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N. Volkow untersuchte die Wirkung von THC, dem Hauptwirkstoff von Marihuana und Haschisch, auf das menschliche Gehirn. Mit der Positronen-Emmissions-Tomographie (PET) wurde ein bildgebendes Verfahren entwickelt, das erlaubt, Bilder vom Gehirn herzustellen, welche die Hirnfunktionen - chemische - Vorgänge widerspiegeln. |
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Positronen-Emissions-Tomographie zur Untersuchung der Wirkung von Marihuana im menschlichen Gehirn |
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Durch den Einsatz von Positronenemittern - radioaktiven Stoffen
- werden Substanzen von physiologischem oder pharmakologischem
Interesse markiert, sogenannte Tracer; ihre Verteilung im Gehirn kann
mit dem PET-Scanner gemessen werden. Neben den PET-Messungen wurden
die Herz-Kreislauf-Wirkungen von THC überprüft sowie das
subjektive Rauscherlebnis, Verhaltensreaktionen und Beeinträchtigungen
der Motorik aufgezeichnet. Bei den Testpersonen zeigten sich
verschiedenste unangenehme psychische Empfindungen, die bis zu
paranoiden Wahnsymptomen reichten. In den PET-Messungen fand man bei
fast allen Testpersonen eine Aktivierung des Kleinhirns unter THC. Das
Ausmass der Aktivierung stand mit dem Grad des subjektiven
Rauschzustandes in Beziehung. Das Kleinhirn steht in enger Verbindung
mit dem limbischen System, dem Teil des Gehirns, der für die
Entstehung von Emotionen bedeutend ist. Tierexperimentelle Studien
haben gezeigt, dass das Kleinhirn sowohl bei der Feinsteuerung von
Bewegung und Wahrnehmung als auch bei Emotionen, Lernen und
Aufmerksamkeit eine Rolle spielt. Deshalb wird durch THC die Fahrtüchtigkeit
und/oder die Berufsausübung eindeutig beeinträchtigt. von Prof. Dr. Nora Volkow, Brookhaven National Laboratory, Upton, New York, USA Bevor ich beginne, möchte ich dem Organisationskomitee für die Einladung zu diesem Symposium danken. Ich werde über zwei Dinge sprechen: Über Marihuana und über die Positronen-Emissions-Tomographie. Warum über beides? Marihuana wird in einigen Ländern, in einigen Kontinenten seit Jahrhunderten als Droge konsumiert. Trotzdem und trotz einer enormen Zahl von Untersuchungen an Tieren haben wir sehr geringe Kenntnisse über die Wirkmechanismen dieser Droge. Warum nehmen die Menschen gern Marihuana? Was geschieht im Gehirn einer Person, die Marihuana konsumiert hat, das sie veranlasst, mehr von dieser Droge zu wollen? Welches sind die chemischen und funktionellen Veränderungen im Gehirn dieses Individuums, die zur Sucht führen? Dies sind Fragen, die wir mit Tierexperimenten nicht haben beantworten können. Weshalb fehlen uns diese Kenntnisse? Eines der grössten Probleme ist die Tatsache, dass das Hauptzielorgan der Drogen das Gehirn ist. Nun ist dieses Organ sehr unzugänglich und deshalb ist es schwer zu untersuchen, was in dessen Innern vor sich geht. Um die Auswirkungen der Drogen zu untersuchen, mussten wir bis jetzt indirekte Parameter messen oder neuropsychologische Tests durchführen. Wir haben nun neue Verfahren entwickelt, die es uns ermöglichen, Bilder vom Gehirn herzustellen, die die Hirnfunktion, chemische Vorgänge, wiedergeben. Eines dieser neuen bildgebenden Verfahren ist die Positronen-Emissions-Tomographie (PET), und über diese Technik werde ich heute sprechen: Die Verwendung von PET zum besseren Verständnis der Suchtmechanismen von Marihuana und der Wirkmechanismen von THC, dem wichtigsten aktiven Bestandteil von Marihuana. PET ist ein