutlich beschleunigen. Hoch
emittierende Fahrzeuge werden damit um die Jahrtausendwende weitgehend aus dem
Verkehr genommen sein. Diese Fahrzeuge weisen oft auch einen hohen
Kraftstoffverbrauch auf. Außerdem bewirkt das Gesetz, daß besonders
schadstoffarme Fahrzeuge, die Euro-3- und Euro- 4-Werte einhalten und die
derzeit noch in der Europäischen Union diskutiert werden, weit vor ihrem
obligatorischen EU weiten Einführungstermin in Deutschland in den Verkehr
gebracht werden. Das Gesetz setzt darüberhinaus auch erstmals Impulse zur
Verbrauchsminderung. Sogenannte 5-Liter-Autos werden mit 500 Mark und
3-Liter-Autos zusätzlich gefördert. Die Auswirkungen des Gesetzes
werden nach einer Erfahrungszeit von fünf Jahren überprüft
werden. In diese Überprüfung wird auch die mögliche Umlegung der
Kraftfahrzeugsteuer auf die Mineralölsteuer einbezogen.
EPOCHE: Die Steuerpolitik ist gewiß ein brauchbares Instrument,
um auf das Verhalten der Menschen Einfluß zu nehmen, freilich nicht das
einzige. Läßt sich auch in der Umweltpolitik die Forderung nach
weniger Staatsdirigismus und mehr Eigenverantwortung - durch den Einsatz neuer
Instrumente - in die Tat umsetzen?
MERKEL: Ich sähe es gerne, wenn viel mehr mit dem
Umwelthaftungsrecht gearbeitet würde. Dies bedeutet, daß man keine
Genehmigung benötigte, wenn ein Unternehmen die volle Haftung für
seine Produktion übernimmt. Der Staat könnte so auf viele Auflagen
verzichten. Das Haftungsrecht ist ein Instrument der markwirtschaftlichen
Ordnung. Ich würde es sehr begrüßen, wenn es stärker zum
Einsatz käme. Leider ist die Wirtschaft noch skeptisch gegenüber
solchen Überlegungen. Dies hat zur Folge, daß das Ordnungsrecht zunächst
so bleibt, wie es ist. Dabei kann man auf den Staat schimpfen - aber es bewegt
sich wenig.
EPOCHE: Kann es auf Dauer gutgehen, wenn Deutschland mit seinem hohen ökologischen
Standard der eigenen Wirtschaft das Leben schwer macht?
MERKEL: Ohne Frage - Umweltschutz kostet Geld. Wirtschaft und Staat
haben in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld insbesondere für die
Luftreinhaltung, den Gewässerschutz, die Abfallbeseitigung und die Lärmbekämpfung
bereitgestellt und so der deutschen Umweltpolitik zu einer Vorreiterrolle
verholfen. Von zu hohen oder gar "wohlstandsgefährdenden"
Umweltschutzkosten kann jedoch insbesondere aus drei Gründen keine Rede
sein: Erstens: Die Umweltschutzausgaben erreichen gesamtwirtschaftlich noch
nicht einmal zwei Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Zweitens: Weder im
internationalen Vergleich, noch im Vergleich zu anderen volkswirtschaftlichen
Kostenblöcken stellen sie eine ausschlaggebende Größenordnung
dar. Drittens: Auch Die Betriebe haben im allgemeinen keine "zu hohe
Lasten" zu tragen. Gemessen am Umsatz machen die Gesamtaufwendungen des
Produzierenden Gewerbes für Umweltschutz im Jahresdurchschnitt noch nicht
einmal ein Prozent aus - in besonders hoch belasteten Wirtschaftszweigen gerade
einmal drei bis vier Prozent. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß die
Nachrüstung von Altanlagen schon weit vorangekommen ist und die Unternehmen
mehr und mehr auf kostengünstigere, in die Verfahren integrierte
Umweltschutztechniken zurückgreifen können, sind die
Umweltschutzinvestitionen außerdem tendenziell rückläufig.
EPOCHE: Wandern dennoch deutsche Unternehmen ins Ausland ab, um Kosten
beim Umweltschutz zu sparen?
