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Nicht der Euro, sondern der US-Dollar wird die Stelle der
D-Mark einnehmen, wenn die Währungsunion überhastet eingeführt
wird - Ein Experiment, das Europa schadetChristian Watrin,
Professor der Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln und
Vorstandsmitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung |
EPOCHE: »Die Währungsunion wäre für Chirac und Kohl
die eleganteste Methode, die Deutsche Bundesbank loszuwerden«, sagte mir
Andre` Kostolany vor kurzem. Beide wollen die Entmachtung der Bundesbank, wenn
auch aus unterschiedlichen Gründen. Die Franzosen fühlen sich von
dieser mächtigen deutschen Institution bevormundet, während der
Kanzler wohl in erster Linie an seinen großen Traum von einer Europäischen
Politischen Union denkt und alle Zeichen nationaler Souveränität
beseitigt sehen will. Doch kann es eine Währungsunion ohne Politische Union
überhaupt geben?
WATRIN: Die Geldpolitik und was meistens übersehen wird - die
Wechselkurspolitik sollen vergemeinschaftet, also europäisiert werden, während
alles übrige in nationaler Zuständigkeit bleibt. Dies ist ein
Experiment, das es mit Papiergeld noch nie gegeben hat ein Experiment mit
ungewissem Ausgang. Zunächst vertrat ja die Bundesregierung im Vorfeld der
Verhandlungen zum Maastrichter Vertrag die Ansicht, daß die Währungsunion
gleichzeitig mit einer Politischen Union einhergehen müsse. Sie unterlag
jedoch 1992 und jüngst wieder in Amsterdam in den entscheidenden Sitzungen
der Staats- und Regierungschefs mit ihrer Auffassung. Die Partnerstaaten fanden
sich lediglich in wirtschaftsfernen Bereichen bereit, Schritte zu unternehmen,
denen man den Anstrich einer Politischen Union gehen konnte. 1992 wurden eine »gemeinsame
Außen- und Sicherheitspolitik« und eine Zusammenarbeit in der Innen-
und Rechtspolitik vereinbart. 1997 ist ein dubioser Beschäftigungspakt und
ein Stabilitätspakt hinzugekommen.
Von einer echten politischen Vereinigung und kollektivem Handeln kann also
nicht gesprochen werden. Die Ablehnung einer engeren Politischen Union durch die
Vertragspartner Deutschlands macht es freilich nicht überflüssig, zu
fragen, ob und inwieweit eine verstärkte politische Bindung unter den
Mitgliedsländern eine Voraussetzung für einen stabilen Euro wäre.
So vertritt beispielsweise die Deutsche Bundesbank die Auffassung, daß die
Begründung einer Währungsunion den Schritt zur Politischen Union
notwendig mache.
In die gleiche Richtung weisen die Argumente derjenigen, die im gemeinsamen
europäischen Geld die unauflösliche Klammer für den europäischen
Zusammenschluß sehen und die den Integrationsprozeß unumkehrbar
gestalten wollen. Für sie ist die Währungsunion der Hebel, um eine
Europäische Politische Union durchzusetzen. Stößt die politische
Unierung jedoch bei den Mitgliedsstaaten auf Ablehnung, so folgt daraus, daß
auch die Einheitswährung nicht eingeführt werden sollte.
EPOCHE: Und wenn Kohl zusammen mit dem »Club Mediterrane der EU«
dennoch das Esperantogeld auf Biegen und Brechen einführt?
WATRIN: Dann werden sich ökonomische Konflikte, die bisher durch
Auf- und Abwertungen gelöst werden konnten, in politische Konflikte
verwandeln. Letztere werden umso schärfer werden, je weniger die
Wirtschaftspolitik der einzelnen Staaten auf den Euro ausgerichtet wird. Und je
weniger die Mitglieder sich dem Diktat einer Europäischen Zentralbank
unterwerfen, um so größer wird die Gefahr der Politisierung des Euro.