Instrument, eine Maschine, die Bilder vom Gehirn herstellt (es können damit ebenso Bilder anderer Organe hergestellt werden). Die Bilder basieren auf der Fähigkeit des Gerätes, Konzentrationen von verschiedenen mit Positronenemittoren markierten Verbindungen im Innern des Gehirns zu messen. Weshalb ist das wichtig? Wir können verschiedene Substanzen beobachten, die bei den physiologischen und chemischen Abläufen des Gehirns eine wichtige Rolle spielen. Wir können auf diese Weise auch die Drogen selbst verfolgen, indem wir sie mit diesen Positronenemittoren markieren. Dadurch sind wir in der Lage zu erkennen, in welchen Gehirnarealen sich diese Drogen anreichern, wie lange sie dort verbleiben und welches die Langzeitauswirkungen von wiederholtem Missbrauch auf das Bindungsverhalten der Drogen im Gehirn sind. Der Unterschied zwischen PET und anderen bildgebenden V erfahren wie der Kernspintomographie (MRI) oder der Computertomographie (CT) ist, dass man durch das CT und das MRI anatomische Informationen über das Gehirn erhält. Diese sind bei strukturellen Schäden von grossem Nutzen, wie zum Beispiel bei Blutungen, Tumoren, Infarkten und/oder bei Hirnatrophie. Bei einer Dysfunktion des Gehirns ohne strukturelle Begleitschädigung können die hergestellten Bilder jedoch völlig normal erscheinen. Ein CT- oder MRI-Bild des Gehirns eines Toten zum Beispiel kann völlig normal sein. Im Gegensatz dazu ergibt PET ein Bild der Hirnfunktion, so dass das Bild eines Gehirns einer toten Person völlig schwarz wäre. Es liesse sich gar kein Bild herstellen. PET benötigt den Einsatz von Positronenemittoren. Das sind radioaktive Isotope, die verwendet werden, um Substanzen von physiologischem oder pharmakologischem Interesse zu markieren, damit sie mit dem PET-Scanner gemessen werden können. Es gibt Positronenemittoren für natürliche Elemente lebender Organismen: Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff. Für Wasserstoff gibt es keinen Positronenemittor, wobei dieser jedoch durch Fluor ersetzt werden kann. Diese Isotope können verwendet werden, um Substanzen zu markieren, ohne dass deren Eigenschaften sich ändern. Wir können ein natürliches Kohlenstoffatom durch ein 11C-Isotop ersetzen und somit das Verhalten dieser Substanz verfolgen, ohne deren Pharmakologie zu stören. Positronenemittoren haben eine sehr kurze Halbwertszeit, so dass die Dosis, welche dem Probanden verabreicht wird, sehr gering ist. Die Halbwertszeit von 11C beträgt zum Beispiel zwanzig Minuten, diejenige von 15O zwei Minuten. Diese kurzen Halbwertszeiten erlauben uns, mehrere Messungen bei ein und derselben Person durchzuführen. Wiederholte Messungen sind für Studien sehr wichtig, bei denen die Wirkungen der akuten Verabreichung einer Droge auf das Gehirn untersucht werden. Wegen deren kurzer Halbwertszeit verursachen sie überdies keine Entsorgungsprobleme. Die Nachteile von PET sind folgende: PET ist ein sehr teures Verfahren. Die Isotope müssen vor Ort hergestellt werden, wofür in der unmittelbaren Umgebung ein Zyklotron zur Verfügung stehen muss. Der Betrieb eines PET-Zentrums benötigt die Mitarbeit von Experten aus verschiedenen Wissensgebieten. Wie können wir PET anwenden, um die Suchtpotenz der verschiedenen Drogen zu untersuchen? Es gibt zwei Strategien:
Die Anwendung von Positronen-markierten Drogen wird im Kapitel über Kokain aufgezeigt. Dieses Kapitel handelt von der Verwendung von funktionellen Tracern in der Drogenforschung. Funktionelle Tracer liefern uns Informationen über Hirnfunktionen. Die am häufigsten verwendeten funktionellen Tracer sind:
Diese Tracer können für die funktionelle Darstellung des Gehirns deshalb verwendet werden, weil die Hauptenergiequelle im Gehirn Glukose ist und diese durch den zerebralen Blutstrom transportiert wird. Wenn ein Hirnareal sehr aktiv wird, so steigt dessen Verbrauch von Glukose und dessen Blutfluss. Es kann dann beobachtet werden, welche Areale des Gehirns aktiviert sind, indem man die regionale Konzentration dieses radioaktiven Tracers misst. Diese Tracer können dazu verwendet werden, die Wirkungen von Drogen zu untersuchen. Durch Verabreichung einer Droge ist es möglich festzustellen, welche Areale des Gehirns auf die Drogenwirkung empfindlicher reagieren, indem die Veränderungen des Stoffwechsels aufgezeichnet werden. Ein anderer Vorteil dieser Strategie besteht darin, dass man die Droge einer wachen Versuchsperson gibt, so dass die Aktivierung von bestimmten Hirnarealen mit dem Auftreten von bestimmten Verhaltensweisen beim Individuum korreliert werden kann. Die Mechanismen, mit denen die Cannabinoide ihre pharmakologischen Wirkungen hervorrufen, sind immer noch unklar. Es gibt darüber mehrere Hypothesen. Marihuana ist eine sehr lipophile Substanz und dringt sehr leicht in Membranen ein. Eine der am meisten diskutierten Theorien ist die, dass die Wirkung von Marihuana das Resultat einer Störung der Membranen ist. Andere Theorien über den Wirkungsmechanismus von Marihuana gehen dahin, dass es die enzymatische Aktivität verändert und die Übertragung von Neurotransmittern unterbricht, wie die kürzliche Identifizierung und Isolierung von Cannabinoidrezeptoren vermuten lassen. Warum ist es überhaupt wichtig, sich mit THC zu befassen?
Die Studien, die in diesem Kapitel behandelt werden, benutzen 18F-Deoxy-Glukose, ein Glukoseanalogon, um die Wirkungen von THC zu untersuchen. Um den Glukosestoffwechsel in den verschiedenen Hirnregionen zu untersuchen, umfassen diese Studien zwei Messungen: Bei der einen befindet sich die Testperson im Normalzustand und ist nicht berauscht, bei der anderen ist die Testperson von der Droge berauscht, in diesem Fall von THC. Indem wir diese zwei Messungen vergleichen, können wir unterscheiden, welche Hirnareale von der Droge beeinflusst werden. Wir können auch die Hirnareale messen, die empfindlicher auf die Droge reagieren. Auf Grund der betroffenen Hirnareale können wir dann bestimmte Neurotransmitter und/oder Hirnsysteme mit dem Verhalten unter Einfluss dieser Droge in Verbindung bringen. Diese Studie wurde an elf männlichen Personen durchgeführt: acht normale Kontrollpersonen und drei Marihuanakonsumenten. Die Personen wurden mit offenen Augen und unverschlossenen Ohren getestet. Dies ist wichtig, da man einen funktionellen Tracer beobachtet, bei dem jede externe Stimulation die Bilder beeinflusst. Man muss daher ausserordentlich vorsichtig sein. Bei jeder Person wurden zwei Aufnahmen gemacht: Ein Kontrollbild ohne THC und eine Aufnahme unter Drogeneinfluss. Das Kontrollbild wurde zuerst aufgenommen, die Aufnahme unter THC-Einfluss wurde am zweiten Tag gemacht. THC wurde intravenös in einer Gesamtdosis von 2 mg während 60 Sekunden verabreicht. Die FDG (Glukose) wurde 30 bis 40 Minuten nach der Verabreichung von THC injiziert. Zusätzlich zu den PET-Messungen des Stoffwechsels massen wir die Verhaltensauswirkungen von THC, die kardiovaskulären Wirkungen, die Konzentration des Plasma-THC und die Plasmakonzentration des Hauptmetaboliten von THC, THC-COOH.