MERKEL: Im Rahmen der Standortdebatte muß man berücksichtigen,
daß Umweltschutzkosten für die Unternehmen eben nicht nur in
Deutschland anfallen. Auch im Ausland und insbesondere in den Ländern mit ähnlichen
Standortbedingungen bezüglich Qualität der Ausbildung, Produktivitätsniveau
und der Infrastrukturausstattung - also beispielsweise USA, Japan oder andere EU
Mitgliedstaaten - fallen Kosten für Umweltschutzmaßnahmen an.
Betrachtet man einmal die OECD-Zahlen zu den Umweltschutzausgaben als Anteil am
Bruttosozialprodukt, so liegen diese bei den einzelnen OECD-Staaten in dem
Bereich zwischen ein bis zwei Prozent. Angesichts der Vorsicht, die man den häufig
nicht in gleicher Weise erhobenen Daten entgegenbringen sollte, sind hier
gesamtwirtschaftlich betrachtet also keine gravierenden Unterschiede zu
erkennen.
EPOCHE: Trotzdem, auf den Konferenzen in Denver und New York haben die
USA und Japan erneut auf ökonomische Grenzen der Ökologie hingewiesen
und damit ihre Skepsis begründet.
MERKEL: Gerade in der Wirtschaft sollte man Umweltschutz jedoch nicht
nur aus der Kostenperspektive betrachten. Umweltschutz bietet auch eine Vielzahl
von betrieblichen Chancen. Die deutsche Vorreiterrolle im Umweltschutz hat dazu
geführt, daß hier frühzeitig eine extrem leistungsfähige
Umweltschutzgüterindustrie entstanden ist. In Deutschland wurden zum
Beispiel 1993 Güter und Dienstleistungen im Umweltschutz für über
60 Milliarden D-Mark in Auftrag gegeben. Der Weltmarkt für Umweltschutz ist
eine der dynamischsten Wachstumsmärkte. Deutschland nimmt - hinter den USA
- eine Spitzenreiterrolle beim Export von Umwelttechnik mit einem
Welthandelsanteil von 18,3 Prozent ein. Aber auch Unternehmen, die nicht zu der
Querschnittbranche Umweltschutz zählen, können eine Vielzahl von
Kostensenkungspotentialen durch Umweltschutz realisieren und ihre eigene
Wettbewerbsfähigkeit damit steigern. Dies ist überall dort der Fall,
wo aufgrund eines fehlenden Umweltmanagements Energie verschwendet, übermäßiger
Abfall produziert und somit Rohstoffe vergeudet werden oder zu viel Wasser
verbraucht wird und zuviel Abwasser entsteht. Ein vorausschauender, systematisch
betriebener Umweltschutz ist in der Lage, diese ökologischen Schwachstellen
beispielsweise mit Hilfe einer Umweltkostenrechnung aufzuspüren und durch ökologisch
und ökonomisch gewinnbringende Maßnahmen zu beheben. Ich bin also der
Meinung, daß Umweltschutz nicht die Qualität des Standorts
Deutschland mindert, sondern eher hebt.
EPOCHE: Auch wenn jedes Land andere Umwelt-Standards kennt und der Wind
jede Luftverschmutzung binnen Stunden über die Grenzen trägt?
MERKEL: Es ist gewiß notwendig, nach der internationalen
Angleichung der Umweltnormen zu fragen. Weniger aus wirtschaftlichen, sondern
vor allem aus ökologischen Gründen müssen wir diese vorantreiben.
Umweltprobleme weisen zunehmend eine globale Dimension auf und werden sich in
den kommenden Jahrzehnten erheblich verschärfen. Deswegen hat die
internationale Zusammenarbeit im Umweltschutz in den vergangenen Jahren stetig
an Bedeutung gewonnen. Entstanden aus der Erkenntnis, daß Umweltschäden
nicht an Staatsgrenzen haltmachen, ist die europäische und weltweite
Zusammenarbeit inzwischen zu einem Schwerpunkt deutscher Umweltpolitik geworden.
Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist dabei eine Harmonisierung der
Umweltschutzanforderungen auf hohem Niveau.
EPOCHE: Herzlichen Dank auch im Namen unserer Leser. (Karl Ludwig
Bayer). |