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Schweizer Ärzte gegen Drogen - Zürich 1997

Herausgeber: Schweizer Ärzte gegen Drogen, Postfach 2170, 8033 Zürich

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Nadel, grün

Heroin und andere Opiate im Umfeld psychotroper Drogen - Ein Überblick für die drogenpolitische Diskussion

von Dr. Michael G. Koch

Einleitung: Für eine Jugend ohne Drogen

Die Substanzen

Opiate
Opiat-Wirkungen

Der Süchtige

Das Suchtpotential

Der Kern der Drogenproblematik

Dynamik und Konsequenzen
Glück durch Wechsel auf die Zukunft

Aus der Geschichte der Rauschgifte: leidvolle Erfahrungen

Die antike Droge «Kummerlos»
Von der Bezirzung zum abgeschnittenen Lebensfaden

Mittelalter: der Weg zum Blocksberg und zur «Wahrheit»

Renaissance: mit Bilsenkraut herumdürmeln
Neuzeit: von Struensee bis Escobar
Chinas langer Leidensweg - Tataren, Opiumkrieg und Maoismus
Japan: China erfolgreich nachgeahmt
USA: Die Düngung der «killing fields of America» durch liberale Träume
Grossbritannien: die Lady und die Heroinsüchtigen
Schweden: Verzehnfachung der jugendlichen Süchtigen
Recht auf Rausch?

Hirnphysiologische Grundlagen der Suchtentwicklung

Selbstkontrolle: Zugriff der Hirnrinde aufs Stammhirn
Lustzentrum: Verhaltenssteuerung durch Belohnung
Belohnung ohne Anlass: Verwirrung und Entgleisung
Endorphine und Opiatrezeptoren
Entwicklungsgeschichtlich: ererbte Stressantworten

Sturm und Flüstern im Gehirn

Worum es im Grunde geht

Legitime Interessen geopfert
Verratene Traditionen des Abendlandes
Bewusstsein, Freiheit und Lebenschancen

Literatur

Für eine Jugend ohne Drogen

«Beim Menschen ist es nie so, dass man etwas Existentielles, Lebensentscheidendes lösen kann durch einfache Technik, durch eine medizinische Lösung. Die Frage stellt sich anders. Was steht menschlich auf dem Spiel? ... Deswegen ist es eine reine Perversion des Denkens, wenn man behauptet, es gehöre zu den Menschen rechten, Drogen konsumieren oder nicht konsumieren zu dürfen. Das stimmt nicht! Die Droge negiert die Menschenrechte, indem sie leugnet, dass man letztlich nicht von einem Arzt die Erlaubnis bekommt, sondern vom eigenen Gewissen. Weil der Mensch verantwortlich entscheiden kann - und da er kann, entscheiden soll -, hat er die Pflicht, ein entscheidendes Wesen zu sein. Das ist, was wir nicht loswerden können. Diese Verbindung gilt seit dem Tag, an dem der Mensch geschaffen wurde.»

Jeanne Hersch, Philosophin

Seit Jahren findet in der Schweiz eine schleichende Drogenliberalisierung statt, die die gesunde Abwehr gegen Drogen in unserer Gesellschaft immer mehr schwächt. Die von den Medien und einigen Parteien vehement forcierte Liberalisierungsdebatte hat dazu geführt, dass die Forschungsergebnisse über die Schädlichkeit der Drogen weder der Bevölkerung noch der Ärzteschaft bekannt sind. Anders ist die negative Stellungnahme der Verbindung der Schweizer Ärzte FMH nicht zu erklären.

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, haben sich Ärzte aus der ganzen Schweiz zusammengeschlossen und die Vereinigung Schweizer Ärzte gegen Drogen gegründet. Vornehmstes Ziel unserer Vereinigung ist der Schutz der Jugend und der ganzen Bevölkerung vor Rauschgiften. Dazu ist es notwendig, das medizinische Wissen über die gesundheitlichen Gefahren unseren Ärztekollegen, aber auch der ganzen Bevölkerung und insbesondere der Jugend wieder bekanntzumachen.

Medizinisch-ethische Begründung

Rauschgifte unterstehen wegen ihrer Gefährlichkeit für Körper und Psyche weltweit einem Konsumverbot. Ist heute die Meinung - nicht nur unter Laien - weit verbreitet, Cannabisprodukte seien «harmlos», belegt eine grosse Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen das Gegenteil. Kürzlich veröffentlichte Studien zeigen, dass Cannabis ebenso wie Heroin, Kokain und Alkohol das zentralnervöse Dopamin-Belohnungssystem aktiviert und damit auf dem gleichen Weg zu einer Abhängigkeit führen kann. Zwischen den Substanzen besteht also kein wesentlicher Unterschied im zentral-nervösen Wirkmechanismus. Das Gefährdungspotential ist vergleichbar.

Prävention

Rauschgiftkonsum hat schwere seelische, körperliche und soziale Auswirkungen. Zum Schutz der Jugend und der gesamten Gesellschaft müssen deshalb alle Massnahmen einer verantwortungsvollen Politik auf Rauschgiftabstinenz ausgerichtet sein. Ein wichtiger Teil der ärztlichen Tätigkeit ist die Prävention, die auch in der Aufklärung des Patienten über gesundheitsschädigendes Verhalten besteht. Präventive Bemühungen können jedoch vor allem dann wirksam werden, wenn der Arzt mit seinem Handeln nicht alleine steht, sondern in einen gesamtgesellschaftlichen Konsens eingebunden ist. Aus diesem Grund ist es für eine wirksame Drogenprävention besonders wichtig, dass in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür besteht, dass Drogenkonsum schädlich ist und Menschen davor geschützt werden müssen. Dieses Bewusstsein wiederherzustellen, ist das Anliegen der Initiative für eine «Jugend ohne Drogen».

Therapie

«Primum nil nocere» ist ein Leitsatz ärztlichen Handelns. Der Arzt legt deshalb strengste Massstäbe bezüglich Schädlichkeit an eine Behandlungsmethode an. Ist ein Vorgehen mit zu grossen Risiken verbunden, wird dieses selbstverständlich gemieden. Dieser bewährte Grundsatz ärztlichen Handelns soll nun bei Rauschgiften anders sein: Die Abgabe von Heroin, später vielleicht auch von Kokain, soll zur ärztlichen Tätigkeit werden - auch in der Praxis des Allgemeinarztes und des Internisten. Heroin mit seinem extrem hohen Abhängigkeitspotential und seinen toxischen Wirkungen auf ZNS, Immunsystem und andere Organsysteme darf jedoch niemals als «Therapeutikum» eingesetzt werden. Heroinabgabe an Süchtige bedeutet letztlich nichts anderes als Kapitulation vor süchtigen Bedürfnissen, der Arzt wird mitschuldig.

Die Heilung von grundsätzlich heilbaren Krankheiten - und dazu zählt auch die Drogensucht darf nicht aufgeschoben werden. Je früher ein Drogensüchtiger für Entzug und Therapie motiviert wird, desto grösser ist seine Chance, zu einem drogenfreien Leben zurückzufinden. Die heute praktizierte «Überlebenshilfe» mit Fixerräumen, flächendeckender niederschwelliger Methadonabgabe, vom Sozialamt finanzierten Wohnungen und Abgabe von «reinem» Rauschgift bedeutet eine Suchtverlängerung, womit die Motivation des Süchtigen für eine selbstbestimmte und sinnvolle Lebensgestaltung von Jahr zu Jahr sinkt.

Das immer wieder vorgebrachte Argument, für Entzug, Behandlung und Wiedereingliederung Süchtiger könnten die finanziellen Mittel nicht aufgebracht werden, ist nicht nur unärztlich, sondern auch wirtschaftlich kurzsichtig. Die Unterlassung der Früherfassung und das Belassen der Süchtigen in ihrem Zustand kostet die Gesellschaft letztlich das Mehrfache an Aufwand und Ausfall, und zwar durch fehlende Lebensleistung, Krankheit, Invalidität und Kriminalität der Süchtigen, von Lebensqualität und individuellem Wertgefühl der Betroffenen und ihrer Angehörigen ganz zu schweigen.

Gefestigte ehemalige Drogensüchtige, die heute ein drogenfreies Leben führen, lehnen die Drogenabgabe ab. Sie betonen, dass ihre Motivation zum Ausstieg durch die Möglichkeit einer Drogenabgabe geschwächt worden wäre. Auch stelle die Drogenabgabe ein klares Signal dafür dar, dass der Abhängige vom Arzt als unheilbar betrachtet und aufgegeben werde. Eine breite Palette des therapeutischen Angebots ist auf jeden Fall notwendig und unterstützenswert. Wichtigstes Kriterium dabei ist - wie bei jeder Therapie - der entsprechende Erfolg, der bei den niederschwelligen Angeboten und der Heroinabgabe entgegen allen Behauptungen nicht eingetreten ist. Bei der Therapie ist ein drogenfreies Leben das wichtigste Erfolgskriterium, das innert nützlicher Frist (ein bis zwei Jahren) und nicht in ferner Zukunft erreicht werden soll.

Mit der Entscheidung für oder gegen eine Jugend ohne Drogen tragen wir auch die Verantwortung für die Folgen. Durch eine weitere Drogenliberalisierung sind vor allem Jugendliche gefährdet, die viel leere Zeit, aber nicht die Möglichkeit oder den Willen zu ihrer sinnvollen Gestaltung haben, bei denen Lustgewinn und Frustrationsvermeidung zum Lebenstil geworden sind, während ihnen Bindungen an Werte, die eine zukunftsorientierte Lebensführung erlauben, fehlen. Dass diese Menschen in soziale Konflikte geraten, ist unvermeidlich, und wenn sie dann entdecken, dass man seelischen Druck wenigstens zeitweise durch die Illusion der Drogen beseitigen kann, dann ist es zum Drogenkonsum nur noch ein kleiner Schritt. Das trifft auf eine grosse Zahl orientierungsloser, oft arbeitsloser, oft bindungsarmer, oft vereinsamter Jugendlicher und Erwachsener zu. Für sie Drogen als harmlos darzustellen und noch leichter erhältlich zu machen, ist ein so waghalsiges und kontraproduktives Vorhaben wie Feuer löschen mit Benzin.