Die Testpersonen zeigten sehr verschiedene Verhaltensreaktionen, obwohl sie alle die gleiche Menge THC unter den gleichen Bedingungen erhalten hatten. Wir teilten die Verhaltensänderungen ein, indem wir die Patienten baten, anhand einer Skala von 0 bis 10 anzugeben, wie berauscht sie sich fühlten. Unsere Einteilung reichte von einem Patienten, der gar nichts oder fast nichts spürte, bis zu anderen, die angaben, dass es das stärkste Rauscherlebnis ihres Lebens gewesen sei. Wir überwachten ebenfalls die motorischen Auswirkungen von THC auf die Testpersonen und fanden auch hier sehr verschiedene Reaktionen: Einige zeigten in einem klassischen neurologischen Test keine Anzeichen einer motorischen Beeinträchtigung, andere zeigten ausgeprägte motorische Beeinträchtigungen durch THC. Am Ende der Untersuchung baten wir die Personen, ihre Erfahrungen zu beschreiben. Vier der Testpersonen beschrieben ihre Erfahrung als äusserst unangenehm, und drei von ihnen durchlitten intensive paranoide Symptome. Die Auswirkungen von THC auf den Glukosestoffwechsel des Gehirns waren ebenfalls sehr verschieden. Bei vier der Testpersonen nahm der Stoffwechsel ab, bei fünf zu und bei zweien war keine Veränderung des Stoffwechsels zu beobachten. Die Reaktion des gesamten Gehirns auf THC war ebenso verschieden, es gab sehr spezifische Aktivierungsmuster als Sekundärreaktion auf THC.
Tabelle 1 zeigt die durchschnittlichen Stoffwechselwerte für die verschiedenen Gehirnregionen: Frontal, parietal, temporal, occipital, Basalganglien, Thalamus und Zerebellum im Normalzustand und während des THC-Rausches. Die einzige Region, in der sich signifikante Unterschiede zwischen Normalzustand und THC-Rausch feststellen liess, war das Zerebellum (Kleinhirn). Es wurde durch THC-Einnahme aktiviert. Das Ausmass der Aktivierung des Zerebellums stand mit dem Grad des Rauschzustandes in Beziehung, so dass diejenigen Testpersonen, die einen höheren Anstieg ihres Kleinhirnstoffwechsels hatten, auch die gleichen waren, die die Rauschwirkung des THC am stärksten erlebten.
Zusammengefasst zeigt die Studie folgendes:
Wir könnten jetzt auf die Eingangsfrage: "Wie wirkt THC?" so antworten, dass die Wirkungen von THC auf den Stoffwechsel des Gehirns nicht mit THC in Verbindung stehen. Membranstörungen scheinen nicht vorzuliegen, weil wir sonst einen gleichmässigen Effekt über das ganze Gehirn beobachtet hätten. Im Gegenteil, die Reaktion war sehr gut lokalisiert. Tatsächlich wurde auch in autoradiographischen Studien, die an Tieren durchgeführt wurden, um Verteilung . und Bindungsorte der Cannabinoide zu untersuchen, eine sehr gut lokalisierte Verteilung dieser Droge im Gehirn beschrieben. Diese Studien zeigten, dass eines der Gebiete mit der höchsten Konzentration von Cannabis-Rezeptoren das Zerebellum war. Kleinhirn-Aktivierung durch THC ist ein überraschender Befund, da das Zerebellum bis anhin als Koordinationsstelle des motorischen Verhaltens angesehen worden ist. Das Zerebellum ist jedoch neuroanatomisch auch mit dem limbischen System verbunden. Das limbische System spielt bei der Entstehung von Emotionen eine grosse Rolle. Des weiteren wirkt sich die Stimulation des Zerebellums bei Tieren positiv verstärkend aus, und die Tiere stimulieren sich selbst, weil es vermutlich etwas hervorruft, das sie als angenehm empfinden. Tierexperimentelle Studien haben ebenfalls gezeigt, dass das Kleinhirn nicht nur bei der Modulation der Bewegung und Wahrnehmung eine Rolle spielt, sondern auch bei Emotionen, beim Lernen und bei der Aufmerksamkeit. Daher muss die Frage: "Könnte THC die Fahrtüchtigkeit und/oder die Berufsausübung beeinträchtigen?" wahrscheinlich bejaht werden. Die Individuen sind sich dessen vielleicht nicht bewusst; in der Tat berichtete eine der Testpersonen, dass sie subjektiv keine Auswirkungen des THC spürte, obwohl sie eine Stoffwechselaktivierung des Kleinhirns aufwies. Diese Studie zeigt eindeutig, dass THC zu einer ausgeprägten Störung der Kleinhirnaktivität führt. DiskussionFrage N. Volkow Frage N. Volkow Quelle: Wege zu einer drogenfreien Gesellschaft und
Pathophysiologie der Rauschgifte = Ways to a Drug-Free Society and
Pfysiopathology of Illicit Drugs, Zürich, 1991, S. 143 ff; |