Allein politische Kursänderungen wie durch die jüngsten Wahlen in
Frankreich würden - wenn es den Euro schon gäbe - ein erhebliches
Konfliktpotential erzeugen. Denn stabiles Geld ist mit dem Wirtschaftsprogramm
der Regierung Jospin unvereinbar. Jospins teures Beschäftigungsprogramm führt
zu weiterer Verschuldung. Frankreich ist schon jetzt außerstande, bei
redlicher Rechnungslegung das Drei-Prozent-Kriterium zu erfüllen. Große
politische Spannungen sind die natürliche Folge. Würde die Europäische
Zentralbank schon bestehen, so dürfte sie die Haushaltsdefizite der
Mitgliedsländer nicht finanzieren. Aber die Finanzminister haben bisher
immer Umgehungsstrategien gefunden. Die Aufwertung der deutschen Goldreserven
ist ein Beispiel ...
EPOCHE: ... das doch praktisch auf eine Geldmengenvermehrung hinausläuft.
WATRIN: Ja, es ist eine Geldschöpfung, eine Geldmengenvermehrung,
wenn der aus der Goldaufwertung entstehende Gewinn an den deutschen
Finanzminister abgeführt wird. Ein ähnlicher Effekt entsteht, wenn der
Bund Telekom-Aktien bei einer in Staatsbesitz befindlichen Bank parkt und die
Bank aufgrund dieses Zwangskaufs zweistellige Milliardenbeträge locker
macht. Davon auszugehen, daß die europäischen Finanzminister nicht
tausend Tricks finden, um sich zusätzliches Geld zu beschaffen, halte ich für
naiv. Überdies steht die Unabhängigkeit der Europäischen
Zentralbank auf wackligen Beinen, seit Paris wünscht, daß sie einem
politischen Aufsichtsgremium unterstellt wird. Hier zeigen sich ein weiteres Mal
die Spannungen, die im ganzen System liegen und die sich später in Form
politischer Konflikte entladen werden. Der Europa-Idee tut man damit nichts
Gutes.
EPOCHE: Gibt es die friedensfördernde Wirkung des Euro nur in der
Vorstellungswelt politischer Wolkenschieber?
WATRIN: Die Währungsunion wird zu Konflikten führen. Eine
zentrale Rolle spielt das politische Umfeld und in ihm die gesamtstaatliche
Verfassung - unter Einschluß ihrer Ordnungsprinzipien und allgemein
geteilten Überzeugungen über den Wert oder Unwert stabilen Geldes.
Frankreich und Großbritannien bauen - wenn auch auf verschiedenen
staatsphilosophischen Grundlagen - ihre Geldverfassungen auf der Idee auf, daß
die Bereitstellung von Geld eine staatliche Aufgabe ist, die demokratischer
Kontrolle unterliegt. Die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank
soll deshalb durch politische Aufsicht eingeschränkt werden. Die deutsche
Tradition ist anders. Sie geht davon aus, daß Geldwertstabilität ein
hohes Gut ist und deshalb nicht der Politik unterworfen sein soll.
EPOCHE: Es gibt noch eine andere Idee. Würden die nationalen Währungen
bestehen bleiben und der Euro bloß als Parallelwährung daneben - auf
einem freien Markt der Währungen - um »Kunden« werben und auf
Akzeptanz hoffen, dann wäre zumindest das Konfliktpotential, das im Euro
steckt, entschärft.
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Die Mozzarella-Camenbert-Währung |
WATRIN: Geld ist mehr als bloß ein Tauschmittel. Für die
Deutschen ist die D-Mark auch Ausdruck jenes Selbstwertgefühls, das sie in
den letzten vier Jahrzehnten wieder erworben haben. Den Italienern fällt es
vermutlich leichter, sich von der Lira zu trennen und stattdessen in Euro zu
zahlen. Dies alles könnte in der Tat der freien Entscheidung der Bürger
überlassen bleiben, wenn der Euro als Parallelwährung angeboten würde.
Will man das, muß ein System eingeführt werden, das bei Ausgabe von
Euros die Geldmenge in den nationalen Währungen entsprechend vermindert.