»Überlebenshilfe«

Die Behauptung der Vertreter der Drogenliberalisierung, eine restriktive, auf Abstinenz zielende Drogenpolitik hätte eine grosse Zahl von Todesopfern zur Folge, weil Suchtkranke die notwendige medizinische Hilfe nicht erhalten würden, ist Polemik. Selbstverständlich erhält ein Drogenabhängiger die bestmögliche medizinische Behandlung, genauso wie jeder andere Patient. Die Pflicht zur medizinischen Hilfeleistung ist gesetzlich geregelt. Jeder Arzt führt die im Einzelfall indizierte Behandlung durch. Es geht jedoch nicht an, unter dem Begriff «Überlebenshilfe» suchtverlängernde Massnahmen als angeblich bewährte Behandlungsmethoden darzustellen. Hilfsmassnahmen müssen immer geeignet sein, die Motivation für Entzug, Therapie und Rehabilitation zu stärken, andernfalls sind sie für den Drogenabhängigen nichts anders als fatalistische Akzeptanz seiner Krankheit, der Drogensucht.

Die Drogenpolitik unseres Landes muss sich wieder auf die medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse über die physischen, psychischen und sozialen Folgeschäden der Rauschgifte abstützen. Ausdruck davon sind die drei international anerkannten Säulen, auf die sich jede vernünftige Drogenpolitik abstützt: Prävention, Therapie und Repression (Verbot von Handel und Konsum). Um unseren demokratischen Rechtsstaat nicht zu gefährden, muss die konsequente Anwendung der geltenden Gesetze auch in der Drogenfrage gewährleistet bleiben und Drogenhandel im grossen und im kleinen wirkungsvoll bekämpft werden.

Die drogenpolitische Gesamtentwicklung in der Schweiz weist deutlich auf den Versuch hin, die Drogenlegalisierung in der Schweiz durchzusetzen. Folgendes sei hier in Erinnerung gerufen:

  • 1991 lehnte Bundesrat Cotti die Heroinabgabe noch strikte ab; wenig später wurden die Heroinabgabeprojekte bewilligt.

  • Bereits im Verlaufe der Heroinversuche wurde die Zahl der Probanden von 250 auf 800 erhöht.

  • Heute wird vom Verband der Drogenfachleute, der auch im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit tätig ist, laut gefordert, an mindestens 9000 Drogensüchtige Heroin abzugeben. Neben einer Abgabe von Heroin wird auch eine solche von Kokain gefordert.

  • Zum Leiter der Abteilung Sucht und AIDS und als Vizedirektor des BAG wurde von Bundesrätin Dreifuss per Anfang Oktober dieses Jahres ein erklärter Vertreter der Drogenliberalisierung gewählt.

  • Nach einer allfälligen Ablehnung der Initiative für eine «Jugend ohne Drogen» ist die Revision des Betäubungsmittelgesetzes gemäss den Vorschlägen der Kommission Schild geplant: Der Konsum aller Rauschgifte und die damit verbundenen Vorbereitungshandlungen sollen straffrei erklärt werden. Zudem soll die breite Heroinabgabe legalisiert werden.

  • 1998 wird die Abstimmung über die Rauschgiftlegalisierungs-Initiative Droleg stattfinden, die von der vereinten politischen Linken getragen wird; ihre Vertreter - sich als solche allerdings bedeckt haltend - bekämpfen vehement den international bewährten dritten Weg in der Drogenpolitik, den die Initiative für eine «Jugend ohne Drogen» vertritt.

Die vorliegende Broschüre von Dr. med. Michael G. Koch ist wissenschaftlich fundiert und allgemeinverständlich. Für die freundliche Überlassung dieses Textes, der aus einem erweiterten Referat entstanden ist, möchten wir dem Autor ganz herzlich danken. Mit dieser Broschüre über Heroin und dessen körperliche Folgeschäden sowie den allgemeinen geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Betrachtungen zum Drogenproblem möchten wir die öffentliche Diskussion mit Sachwissen bereichern, um die Drogendebatte auf medizinisch-wissenschaftliche Grundlage zurückzuholen.

Dr. med. Hans Köppel, Vorstand Schweizer Ärzte gegen Drogen

Die Substanzen

Opiate

Die Wirkungen von Opiaten1 sind wissenschaftlich gut untersucht. Ihre schweren schädlichen Nebenwirkungen, die besonders bei längerem Gebrauch auftreten, sind ausreichend klargestellt und heute nicht mehr bestreitbar. Zu den Opiaten rechnet man die etwa 25 Alkaloide des aus dem Schlafmohn gewonnenen Gemischs, das man «Rohopium» nennt.

Das gereinigte Opium enthält das Alkaloid Morphin2 , benannt nach Morpheus, dem Traumdämonen, Sohn des Schlafgottes Hypnos, in einer Konzentration von etwa 5 bis 10 %. Ausserdem enthält es Codein3 (0,5-3 %), Papaverin (0,1-0,5%) und Narcotin4 (1,5-12%) sowie Thebain (0,3%), Narcein (0,2%) und andere Alkaloide. Es handelt sich dabei um schmerzdämpfende, euphorisierende, halluzinogene, krampflösende und hustendämpfende Substanzen. Zu den Opiaten zählen aber auch das sechsmal wirksamere halbsynthetische Diacetyl-Morphin (Heroin), Oxycodon, Hydromorphon und Hydrocodon sowie die vollsynthetischen Substanzen Methadon und Levorphanol. Ihre suchterzeugenden Wirkungen im Zentralnervensystem sind letztlich dieselben, auch wenn die übrigen pharmakologischen Eigenschaften innerhalb dieser Stoffgruppe variieren.

Wichtig etwa ist, dass das Heroin, ein Di-Ester des Morphins, schnell die Bluthirnschranke überwindet. Das ergibt den berüchtigten «Kick» (oder «Flash»), den der Süchtige sucht. Daher ist er mit der Ersatzdroge Methadon allein meist nicht zufriedenzustellen.

Das Rohopium wird aus dem Mohngewächs Papaver somniferum gewonnen, einer von der südlichen Schwarzmeerküste stammenden Pflanze.5 Schon um etwa 900 v. Chr. war die Droge in Griechenland und in Ägypten bekannt. In anderen Ländern benutzte man später ähnliche Pflanzenextrakte als Schlaf- und Beruhigungsmittel. Reste von Mohnkapseln wurden an verschiedenen Ausgrabungsstätten gefunden. Im Jahre 1806 wurde im Opium das Morphin als erstes Pflanzenalkaloid entdeckt,6 ab 1814 als Schmerzmittel verwendet und 1926 in seiner chemischen Struktur aufgeklärt.7

Rauchopium (auch «Tschandu») wird gewonnen, indem man das Rohopium erhitzt, die wasserunlöslichen Komponenten Kautschuk, Harz und Wachs entfernt und das Gemisch einer Fermentation aussetzt. Das so hergestellte Rauchopium enthält etwa 12% Alkaloide.

Opiat- Wirkungen

Als stark toxische Nervengifte rechnen die Opiate weltweit zu den anerkanntermassen «harten» Drogen. Sie wirken oft akut tödlich, da ihre Letaldosis (etwa beim Heroin) nicht weit über der «Normaldosis» abgehärteter Süchtiger liegt. So kommt es nicht selten bei nur geringfügig erhöhter Dosis zu Bewusstlosigkeit und Atemlähmung, was auch in den Augen der Laien ihre «Gefährlichkeit» signalisiert - zu Recht: Die akute tödliche Vergiftung tritt bereits bei etwa 0,3-0,4 g Morphin ein und beginnt mit Pupillenverengung, Bewusstlosigkeit (Koma) und Atemverlangsamung bis auf zwei bis vier Atemzüge pro Minute, dann folgen Atemstillstand und Tod.

Selbst an einer «normalen» Menge Heroin kann ein Süchtiger plötzlich sterben, wenn er sich etwa während eines längeren Gefängnisaufenthaltes der täglichen Stoffzufuhr entwöhnt hat oder wenn die injizierte Substanz konzentrierter ist als erwartet - oder reiner oder verunreinigter als üblich. Viele Süchtige setzen sich den sogenannten «goldenen Schuss», ohne dass man dafür immer eine plausible Erklärung fände. Übermut, Nachlässigkeit, Verzweiflung, Umnebelung, Depression - das alles mag zu unwillentlichen und willentlichen Überdosierungen führen.

Die Toleranzentwicklung, die den Heroiniker zu immer höheren Dosen zwingt, ist beachtlich: Wer sich unvorbereitet mehr als 5 mg Heroin spritzt, kann einen Atemstillstand erleiden (das macht die akute Toxizität des Heroins aus). Sein Atemzentrum wird kurzfristig gelähmt. Wer aber dauerhaft Opiate missbraucht, wird immer resistenter gegen ihre Wirkungen. Bei der regelmässigen Heroinverabreichung, etwa in staatlichen Drogenabgabe-Programmen, kann man Fixer sehen, die dreimal am Tage 250 mg Heroin (sic!) intravenös erhalten und zur Nacht weitere 60 mg Methadon in Tablettenform.8 Dies sind 810 mg täglich, das gut 160fache der anfangs noch letalen Dosis.

Auch das Atemzentrum des opiatadaptierten Süchtigen wird von der Dauermedikation mit derartigen «Pferdedosen» stark in Mitleidenschaft gezogen. Seine Sauerstoffsensibilität und seine atemtaktgebende Funktion wird beeinträchtigt: Er atmet flach und selten, statt 14- bis 16mal pro Minute vielleicht nur 10- bis 12mal. Meist raucht er dazu auch noch, so dass sich die Sauerstoffsättigung seines Blutes (pO2) der Grenze zur Bewusstlosigkeit nähert. Beim Raucher ist ein Teil seines Hämoglobins dann auch noch (als COHb) vom giftigen Kohlenmonoxid blockiert, was bei höherer Konzentration zu einer «inneren Erstickung» führt. Dies alles ist ein wesentlicher Teil der Erklärung für die müde, apathische Psyche chronisch Opiatsüchtiger: Ihre Hirnzellen sind chronisch unterversorgt mit Sauerstoff. Daher ist es auch völlig unsinnig, von ihnen sportliche Tätigkeiten (etwa auf Fussball- oder Tennisplätzen) zu erwarten - sie können sie gar nicht nutzen, solange sie ihre Droge nehmen. Bei der ersten physischen Daueranstrengung fielen sie um. Ein chronischer Heroiniker steigt auch nicht gern Treppen. Er eilt oder rennt nie, sondern bewegt sich wie in Zeitlupe. Selbst seine kriminelle Energie nimmt am Ende markant ab.

Die Lungen eines Heroinsüchtigen sind so schlecht belüftet, dass auch Durchblutung und Infektabwehr regelmässig versagen. So entwickeln sie oft Lungentuberkulose, Lungenentzündungen, interstitielle Pneumonien und Lungenödeme. In diesem Zustand sind sie im Krankenhaus beim ersten Mal meistens noch zu retten, beim zweiten manchmal auch noch, beim dritten oft nicht mehr.9 Die zentrale Opiateinwirkung auf den Oculomotoriuskern stellt die Pupille des Süchtigen eng. Die kleinen Pupillen sind ein zuverlässiges Zeichen des aktuellen Opiatmissbrauchs. Bei Sonne macht das nichts («kleine Blende»), in der Dämmerung aber sieht der Süchtige fast nichts und verursacht daher oft unbegreifliche Verkehrsunfälle oder stösst sich an Ecken und Möbeln.

Für die manchmal jahrzehntelang überlebenden Junkies, ihre Angehörigen und ihre Umwelt dürften hingegen die Schäden, welche die Opiate in ihrem Gehirn, an ihrer Persönlichkeit anrichten, von noch grösserer Bedeutung sein.

Der Süchtige

Die Intensität des imperativen Drogenverlangens (craving) - andernfalls der Abstinenzbeschwerden - beim Opiatsüchtigen ist so hoch, dass auch die freigesetzte kriminelle Beschaffungsenergie die Folgen aller anderen Suchtmittel in den Schatten stellt. Die Abhängigkeit ist eine körperliche und psychische zugleich. Bereits nach einmaliger Morphinzufuhr im Zusammenhang mit schweren Unfällen oder Operationen tritt beim Patienten eine kurze, heftige Depression mit unmotivierten Weinkrämpfen und einem Gefühl der Hilflosigkeit und Einsamkeit auf, die ihm zumeist unverständlich bleibt und bald wieder abklingt.

Die stimmungshebenden Wirkungen der Opiate sind zugleich der Motor der Suchtentwicklung. Sorgen, Ängste und Unlust werden ersetzt durch ein wohliges Gefühl rosiger Euphorie. Etwa 5 bis 8 Stunden nach der letzten Morphin- oder Heroinzufuhr kommt es zu Entzugserscheinungen, die nach 40 bis 72 Stunden in heftigem Schwindel, in Schmerzen, Angst, Zittern und depressiver Unruhe kulminieren und erst nach etwa 7 bis 10 Tagen überwunden sind. Anfallsweises starkes Verlangen nach der Droge kommt noch wochenlang vor, das Rückfallrisiko ist hoch (etwa 90-95% nach einer Zwangsentziehung), denn der ehemalige Süchtige bleibt für die Droge hochempfindlich, sozusagen «in den Startlöchern» für einen erneuten Missbrauch (denn er ist neurochemisch lebenslang «geprimt» und «getriggert»).

Süchtige werden mager, blass, mit - infolge von Leberaffektionen - oft gelblich verfärbter, trockener Haut. Sie verlieren den Appetit und leiden unter diffusen Schmerzen, manchmal Eingeweidekrämpfen. Sie bekommen leicht Geschwüre, Ekzeme und schlecht heilende Wunden an Armen und Beinen, an den Fingern Verbrennungen und Gangrän, an den Händen Ödeme, an den Unterarmen Venenentzündungen und Thrombosen, sie werden apathisch und sind an nichts anderem mehr zu interessieren als am nächsten «Trip». Sie entwickeln eine zunehmende Drogentoleranz, die zu immer höheren Dosen zwingt, um Abstinenzbeschwerden zu vermeiden. Die Persönlichkeit löst sich im Sinne einer schleichenden Enthirnung allmählich auf. Die Süchtigen verwahrlosen, nehmen auf die eigene Gesundheit, auf Gesetze und die Interessen und Leiden anderer so gut wie keine Rücksicht mehr, und ihre Sterblichkeit beträgt - ziemlich unabhängig vom Lebensalter - mehr als 2% pro Jahr (inklusive Unfälle, HIV/AIDS, Sepsis, Mord und Selbstmord). Nach 25 Jahren also sind in der Regel mehr als die Hälfte von ihnen gestorben.

Das Suchtpotential

Die Opiatsucht (Morphinismus, Heroinsucht, Methadonabhängigkeit) kann bereits durch ein oder zwei Kontakte mit der süchtigmachenden Droge ausgelöst werden. Daher gehören die Opiate zu den Drogen mit dem höchsten bekannten Suchtpotential. Nach etwa zwei bis drei Wochen Opiatzufuhr ist so gut wie jeder Mensch manifest süchtig. Bis zu 95% der Menschen wären, meinen die Suchtexperten, bei freiem Zugang zum Heroin und einem ersten Kontakt in Gefahr, zu einer täglichen Drogeneinnahme überzugehen. Dieses hohe Suchtpotential ist der Zahlendynamik internationaler Statistiken zu entnehmen, fügt sich aber «unauffällig» neben Kokain und Crack, Marihuana und Amphetaminen ein. Man lasse sich in der Diskussion dieses Langzeitthemas nicht von dem kurzlebigen Auf und Ab einzelner Drogenmengen verunsichern, die etwa nach der Sprengung einer Rauschgiftliga, nach einer schlechten Ernte in Thailand oder Usbekistan oder auch nur nach Mode und Zufall zeitweilig einmal sinken können. Jedesmal wird daraus rasch hergeleitet, nun habe man endlich den «richtigen Weg» gefunden. Behält man aber die Langzeitentwicklung der Drogenproblematik im Auge, etwa über 20 bis 35 Jahre, zeigt sich - hier etwa an den Beschlagnahmemengen und anderen wichtigen Parametern für Deutschland (laut Statistischem Bundesamt und Bundeskriminalamt) dokumentiert - ganz unabweislich die tatsächliche Dynamik eines urgewaltigen Suchtpotentials der Rauschgifte im Verlauf eines Vierteljahrhunderts:

Jahr 1962
1963
1967
1968
1972 1975 1995 Differenz
Heroin (kg) 1,8 933 +51.730 %
Hasch/Marihuana 5,5 14.245 +259.000 %
Kokain (kg) 0,09 1.846 +2.051.000 %
Amphetamine (kg) 6,6 138 +1.990 %
LSD (Trips) 10 71.069 +710.600 %
Ecstasy (Pillen) (1987!) 730 380.000 +52.100 %
Drogentote 195 1.565 +703 %
Straftaten 29.805 122.240 +310 %
Verurteilungen 7.660 29.086 +280 %

Man sieht an diesen Zahlen, dass die verschiedenen Rauschgifte in bezug auf ihre Tendenz, den eigenen Umsatz zu stimulieren, ähnliche Eigenschaften zeigen. Die Unterschiede liegen in den Komplikationen: Tod, Kriminalität, Suchtprogression und Persönlichkeitsabbau, Krankheiten, Risikoverhalten - etwa gegenüber Unfall, Gelbsucht oder HIV-Infektion. Diese Tabelle zeigt ein Fazit, das nicht wegzudiskutieren ist: Das Problem schwillt gnadenlos an und übertrifft im Laufe der Zeit selbst pessimistische Erwartungen, die man noch vor 20 Jahren verlacht hätte. Diese Bilanz sollte alle Bagatellisierer der Drogenproblematik, die mit dem Fallen der Ostgrenzen rapide weiter anwachsen wird, verstummen lassen. Es kann nicht die Rede davon sein, dass man die Drogensituation in Deutschland im Griff habe. Relativ gesehen ist sie in der Schweiz noch erheblich ernster: Die relative Zahl der Drogentoten etwa ist mehr als doppelt so hoch, das Alter der Neueinsteiger - in Deutschland 13 bis 15 Jahre - mit zum Teil nur 10 Jahren erschreckenderweise noch niedriger.

Der Kern der Drogenproblematik

Dynamik und Konsequenzen

Die wichtigsten medizinisch-psychologischen Aspekte der Sucht kommen in der Drogendiskussion ständig zu kurz. Obwohl sie völlig entscheidend für die Dynamik der Drogenproblematik sind, werden sie manchmal unterschlagen, um naive Vereinfachungen vor Einwänden zu schützen:

  1. Der Kern der Suchtproblematik schlechthin ist eigentlich nicht die Abhängigkeit als solche - die gibt es auch in anderer Form (Rollstuhl, Hörapparat, Brille, Blutdruckmedizin oder Augentropfen) -, sondern die starke Tendenz zur Gewöhnung und Dosissteigerung, also sozusagen zur Inflation der Wirkung des Suchtmittels. Dies macht, dass die Problemstärke ständig zunimmt. Es ist damit ein in sich selbst dynamisches Problem.