Der freie Wettbewerb wird dann zeigen, welche Währung das größte
Vertrauen genießt. Den Euro als Parallelwährung einzuführen, wäre
eine Konzession an jene Politiker, die behaupten, der gemeinsame europäische
Markt bedürfe unbedingt einer gemeinsamen Währung. Sachlich ist dies
zwar nicht begründet - aber sie glauben es nun einmal.
 Zeichnung:
Stuttmann, Frankenpost |
Die 15 Bremspedale funktionieren einwandfrei ...
... aber, so um Himmelswillen, gibt's hier ein Gaspedal?!! |
EPOCHE: Französische Politiker haben das ehrgeizige Ziel genannt,
mit dem Euro den Dollar zu »entthronen«.
WATRIN: Niemand hat die Franzosen daran gehindert, in den vergangenen
Jahrzehnten eine Weltreserve-Währung - wie die D-Mark - auf die Beine zu
stellen. Sie haben das nicht getan, möglicherweise in der richtigen Einschätzung,
daß es nicht ganz leicht ist, eine Weltwährung zu schaffen. Schließlich
hat es auch für die Bundesrepublik Deutschland Jahrzehnte gedauert, bis
andere Notenbanken die D Mark als Reservewährung akzeptiert haben. Dies hätte
mit dem französischen Franc, wenn man dort eine ebenso solide Politik
betrieben hätte wie die Deutsche Bundesbank, genauso stattfinden können.
Der Schweizer Franken liefert im übrigen den Beweis, daß selbst ein
kleines Land über eine Weltwährung verfügen kann. Die
Gleichsetzung von Größe und Wohlstand eines Staates ist übrigens
ein weit verbreiteter Fehler in der öffentlichen Diskussion. Die
Vorstellung, den Dollar »entthronen zu wollen, erscheint mir schon fast
gemeingefährlich. Sie bewegt sich in der Nähe militärischen
Denkens und betrachtet offenbar den Dollar als "Feind". Dabei ist die
Marktwirtschaft - einschließlich des Wettbewerbs der Währungen - eine
extrem friedliche Veranstaltung. Schließlich: Ob man den Dollar »entthronen«
kann - das entscheiden nicht die Franzosen, sondern die Weltfinanzmärkte.
Ist der Euro schwach, so rutschen die Euro-Länder international weiter ab.
Und auch wenn er stark sein sollte, wird es längere Zeit dauern, ehe er
sich eine der D-Mark vergleichbare Reputation auf den Weltmärkten erworben
hat.
 Zeichnung:
Le Canard enchaine` |
Über den deutschen Willen zur Stabilität der Währung machen
sich die Franzosen lustig:
Ein Schüler wird nach den Konvergenzkriterien gefragt. |
EPOCHE: Wie werden die Weltmärkte Ihrer Meinung nach reagieren,
wenn es 1999 tatsächlich zur Währungsunion kommen sollte?
WATRIN: Zumindest in den ersten drei Jahren werden sich die Investoren
eher scheuen, in den Euro hineinzugehen. Pro Tag finden weltweit Transaktionen
im Wert von 1500 Milliarden Dollar statt. Die Neigung wird nicht sehr groß
sein, einen Teil dieser Transaktionen auf Euro umzustellen, solange nicht
zahlreiche, heute noch offene Fragen geklärt sind. Die meisten Anleger
werden erst einmal abwarten, was aus dem Euro wird. Erst Wenn sich längerfristig
die Stabilität des Euro erweisen sollt, hat er die Chance, einen festen
Platz an den Weltfinanzmärkten einzunehmen. Angesichts der Unsicherheit,
die in den politischen Debatten über den Euro Ausdruck findet, ist es eine
Illusion, davon auszugehen, daß der Euro schnell in die Fußstapfen
der D-Mark treten könnte.
EPOCHE: Und was geschieht mit den vielen Geschäftsabschlüssen,
die heute noch weltweit auf D-Mark-Basis erfolgen, wenn Paris sich durchsetzt
und die D-Mark tatsächlich abgeschafft wird?