  2. Der Drogengebrauch verbreitet sich durch soziales Vormachen und Nachahmen, also in einer Art langsamer «sozialer Ansteckung». Es ist ein langer und unumkehrbarer Weg vom Versuch über den Irrtum zur manifesten Sucht - ohne die üblichen Korrekturmöglichkeiten. Die Problemstruktur ähnelt jenem Typ von Problemen, welche die Gesellschaft nicht in den Griff zu bekommen pflegt - den sich langsam und schleichend entwickelnden Lenti-Problemen. Die weitere Ausbreitung des Drogenkonsums ist damit vorprogrammiert. So nimmt also auch der Problemumfang ständig zu - ein weiterer dynamischer Zug.

  3. Schon am Beispiel des Alkohols kann man sehen, dass Appelle allein die Suchtentwicklung und -verbreitung nicht verhindern und dass die Zahl der Anfälligen unermesslich gross sein kann. Wer wagt sie wirklich auszuloten? Der Unterschied zu den Drogen liegt beim Alkohol lediglich im Ausmass der Folgekriminalität und im Fehlen jener desperaten Rücksichtslosigkeit, mit der sich der Drogensüchtige im Entzug sein Suchtmittel zu beschaffen bereit ist: Alkoholiker oder Raucher pflegen keine Menschen zu ermorden, um an ihr Suchtmittel zu gelangen - sie bleiben sozusagen «unversehrt» in ihrem moralischen Urteil. Sie begreifen, dass sie ihre Zigaretten und Weinflaschen kaufen müssen, und bringen keine alten Damen dafür um.

  4. Es ist ferner falsch, zu glauben, uns bliebe bei Freigabe der Drogen die Drogenkriminalität erspart. Nur ein Teil von ihr ist nämlich echte Beschaffungskriminalität. Eine amerikanische Studie in den Gefängnissen Miamis hat gezeigt, dass rund 80 % der Untersuchten, die etwa wegen Totschlags an der eigenen Ehefrau, wegen Kindesmisshandlung, Körperverletzung oder ähnlicher Gewalttaten einsassen, Drogen nehmen, dass aber nur 20 % wegen typischer Drogendelikte verurteilt waren. Daraus ist der grosse Anteil an Gewaltdelikten ersichtlich, die allein als Folge der Tatsache zu erwarten sind, dass ständig Zigtausende von Süchtigen unter Drogeneinfluss stehen und weitere Hunderttausende psychisch defekt sind. Als Gesamtbilanz für die USA hat man festgestellt, dass etwa 70 % der Drogenkriminalität als Folgekriminalität angesehen werden müssen, nur 30 % hingegen der Drogenbeschaffung dienen. Damit sollte der Mythos von der Beschaffungskriminalität als dem dominierenden Schadenstyp punktiert sein.

Glück durch Wechsel auf die Zukunft

(5) Der Grund für diese Verhaltensstörungen ist die Psychotoxizität der Rauschgifte. Sie rufen eine scheinbare Steigerung der Leistungsfähigkeit auf Kosten der neurologischen Grundlage der tatsächlichen Leistungsfähigkeit hervor, die sie dabei zerstören. Das Zentralnervensystem so weit aus seinen vorgegebenen Stoffwechselbahnen auszulenken, Rezeptorfunktionen so sehr zu verschleissen, Substrate so schnell zu verbrauchen, vor allem aber die Nervenzellen mit reinen Fälschungen von Botenstoffen zu konfrontieren, das alles belastet den Metabolismus mit Stoffen und Abbauprodukten, für deren schadlosen Umsatz die chemischen Voraussetzungen fehlen: Es geraten sozusagen Sand und Kies, besser vielleicht: metabolische Schlacken und Leim oder «Teer" ins Synapsengetriebe.

6. Das Streben nach Glück treibt den Menschen auf vermeintliche Abkürzungswege, die ihm vorgaukeln, er könne statt der komplexen Situationen, die glücksfähig machen, das Glück komprimiert in Joints zu sich nehmen. Aus sehr naheliegenden (weiter unten genauer ausgeführten) Gründen funktioniert das nicht, sondern erschwert es nur, Lebensglück auf den normalen Wegen zu erreichen. So unterhält sich das Drogenproblem selbst. Am Ende haben ein erschlaffter Wille und eine abgestumpfte Erlebnisfähigkeit das Leben so sinnentleert, dass einzig die Flucht aus der Tristesse in ephemere Lusterlebnisse bleibt.

7. Die psychotrop wirksamen Substanzen der Drogen binden sich im Gehirn an wichtige Neurorezeptoren. Die natürlichen Signalsubstanzen stellen so temporär Überlebenskräfte für kurzfristige Notfallsituationen zur Verfügung: Schmerzblockaden für Flucht, Kampf trotz eines abgetrennten Beins, Weiterlaufen trotz Fraktur, Zupacken trotz Muskelriss. Diese Mechanismen sind biologisch sinnvoll, aber ziehen Wechsel auf die Zukunft. Ähnlich wie andere Stressreaktionen sind sie nicht aufrechterhaltbar oder steady-state-geeignet, da sie stoffwechselmässige Extremsituationen schaffen, die Reparationsphasen brauchen. Auf solche Situationen reagiert der Organismus mit biochemischen Gleichgewichtsverschiebungen auf molekularem Niveau. Das sind die gewöhnungsbildenden Vermittler von Reboundphasen, Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen - dem Antrieb der Suchtbildung. An diesem Prozess ist gerade das Prozesshafte wesentlich: Die Sucht lebt von ihrer eigenen Dynamik - genau wie die Inflation. Ja, im Grunde ist die Sucht eine Inflation: die Inflation intrazerebraler Substanzwirkungen. Der Kern der Problematik ist also, dass die Vermutung der Drogenliberalen, bei der Sucht handele es sich um einen konstanten Bedarf, den man nur amtlicherseits zu decken brauche, damit wieder Ruhe im Lande einkehre, an der Wirklichkeit weit vorbeigeht. Es handelt sich vielmehr um einen Bedarf der überhaupt erst dadurch entsteht, dass man ihn befriedigt. (Nils Bejerot10 prägte dafür den treffenden Fachausdruck «artificially induced drive».)

Aus der Geschichte der Rauschgifte: leidvolle Erfahrungen

Die antike Droge »Kummerlos«

Nach diesen Ausführungen (Was ist es? Wie wirkt es? Wozu führt es?) wird das folgende Resümee historischer Erfahrungen mit dem Phänomen des Rauschgiftes glaubhaft sein. Es stützt zugleich unsere Vermutungen über die Folgen eines unbedachten gesellschaftspolitischen Umgangs mit diesem hochdynamischen Problem, das durch die menschliche Ambivalenz gegenüber dem Rauschzustand nicht leichter wird. Das so oft proklamierte «Recht auf Rausch» - was ist das? Wir wollen das einmal näher in Augenschein nehmen. Die Erfahrungen der Menschheit mit den Rauschgiften bilden eine niemals endende Odyssee durch leidvolle Erfahrungen. Man kannte psychotrope Drogen dieser Art bereits im antiken Griechenland. Homer etwa berichtet in der etwa 800 v. Chr. verfassten Odyssee (4. Gesang, 221) über die Droge Nepenthes (gr. «Kummerlos»), die Odysseus' Sohn Telemach von Helena, der Tochter des Zeus, angeboten wurde:

«Sie tötete den Schmerz und das Unglück und brachte Vergessen... Wer es einnahm... würde den ganzen Tag keine Träne mehr fällen, selbst wenn er den eigenen Vater oder die Mutter verlöre, wenn er den geliebten Sohn, den Bruder von Feindes Hand fallen sähe..."

Die Droge Nepenthes, ein Mohnprodukt, das später als Opium identifiziert wurde, hätte sie aus Ägypten erhalten, «wo der fruchtbaren Erde in Mengen verschiedenste Kräuter entspriessen, zum Segen oder zum Verderben». Von Anfang an also hatte man das Janusgesicht der Droge, ihre gefährliche Doppelnatur, jenes Nebeneinander von Betäubung, Vergessen und Abstumpfung, von Nutzen und Gefahr sehr wohl erkannt. Es war eine Göttergabe, nicht den Sterblichen zur freien Verwendung gegeben, sondern in die Hände der Priester gelegt für Zeremonien und Heilung. Bis die Macht der Götter des Olymp über die Sinne der Menschen schwand.

Von der Bezirzung zum abgeschnittenen Lebensfaden

Es gab aber - um den Blick einmal etwas weiter schweifen zu lassen - auch damals schon andere Rauschgifte. Ein halluzinogenes Nachtschattengewächs im antiken Griechenland wurde Hyoscamos genannt (gr. «Schweinebohne», obwohl es gar nicht von Schweinen gegessen wurde). Odysseus berichtet, dass Circe einen Trunk servierte, der aus einer aus den Felsspalten herausgekratzten Pflanze gewonnen wurde und seine Kameraden in Schweine verwandelte, eine den Kelten jener Zeit vertraute Rausch-Halluzination. Vermutlich handelte es sich im Falle der «Bezirzung» um den Effekt eines den griechischen Reisenden von einer keltischen Priesterin eingeflössten Getränks (Odyssee: «betäubende Säfte»), das auf einer heiligen Insel vor Britanniens Küste aus einem Schwarzwurzextrakt zu einem halluzinogenen Dekokt gebraut worden war. Am nächsten Tag hatten sich glücklicherweise alle Schweine in benommene Seeleute zurückverwandelt.

Ähnlich wurde bei den antiken griechischen Orakeln dem Besucher grundsätzlich erst etwas zum Essen und Trinken angeboten, ehe ihm dann, durch Störung der Wahrnehmung suggestibel gemacht, im Halbdunkel das schier Unglaublichste zu Augen kam. Wenn er später ins Helle trat, war er noch lange benommen. Auch Bilsenkraut war bereits in Gebrauch und hat vermutlich die pythischen Jungfrauen in Ekstase versetzt. An einigen der alten, berühmten Orakelstätten konnten Archäologen die Reste von Hanfsamen und anderen Teilen der Cannabis-Pflanze identifizieren, was nachträglich manches Dunkle erhellt.

Antike Künstler bildeten die Mänaden oder «rasenden Bacchantinnen» mit Vorliebe in exaltierten Körperhaltungen ab, die an Konvulsionen erinnern («korybantische» Bewegungen nannte man das damals - heute würde man vielleicht sagen: «athetotisch-hyperkinetische»). Diese Tradition setzte sich bis in die mittelalterlichen Tanzwutepidemien fort, die nach Ansicht des Seuchenhistorikers S. Winkle eher auf Intoxikationen denn auf Infektionen zurückgegangen sein dürften.11 Euripides etwa schilderte in seinem Drama Die Bacchantinnen die antike Tanzwut des dionysischen Mysteriums als eine Art religiös-epidemischer Gruppenhysterie:

«Bald hebt sich das Land, wirbelnd im Tanz,
wenn Bromios den Reigen führt auf das Gebirg,
wohin schwärmender Frauen Schar
vom Webstuhl und Gewebe floh,
wahnsinnstrunken von Bacchos».

Es kann als sicher gelten, dass auch hier (darauf weisen «trunken» und die Assoziation an den Bacchus-Kult hin) vorbereitende Rauschgetränke im Spiel waren. Jedem heutigen Rave-Rocker dürften von seiner letzten Techno-Beat-Party her derartige Erlebnisse bekannt vorkommen. Aber solche Gifte liessen sich auch damals schon verschieden verwenden. So etwa sagt der römische Dichter Vergil in Anspielung auf den antiken Werwolfsglauben (Lykanthropie) in seiner Bucolia (Ecloga 8, Vers 95):

«Diese Gewächse und Gifte, für mich im Pontus gesammelt,
hat mir Möris geschenkt, im Pontus wachsen ja viele!
Oftmals sah ich, wie Möris, durch sie zum Wolfe geworden,
sich in den Wäldern verbarg, oft Geister aus Tiefen der Gräber rief
und anderswohin die gesäten Ernten verpflanzte».

Der Dichter Lukian schildert die Verwandlung eines Weibes in eine Eule - durch Einreiben ihres nackten Körpers mit einer Salbe. Dass es sich um Störungen der Wahrnehmung handelte, war vielen klugen Menschen schon damals klar, und dass etwa die Tollkirsche (Atropa belladonna) ausgerechnet den Namen jener Parze erhielt (Atropos; gr. «die Unabwendbare»), die den Lebensfaden abschnitt, zeigt, dass sich anhand empirischer Beobachtungen schon bei den alten Griechen das Gefühl für die starke Giftigkeit dieser Substanzen eingestellt hatte.

Mittelalter: der Weg zum Blocksberg und zur «Wahrheit»

Im mittelalterlichen Europa begab man sich mit Hilfe von Hexensalben auf den Trip zum Blocksberg. Es waren - von ihnen war etwa in Hexenvernehmungen wiederholt die Rede - obskure Pflanzendekokte, die für Störungen der Wahrnehmungen und des Verhaltens verantwortlich waren. Kräuterkundige Frauen nutzten damals giftige Nachtschattengewächse (Solanazeen) für Extrakte, die dann in Salben und Mixturen gegen Schmerzen, Krämpfe und Unfruchtbarkeit oder als Aphrodisiaka, Schönheits- und Verjüngungsmittel verwandt wurden. Ihre gefährlichen Nebenwirkungen waren anfangs kaum bekannt.

Auch Inquisitoren benutzten sie, um durch «Hexentrunk» oder «Hexensuppe» des Delinquenten «Schweigen zu brechen».12 Der Jesuit Martin Delrio (1551-1608), einer der eifrigsten Hexenverfolger, berichtete in seinem Buch Inquisitiones magicae (1599), dass ein westfälischer Edelmann, der zwanzigmal der Folter widerstanden hatte, unter dem Einfluss eines berauschenden Getränkes sofort gestand.

(Selbst heute noch spricht man bei Scopolamininjektionen von der Verabreichung eines «Wahrheitsserums»). Im Baltikum hat man noch Anfang unseres Jahrhunderts seinen Gästen beim Fest Stechapfelsamen oder ähnliche Drogen in das Getränk gemischt, um sich an ihren unfreiwilligen, grotesk verrenkten Bewegungen zu ergötzen.

Namensgeber der Solanazeen ist der «Schwarze Nachtschatten» (Solanum niger), bekannt auch als «Bittersüss», verwendet als Diuretikum, Blutreinigungsmittel und Analgetikum - sowie zum Schutz vor Zauberei. Diese Pflanzengruppe enthält mehrere giftige Pflanzen mit Glykosiden, narkotischen Alkaloiden und anderen starken Giften: Solanin (das bei Embryonen Spaltenbildung wie Wolfsrachen und Hasenscharte verursachen kann), Atropin, Scopolamin, Hyoscamin, Duboisin, Fabianin und - Nikotin (interessanterweise gehört also auch die stark süchtigmachende Tabakspflanze hierher).

Zur Rauscherzeugung wurden vor allem benutzt:

Stechapfel (Datura stramonium)
Tollkirsche (Atropa belladonna)
Alraune (Mandragora autumnalis)
Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)
Krainer Tollkraut (Scopolia carniolica)

Diese Pflanzen enthalten neben anderen Giften - vor allem Scopolamin und Atropin. Bereits die Aufnahme von einigen Tausendstel Gramm Atropin verursacht Erregung und Unruhe. Am Anfang stehen Zeichen der zentralen Erregung: Rededrang, Lach- oder Weinanfälle und groteske Bewegungen, die an den Veitstanz erinnern können. Dann kommt es zu einem Zittern der Glieder, manchmal zu Zuckungen und Krämpfen. Anhaltende Sinnestäuschungen, klassische Visionen und Halluzinationen können die Erregung bis zur Tobsucht und Raserei steigern. (Da das Delphische Orakel dem Apollo geweiht war, nannte man das Bilsenkraut kennzeichnenderweise auch «Herba apollinaris».) Die berüchtigten «Hexenritte» etwa, die manche unschuldige Frau auf den Scheiterhaufen brachten, würden moderne Junkies wohl als «Trips auf den Blocksberg» bezeichnen.

Wie nahe damals Rauschwirkungen und tödliche Giftwirkungen beieinanderlagen, kann kaum an einer anderen Pflanze so gut dokumentiert werden wie am «echten (gefleckten) Schierling» (Conium maculatum). Manchmal auch als «Tollkraut» oder «Tollkerbel» bezeichnet (mehrdeutige Namen), vermutlich von Zigeunern nach Mitteleuropa eingeführt, wurde es in der Heilkunst verwendet, wobei man auf eine illustre Tradition verweisen konnte: Schon in den hippokratischen Schriften wurden diese Früchte als Lieferanten für Medikamente erwähnt. Griechisch-römische Ärzte der hippokratischen Schule benutzten sie, etwa Archigenes bei Augenleiden, Apollonius bei Brustkrankheiten, Cornelius Celsus bei Hysterie.13 Seit dem Altertum war es ferner ein wirksames und häufig genutztes Mittel auch für Mord, Selbstmord und den Vollzug der Todesstrafe. Ausser Sokrates sollen auch die Athener Staatsmänner und Feldherren Theramenes (404 v. Chr.) und Phozion (317 v. Chr.) mittels des Schierlingsbechers hingerichtet worden sein. (Heute verwendet die Homöopathie Schierling in extremer Verdünnung gegen Erschöpfungszustände und Krebs.)

Das wirksame Gift ist vor allem Coniin (C8H17N), ein Alkaloid, das dem Nikotin (C10H14N2) chemisch und pharmakologisch sehr nahesteht, das schon in geringen Mengen - einige Zigarettenkippen reichen! - für Kleinkinder tödlich sein kann. Zusammen mit den strukturell ähnlichen Nebengiften Methylconiin (C9H19N), Conicein (C8H15N) und Conhydrin (C8H17NO) verursacht es Zittern, Speichelfluss, Schwindel, getrübtes Sehen und Müdigkeit. Dann folgen periphere Betäubung, Krämpfe, Angst und Wutanfälle. Der Tod tritt ein unter Atemlähmung und Herzstillstand. So kam es aus naheliegenden Gründen nie zu einer ausgebreiteten Anwendung als Rauschgift, aber die alten deutschen Namen wie Tollkraut, Tollkerbel, Zigeunerkraut, Wüterich, Vogeltod, Teufelspetersilie, Blutschierling oder Schwindelkraut rücken es in die Nähe von Rauschgiften der Nachtschattengewächse (Krainer Tollkraut, Tollkirsche u.ä.). Gifte und Rauschgifte bildeten schon immer ein Kontinuum, da sie viele gefährliche Wirkungen teilen. Dieses simple Faktum wurde erst durch moderne Eulalien übertüncht, die als «Drogen» und «Drogenkonsumenten» bezeichnen, was eigentlich «Rauschgifte» und «Rauschgiftsüchtige» heissen müsste.

Renaissance: mit Bilsenkraut herumdürmeln

Als einer der ersten hatte sich Paracelsus (Theophrast Bombast von Hohenheym, 1493-1541) gegen den Hexenwahn wie auch allerhand andere fundamentale Irrtümer seiner Zeit aufgelehnt. Der Leibarzt des Herzogs von Jülich-Cleve, Johannes Weyer, stand 1563 mutig gegen die Hexenverfolgung auf und behauptete, dass die Geständnisse der unglücklichen Frauen nur das Ergebnis einer von Folter, Krankheit oder Pflanzengiften verwirrten Phantasie seien. Ähnliche Auffassungen vertraten auch der Leibarzt Karls V., Andreas Laguna (1499-1560), und der Naturforscher Pierre Gassendi.14 In einer Veröffentlichung von 1658 berichtet er von einem Hirten, der ihm versicherte, eine Salbe zu besitzen, durch die er «am Hexensabbat teilnehmen könne». Es gelang Gassendi festzustellen, dass der Hirte schwarzes Bilsenkraut sammelte (Hyoscyamos niger), das er mit Fett und Öl zu einer halluzinogenen Salbe verrieb. Eine ähnliche Szene wird in einem Buch über die Geschichte der Pflanzen von dem französischen Naturforscher Garidel beschrieben, der eine Frau nach der Einsalbung in Tiefschlaf sinken sah, nach dem sie behauptete, ihn doch auf einen Hexenritt mitgenommen zu haben.