WATRIN: Die D-Mark hat Jahrzehnte gebraucht, um weltweit anerkannt zu
werden. Wenn sie wegfällt, werden viele Abschlüsse, die heute noch in
D-Mark erfolgen, zunächst auf Dollar umgestellt, nicht auf Euro. Der
Nachfolger der D-Mark wird also vorerst nicht der Euro sein, sondern der US
Dollar. Das Konglomerat aus verschiedensten europäischen Währungen
und die Notwendigkeit, sich von Fall zu Fall immer wieder zusammenzuraufen, gibt
dem Euro keine schnellen und guten Chancen auf den Weltmärkten.
EPOCHE: Ein Währungs-Chor mit vielen Dissonanzen?
WATRIN: Das ist ein gutes Bild, denn es treten Sänger in den Chor
ein, die bisher weder gemeinsam geprobt noch gesungen haben. Und angesichts der
tiefgreifenden Divergenzen über die Rolle der Geldpolitik ist man sich
nicht einmal darüber im klaren, welches Stück man gemeinsam singen
will.
EPOCHE: Wenn das alles nicht zusammenpaßt, wird dann nicht die
Enttäuschung so groß sein, daß die Idee der europäischen
Zusammenarbeit dauerhaft Schaden nimmt? Halten sie es also für denkbar, daß
die Währungsunion gestartet wird und danach wieder in die Brüche geht?
Kann ein Regierungswechsel in einem Teilnehmerland so etwas auslösen?
WATRIN: Bundesbankpräsident Tietmeyer warnt zu Recht und
beharrlich vor einem Scheitern der Währungsunion. Der Schaden wäre
beträchtlich auch für die europäische Idee. Aber Kohls Warnung in
diesem Zusammenhang, daß die Währungsunion eine Frage von Krieg und
Frieden sei, ist Unfug. Demokratien sind, wie die Geschichte zeigt, friedliche
Herrschaftsformen. Weder das deutsche noch das französische Heer werden
aufeinander einschlagen, wenn die Währungsunion nicht kommt oder scheitert.
EPOCHE: Was passiert, wenn durch die Euro-Einheitswährung in
einzelnen Teilnehmerländern Anpassungsprobleme auftreten?
WATRIN: Wenn sich beispielsweise in Portugal die Arbeitslosenzahl infolge
einer unvernünftigen Lohnpolitik wesentlich erhöht, wird man zunächst
auf der nationalen Ebene versuchen, damit fertig zu werden. Gelingt dies nicht,
wird man - da das Ventil der Wechselkursveränderungen in der Währungsunion
nicht mehr verfügbar ist Hilfe auf europäischer Ebene anfordern, also
Transfers über das schon bestehende Maß hinaus verlangen. Doch wer in
Europa wird schon dazu bereit sein, die Brüsseler Kassen noch weiter zu füllen
und eine teure Beschäftigungspolitik zu finanzieren? Der Euro wird also
Unfrieden erzeugen und viele Probleme, die sich heute geräuschlos bewältigen
lassen, derart politisieren, daß dadurch ständig neue Reibungsflächen
entstehen. Besser wäre es, die Vielfalt Europas zu respektieren. Im
wirtschaftlichen Bereich wäre schon das Zustandekommen eines echten großen
Freihandelsraums für ein Europa der Fünfundzwanzig - oder mehr eine außerordentliche
Leistung. Wird zusätzlich die Entwicklung der europäischen
Rechtsgemeinschaft weiter gefördert, so wird vieles über eine bloße
Freihandelszone weit hinausgehen. Eine gemeinsame Währung und der Versuch,
mit ihrer Hilfe eine Politische Union zu erzwingen, wird hingegen bei den vielen
kleinen europäischen Staaten weit mehr als nur die Sorge vor einem neuen
Hegemoniestreben der Großen heraufbeschwören. Mit offenen Märkten
und dem Wettbewerb der Währungen sichert Europa seine Zukunft besser als
mit dem riskanten Großexperiment einer Währungsunion.
EPOCHE: Besten Dank auch im Namen unserer Leser!
(Karl Ludwig Bayer)
 tz-Zeichnung:
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