Ein anderer Umstand, der wenig bekannt ist und auch von Winkte der Vergessenheit entrissen wurde15 ist, dass in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters, in denen auch die grossen Veitstanzepidemien vorkamen, die Verwendung einiger Nachtschattengewächse im täglichen Leben gang und gäbe war. So wurde vielenorts, um die Rauschwirkung zu erhöhen, dem Bier Bilsenkrautsamen zugesetzt (Bilsen in Holland, Pilsen (Plzn) in Böhmen, daher das «Pilsner»!). Welche Bedeutung damals der Anbau des Bilsenkrauts als Bierzusatz in Europa hatte, geht aus weiteren deutschen Ortsnamen hervor (Bilsengarten, Bilsensee, Bilsdorf, Pilsach, Pilsdorf, Bilshausen, Bilsen usw.) sowie aus zahlreichen alten Verordnungen, die den Zusatz von Bilsensamen zwecks «Bierverstärkung» strengstens verboten. So etwa bestimmte eine Polizeiverordnung von 1507 aus Eichstätt in Mittelfranken, dass die Brauer bei Strafe von 5 Gulden keine Bilsensamen und andere «den Kopf tollmachenden Stücke und Kräuter» ins Bier mischen durften, und nach der bayrischen Land- und Polizeiverordnung von 1649 hiess es: «Wer Bilsenkraut oder -samen in das Bier tut, der soll, wie auch der Verkäufer solcher Kräuter, nach Ungnaden gestraft werden.» (Schon damals also waren die Bajuvaren offenbar «repressiv» - nach Jahrhunderten von Erfahrungen mit «Hexenritten», «Tanzwut» und anderen Symptomen ernster Hirnschäden wird man gewusst haben, warum.)

Wie bekannt noch zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges das Bilsenkraut war, geht aus einer Stelle des Simplicissimus von Grimmelshausen (1622-1676) hervor. Von einem Trinkgelage etwa wird berichtet: «Welcher aber andauren und am besten sauffen konnte, wusste sich dessen gross zu machen und dünkte sich kein geringer Karl zu seyn; zuletzt dürmelten sie alle herum, als wenn sie Bilsensamen genossen hätten ».16 - Darum ging es offenbar auch damals schon: sich gross machen, sich nicht gering dünken und ordentlich herumdürmeln. Es ist also anzunehmen, dass diese Art der Drogenwirkung von jeher erwünscht war und vor allem willens- und ich-schwache Menschen (heute sagt man «Randgruppen» oder «Soziopathen») in ihren Bann zog.

Eine wichtige Rolle in der Volksmedizin spielte damals vor allem die halluzinogene Alraune (Mandragora oder auch «Galgenmännlein», da sie angeblich aus dem beim Erhängen abtropfenden Sperma unter dem Galgen wuchs), «jene gift'ge Wurzel, die den Verstand gefangen nimmt» (Macbeth I, 3; XII, 190). Als weiteres Zeugnis für die Allgegenwart dieser Mittel lässt sich allein aus Shakespeares (1564-1616) Werken eine lange Reihe beispielhafter Zitate anführen:17

«Hexensaft... Schierling auch,
nachts gesucht nach echtem Brauch...
Eibenspan, der abgesplisst,
wenn der Mond verfinstert ist.»
Macbeth IV 1 (XII 242)

«Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt,
das Sterbliche, die's hören, sinnlos macht.»
Romeo und Julia IV 3 (281)

«Nicht Mohnsaft noch Mandragora
verhelfen dir zu dem süssen Schlaf,
den Du noch gestern hattest.»
Othello, III 3 (XII 88)

«Gib mir Mandragora zu trinken...
dass ich die grosse Kluft der Zeit verschlafe!»
Antonius und Cleopatra I, 5 (X, 42)

«Wär' Fluchen tödlich wie Alraunen Ächzen...»
Heinrich IV B, III, 2 (II, 85)

Die Quintessenz all der Erfahrungen, die man durch die Jahrtausende seit dem frühen Altertum mit den psychotropen (die Psyche beeinflussenden) und durchweg neurotoxischen (die Hirnzellen schädigenden) Drogen gemacht hat, ist die in allen zivilisierten Ländern entstandene Arznei- und Betäubungsmittelgesetzgebung, welche die unkontrollierte Anwendung dieser Mittel aus guten Gründen untersagt. Was in all diesen Zitaten eingefangen ist, sind schmerzhafte Erfahrungen vergangener Generationen, deren Hirn auf Nervengifte genauso reagierte wie das des heutigen Menschen.

Neuzeit: von Struensee bis Escobar

Die schlimmsten Gifte waren bei Anbruch der Neuzeit in Europa bekannt und verbannt, obwohl noch der Altonaer Physikus, spätere dänische Minister und seiner Zeit weit vorauseilende Aufklärer J. F. von Struensee18 (1737-1772) viel Ärger mit dem Scharfrichter Christian Witte hatte, der sich neben der Versorgung von Knochenbrüchen auch quacksalberisch betätigte. Mit allerlei «Geheimmitteln», darunter den oft heimlich zur Menschengestalt beschnittenen und danach wieder eingegrabenen Mandragorawurzeln, den «Alräunchen», trieb dieser einen florierenden Handel.

Noch vor etwa 60 Jahren erlebte der Autor S. Winkle in Süd-Ungarn, wie ein Epileptiker von Hüpfenden und Tanzenden über das Johannisfeuer getragen wurde, während man das alte Lied sang:19

«Blumiger Sankt Johannes,
Deine Nacht ist hell,
rette mich vor Krämpfen,
schütz mich vor dem Veitstanz!
Hexe oder Henker,
wo ist die Grossgras Wurzel?»

Ohne Zweifel war mit der «Grossgras-Wurzel» die Alraune gemeint. Niemand aber verstand mehr den Sinn des von den Eltern tradierten Liedes, denn diese rauscherzeugenden Pflanzen waren mit zunehmender Aufgeklärtheit und Schulbildung mehr und mehr dorthin verwiesen worden, wo sie auch hingehören: in die Giftbücher, die Gefahrenschilderungen und die Listen zu vermeidender Pflanzen, während in anderen Regionen der Welt noch viele Rauschdrogen weiterhin in Gebrauch waren.

In den Anden etwa waren es die Cocablätter, die von Priestern und Medizinmännern zu Ritualen verwendet wurden. Allmählich lockerte sich die Kontrolle, dann gab es bald kein Halten mehr. Die Spanier brachen alle Traditionen und benutzten die Cocablätter hemmungslos, um die billigen Arbeitskräfte eroberter Reiche an der Kandare zu halten. In Mexiko waren es Pilze, aus denen sich Halluzinogene (Psilocybin) extrahieren liessen, oder Kakteen wie der Peyotl-Kaktus, aus denen man Meskalin gewann. Von diesen alten lateinamerikanischen Drogentraditionen führt ein folgerichtiger, wenn auch langer Weg zu den heutigen Drogenkartellen von Cali und Medellin.

In der Hand der Priester dienten diese Rauschmittel in religiösen Zeremonien zu Bluff, Ekstase und Priesterbetrug, in der Hand des Volkes führten sie (gar nicht selten unter südamerikanischen Dschungelindianern) zum Gruppenmissbrauch, zu blutigen Kämpfen und Exzessen, zu Verelendung, Verfall und Krankheit. Weltweit ist das Bild bei den verschiedensten Rauschdrogen dasselbe: Der Mensch verliert im Rausch die Kontrolle über sein Handeln, wird schutzlos, desorientiert und ziellos und gerät in die Hand seiner Medizinmänner und Scharlatane. Tanzende Derwische, sibirische Schamanen und keltische Druiden hatten, wie etwa auch die von Haschisch agitierten «Hassassinen» (eigentlich hashishshiyun, die «Kiffer», eine orientalische Mördersekte, deren Name noch bewahrt ist in dem französischen Wort Assassin für Mörder und Assassinat für Mord), ihre Erfahrungen in der Herstellung solcher neurotoxischen Cocktails.

Die Eingeborenen tropischer Länder wieder kauten die Bethelnuss und sassen nur noch apathisch herum - wie heute ein grosser Teil der Einwohner des Jemen, die sabbernd und glanzäugig auf den Sitzkissen im obersten Stockwerk ihrer Häuser (dem sogenannten Muffraj) ihr Qat kauen, bis die anschliessende Lethargie einsetzt. Das Suchtpotential dieser bei uns wenig bekannten Droge ist erheblich: Bis zu 60 % der Männer kauen regelmässig Qat und auch 35 % der Frauen. Dazu kommt noch ein erheblicher gelegentlicher Qatkonsum.

Auch in Somalia hat das Qatkauen bis zu 90 % der männlichen Landbevölkerung erfasst. Zeichen der Zeit mit ihrer hohen Mobilität: Heute fragen sich Polizisten in Hamburg oder Stockholm verblüfft, was die zombieartig umherwankenden Asylanten aus Somalia ständig für eine «komische braune Kugel» im Mund umherschieben. Als scheinbar harmloser orientalischer Salat wird es inzwischen in grösseren Mengen nach Skandinavien importiert, wo es jedoch seit einigen Jahren als Narkotikum erkannt und verboten ist. Die allmähliche Verblödung und Inaktivierung seiner Benutzer zu hoffnungslosen Sozialfällen wird sich erst in den nächsten Jahrzehnten voll manifestieren.

Chinas langer Leidensweg - Tataren, Opiumkrieg und Maoismus

Dass die Verfügbarkeit der Drogen grundsätzlich die entscheidende Bedingung für die am Ende erreichten Problemdimensionen ist, geht aus dem Beispiel Chinas hervor. China erhielt sein erstes Opium 1644 durch die Tataren, welche die Chinesische Mauer forciert hatten. Infolge des begrenzten Nachschubs blieb der chinesische Opiumkonsum gering, bis 1773 die britische Ostindienkompagnie Opium in grösseren Mengen von Indien nach China brachte. Nach zwei Dezennien hatte sich ein riesiges Drogenproblem entwickelt, und die Regierung Chinas sprach 1796 das erste Verbot gegen das Opiumrauchen aus. Da es nicht von effektiven Sanktionen begleitet war, blühte bald der lukrative Schmuggel und deckte den schnell wachsenden Importbedarf, 1836 schon 2000 Tonnen.

Es folgte der sogenannte «Opiumkrieg» ( 1838-1842), in dem Briten und Franzosen ihr Recht, die Chinesen mit Opium zu vergiften, gewaltsam durchsetzten. Sie eroberten Nanking und Schanghai, und im Frieden von 1842 erhielt Grossbritannien dazu die Kronkolonie Hongkong. Bald erreichte der Opiumimport 4000 Tonnen, und man legalisierte ihn ganz formell im Frieden von Tientsien 1858. Die Gewinne des Opiumhandels stiegen nun ins Unermessliche, die Folgeprobleme auch. Man begann nun, Opium auch in China anzubauen. Gegen Ende des Jahrhunderts rauchten 20 bis 40 Millionen Chinesen Opium, lagen abgemagert und apathisch in den «Opiumhöhlen» der Slumquartiere herum und verwirklichten die schlimmsten Schreckensvisionen von der Verblödung und Versklavung eines alten Kulturvolkes durch den dekadenten Westen.

Erst 1906 war der Wendepunkt erreicht. Der chinesische Kaiser erliess nun Verbote und Sanktionen gegen das Opiumrauchen und den Handel, 1907 stoppten die Briten den Opiumexport, der ab 1917 auch tatsächlich zum Erliegen kam. Mangels Nachschub schrumpfte der Markt, aber der Schmuggel hielt das Problem hier und da noch am Leben. Immer noch rechnete man mit vielen Millionen Opiumrauchern, aber dann war Schluss - die Kommunisten machten mit einer intensiven Anti-Opium-Kampagne in den Jahren 1951 bis 1953 dem Alptraum persönlichen und sozialen Verfalls nach über 300 Jahren ein Ende.

Japan: China erfolgreich nachgeahmt

Angesteckt von Chinas Erfolgen, packte Japan in den Jahren 1954 bis 1958 den seit 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, etablierten Drogenmissbrauch (vor allem des starken, psychostimulierenden Methamphetamins) energisch und mit resoluter Gesetzgebung an. Produzenten und Händler riskierten bis zu fünf Jahre Gefängnis, Besitzer und Benutzer zwei bis drei Monate. Nach vier Jahren war die Zahl der jährlichen Verurteilungen von 55.600 auf 271 gesunken, und man hatte den Kampf auch gegen die Gangstersyndikate gewonnen. Das zeigt, dass nicht nur China mit seinen totalitären Methoden, sondern auch ein demokratischer Rechtsstaat durchaus die Mittel besitzt, um ohne Rechtsbrüche und unerträgliche Freiheitsverluste mit der Drogenproblematik fertigzuwerden. Erst zur Zeit des Vietnamkrieges, in den sechziger Jahren, kamen mit amerikanischen Soldaten wieder Drogen (diesmal vor allem Marihuana) ins Land.

USA: Die Düngung der «killing fields of America» durch liberale Träume

Aber die Versuche, ein Problem durch Ignorieren zum Verschwinden zu bringen, gingen weiter. In den Vereinigten Staaten hatte bis 1912 eine auf alterhergebrachten liberalen Prinzipien aufbauende, permissive Handhabung der Drogen («Jeder seines eigenen Unglückes Schmied!») einen gewaltigen Rauschgiftmarkt entstehen lassen. Man konnte Kokain und Heroin für wenig Geld in Drugstores kaufen. Im Jahre 1912 hub unter den Kriminellen von Manhattan eine regelrechte Heroin-Epidemie an, was 1914 zu der Verabschiedung des «Harrison Acts» führte, der zu einer restriktiveren Politik überleitete. Erst aber griff man auch dort zu einer naiven Lösung: Es kam aus reiner Verzweiflung zu jener Legalverschreibungsperiode von 1914 bis 1923, deren Folgen man niemals mehr würde ausräumen können.

Bald waren die USA von einem Netz von Drogenausgabestellen überzogen, und viele Neugierige ergriffen, von den bereits etablierten Süchtigen animiert, die Chance, psychotrope Drogen zu probieren. Wie immer in solchen Fällen, blieb ein gewisser Prozentsatz im Missbrauch hängen. Eine fortlaufende, rasche Vermehrung der Drogensüchtigen führte bald dazu, dass auf Verlangen medizinischer Experten 1923 die letzte Ausgabestelle geschlossen wurde. Dann begann, heftig kritisiert vom Soziologen A. Lindesmith, der die Legalverschreibung propagiert hatte und die Restriktivität als «unmenschlich und wirkungslos» bezeichnete, eine von Sanktionen, Entzug und Abstinenz dominierte, ausgesprochen restriktive Periode der amerikanischen Drogenpolitik, die zwischen 1923 und 1939 trotz wirtschaftlicher Depression und grossem sozialem Elend zu einem Rückgang der Süchtigenzahlen um etwa 90 % führte.

Gleich nach dem Krieg stieg die Zahl der Süchtigen wieder an, erreichte um etwa 1958 rund 50.000, fiel dann bis 1964 auf 40.000 leicht ab, um dann, ab 1965 als Folge der zwar widerlegten, aber dennoch populären Lindesmith-Thesen, Restriktivität bringe ja doch nichts, nach einem völligen Zusammenbruch aller Drogenüberwachung innerhalb weniger Jahre auf mehr als 500 000 anzusteigen. Lindesmith verwies damals - als auf einen Idealzustand - auf das eher permissive britische Gesetz von 1926, den «Rollstone Act». Man hatte - ein verhängnisvolles Erfahrungsdefizit! - die Auswirkungen dieser liberalen Gesetzgebung damals noch nicht kennengelernt, denn in Grossbritannien gab es anfangs kaum einen einheimischen Drogenmissbrauch. Das sollte sich unter den Einwirkungen des Rollstone Act bald gründlich ändern.

In den USA stieg die Anzahl der Süchtigen weiter an. In den späten achtziger Jahren rechnete man mit 750.000 bis 1 Million Heroinabhängigen, 5 Millionen Kokainisten und weiteren 3 Millionen Crack-Rauchern, 20 bis 25 Millionen Haschischrauchern sowie zahlreichen Amphetaministen und Konsumenten von Ecstasy, LSD, PCP und anderen, zum Teil synthetischen Drogen. Die amerikanische Regierung erklärte daraufhin den Drogen einen regelrechten «Krieg» (drug war) und hat das Rauschgiftdezernat (DEA), die Grenzkontrollen sowie die Küstenbewachung verstärkt und sogar mit militärischen Einsätzen die Regierung in Kolumbien unterstützt, als diese Ernst machte mit der Bekämpfung mächtiger Drogenkartelle.

Als Erfolg dieser Einsätze kann man verbuchen, dass der Zuwachs der Drogenproblematik mit zugehöriger Kriminalität in eine Phase des Rückgangs übergegangen ist. Statt 25 Millionen - wie 1979 - gibt es heute «nur noch» 10 Millionen Haschischraucher, statt 6 Millionen Kokainisten sind es heute «nur noch» 1,45 Millionen. Es wächst wieder eine Generation von jungen Menschen heran, die wirklich drogenfrei sein wollen. Sie wissen aus leidvoller Erfahrung, wie grauenhaft die Zustände sind, die sonst einreissen. Der aufrüttelnde TV-Film «On the killing fields of North America» zeigt anhand von etwa 12 Städten, die traurige Kriminalitätsrekorde in den USA halten, in überzeugenden Lebenslaufreportagen und Interviews, dass die Drogen in den allermeisten Fällen die Weichen stellen für ein Leben in zunehmendem Elend, Verbrechen und Verfall. Wie das Tauziehen ausgehen wird zwischen skrupellosen Geschäftemachern organisierter Verbrechergesellschaften einerseits und den Behörden andererseits, die die Menschenrechte und eine im Grunde sehr liberale Verfassung zu beachten suchen, ist noch offen. Alles spricht heute dafür, dass es breit angelegter und in den Köpfen der Menschenmassen verankerter Kraftakte im Sinne echter Volksbewegungen bedarf, um die Entwicklung zu wenden.

Grossbritannien: die Lady und die Heroinsüchtigen

Nur wegen der Abwesenheit schwererer Fälle von Heroinmissbrauch und eines ausgebreiteten, organisierten Drogenhandels konnte sich Grossbritannien lange eine liberale Drogenpolitik leisten. Es fehlte sowohl die «epidemische» Dynamik der Suchtausbreitung als auch das Milieu offenen Injektionsmissbrauchs, in der sich die süchtigen Verlierer (junkies) und die zynischen Verdiener (pusher, dealer) miteinander mischen. Im Jahre 1959 stiess man an die Grenzen eines solchen Systems des Laissez-faire, denn die zu diesem Zeitpunkt beginnende Periode der Legalverschreibung fiel damit zusammen, dass sechs kriminelle Heroinsüchtige aus Kanada einreisten, um von der älteren Psychiaterin Lady Frankau in Behandlung genommen zu werden. Einige Jahre lang wurde sie in den Massenmedien wie ein Messias gefeiert, als die einzige Person in ganz Grossbritannien, die wusste, wie man Heroinisten zu behandeln hatte.

Diese groteske Fehleinschätzung kam die Briten teuer zu stehen. Schon nach einigen Jahren hatte die Heroinabhängigkeit (vor 1959 gab es nur vereinzelte einheimische Fälle) insgesamt etwa 50 junge Briten erfasst, aber Lady Frankau blieb unbelehrbar - wurde sie doch so sehr gelobt für ihren «humanen» Einsatz: keine Repression, keine Kontrolle - Vertrauen war besser. Aber es war eine untaugliche Methode an untauglichen Objekten. Schnell war zu erkennen, dass sich die Sucht, ausgehend von den sechs Kanadiern, unaufhaltsam in dem empfänglichen Teil der britischen Jugend ausbreitete. Man brach die Legalverschreibung 1964 ab, aber da war es bereits zu spät: Nur 5 Jahre später, 1969, war - offiziellen Angaben des Innenministeriums zufolge - die Zahl der heroinsüchtigen jungen Briten auf etwa 2000 angewachsen. Und heute wirken selbst diese Zahlen noch traumhaft günstig, denn die Heroinepidemie kam nie mehr unter Kontrolle. Wer also heute allein in Liverpool 30.000 jugendliche Drogensüchtige mittels der Drogenfreigabe zu kurieren sucht (als würde man den Alkoholikern zur Frustbekämpfung Cognac ausschenken!), sollte sich daran erinnern, dass diese Fälle nichts anderes sind als das Ergebnis früherer, ganz ähnlicher Massnahmen. Gewisse Probleme wachsen halt still und langsam weiter, aber - auch wenn man nicht hinsieht - um so unerbittlicher.

Schweden: Verzehnfachung der jugendlichen Süchtigen

Auch in Schweden kam es zu einem entsprechenden Versuch mit der Legalverschreibung von Opiaten und Amphetamin, der 1965 gestartet wurde und schon 1967 wieder abgebrochen werden musste. Der Drogenkonsum hatte in diesen zwei Jahren explosiv zugenommen. Allein in den letzten 12 Monaten hatte sich die Zahl der injizierenden Drogensüchtigen in Stockholm verdoppelt, die Zahl der jugendlichen Amphetaministen (es gab damals in Schweden noch kaum Heroin) sogar verzehnfacht. Die Strassenkriminalität, die man auf diese Weise senken wollte, und die Zahl der groben Delikte (Raub, Körperverletzung usw.) hatte markant zugenommen, und die Analyse der Festnahmestatistiken zeigte, dass es vor allem das Verhalten der Süchtigen war, das immer wieder zu polizeilichem Eingreifen führte. Damit sollte die Hoffnung, dass man mit einer kontrollierten Drogenfreigabe die Drogenproblematik vermindern könne, endgültig zerschellt sein.

Recht auf Rausch?

Was ist nun mit dem berühmten «Recht auf Rausch», das sogar mancher Jurist mit hohem freiheitlichem Pathos über die geltenden Menschen- und Grundrechte seines Landes meint einklagen zu können? Jugendliche unter dem Einfluss auch nur der Rauschgifte wachsen schief in die Welt der zwischenmenschlichen Normen hinein. Was anfangs noch als «entspannt», «lax» und «souverän» fehlgedeutet werden kann, entpuppt sich allmählich als ein Aussteigen aus der Verantwortung und aller Anstrengungsbereitschaft, ein Aufgeben von Ambitionen, Bindungen und Forderungen an sich selbst. Diese Jugendlichen werden zu grenzenlosen Egozentrikern, zu «einsamen Wölfen» und gehen den Standards einer funktionierenden Solidargemeinschaft unwiderruflich verloren. Desillusioniert durch Erfahrungen mit ihnen, werden die Menschen misstrauisch. Misstrauen gebiert Kontrolle und Überwachung. So geht - nicht nur für die Drogensüchtigen allein, sondern für die ganze Gemeinschaft - immer mehr Freiheit verloren. Was der Süchtige unter «Freiheit» versteht, ist das unbedingte Befriedigen seines Begehrens und ähnelt fatal der Freiheit des Alkoholikers, das Haushaltsgeld zu vertrinken und nach Belieben seine Frau zu verprügeln. Diese Art des «Rechtes" auf den Rausch hat bisher noch jede zivilisierte Gemeinschaft ihren Egozentrikern verweigert.

Ähnliche Erfahrungen wie die hier referierten wurden in den vergangenen Jahrhunderten von insgesamt mehr als 20 Nationen gemacht, die zeitweise auf die Restriktivität gegenüber den Rauschgiften verzichteten. Früher oder später mussten sie alle reuig zu einem strikteren Umgang mit den Drogen und ihren Opfern zurückkehren, da ihnen sonst die Probleme über den Kopf wuchsen. Jedesmal kam man genau zu der von der UNO, der WHO und dem International Narcotics Control Board (lNCB) sowie von den führenden Drogenexperten aus aller Welt20 seit langem geteilten Erkenntnis, die sich bis heute in allen wesentlichen internationalen Konventionen der UNO und der WHO niedergeschlagen (1961, 1971, 1972, 1988) und immer wieder bestätigt hat: Psychotrope Drogen müssen gesellschaftlicher Ächtung und behördlicher Kontrolle unterliegen, an der Quelle, im Handel und beim Konsum - andernfalls steigt ihr Missbrauch unweigerlich, unaufhörlich und unaufhaltsam an.

Hirnphysiologische Grundlagen der Suchtentwicklung

Selbstkontrolle: Zugriff der Hirnrinde aufs Stammhirn

Es ist immer einprägsamer, etwas in seiner kausalen Verankerung verstanden als es nur berichtet bekommen zu haben. Einverständnis in so grundlegenden Fragen, die unsere Freiheitsrechte und bürgerlichen Verpflichtungen berühren, setzt fast voraus, dass man selbst beurteilt, ob die vorgetragenen Schlussfolgerungen schlüssig und nachvollziebar sind. Deshalb sei im folgenden der physiologische Hintergrund der Suchtentwicklung noch einmal detaillierter betrachtet.

Gerade hierzu nämlich ist erst in den letzten Jahren das letzte Puzzlestück auf seinen Platz gefallen: der innere, zelluläre destruktive Mechanismus der Gewöhnungsbildung als neurochemisches Phänomen. Was die Wissenschaft mit der Kombination avanciertester Untersuchungsmethoden (PET, SPECT, BEAM, RBF, MRI, Zytochemie und Gentechnologie) hier zutage gefördert hat, ist nämlich neu, logisch einleuchtend und erklärt Facetten der Sucht, die uns bislang unverständlich blieben. Diese Ergebnisse seien hier in ihren Umrissen vermittelt, denn sie haben einen grossen Erklärungswert.

Ein Tier - und das gilt selbst für Menschenaffen, kluge Hunde, Delphine, Katzen und Pferde - tut in der Regel genau das, wonach ihm zumute ist. Es hat keine psychischen «Meta-Ebenen», von denen aus es sein eigenes Verhalten betrachten, beurteilen und modifizieren könnte. Die Frage der Handlungsfreiheit stellt sich ihm nicht. Allenfalls bei domestizierten und dressierten Tieren - etwa dem von Menschen betreuten höheren Affen oder dem in der Familie lebenden Hund - kann neu Erlerntes mit artspezifischen Spontanimpulsen interferieren. Was der Mensch ihnen beigebracht hat, kompliziert in diesen Fällen die Verhaltenssteuerung des domestizierten Tieres, indem äussere Vorgaben gegen spontane, eigene Wünsche abzuwägen sind. Dies macht manche Tiere tatsächlich «salonfähig», indem sie - denken wir an einen grossen, freundlichen Hund - eben nicht jeden Menschen gleich anspringen und lecken, wenn ihnen danach zumute ist. So beginnt im Grunde das «Zivilisiertsein». Spontanhandlungen zugunsten von neuen Zielen und Leitwerten zu unterdrücken. Sich aber aus eigenem Antrieb zu zügeln (sich also etwa - weil Herrchen verreist einen Wurstvorrat anzulegen), überfordert selbst den klügsten Hund.

Der Mensch hingegen ist fähig, sich unter der Einwirkung von Absichten und Fernzielen (auch daran wirken Vorgaben der Umwelt mit: Sitten und Gebräuche, Traditionen und Gesetze) selbst zu steuern. Diese Selbstkontrolle, die den zivilisierten Menschen vom Barbaren unterscheidet, macht, dass er sich nicht gleich alles nimmt, was er haben möchte, nicht gleich schreit, wenn ihm danach zumute ist, und nicht gleich zuschlägt, wenn ihn etwas ärgert. Er hat gelernt, im Gefolge einer reflektierten Handlungsverzögerung auf die Wünsche anderer Rücksicht zu nehmen - der Beginn des zivilisierten Umgangs miteinander. Dieser setzt voraus, dass die primären Triebe des Menschen einer übergeordneten Kontrolle unterliegen, welche auch die Ergebnisse von Nachdenken, Abwägen, innerem «Probehandeln» und anderen kognitiven Funktionen der Grosshirnrinde in das Handeln mit einfliessen lässt. Der zivilisierte und sozialisierte Mensch kann seinen primären Trieben die Stirn bieten: Er lernt die Selbstbeherrschung.

Hierzu müssen die Leitungsbahnen des Grosshirns in das gefühlsgesteuerte, «bewertende» limbische System und das Impulsgeschehen des triebgesteuerten Stammhirns eingeflochten sein. Das ist in den - für Nervengifte leider hochempfindlichen! - Strukturen der Verbindungen zwischen dem (entwicklungsgeschichtlich neuen) Frontalhirn, dem älteren limbischen System und dem uralten Stammhirn tatsächlich der Fall: Cortex <-> Striamedullaris <-> Habenula <->Fasciculus retroflexus <-> Mesencephalon <-> Rhombencephalon sowie die Anschlüsse Neocortex <-> limbisches System (Hippocampus <-> Mandelkerne <-> Fornix) <-> Thalamus <-> Formatio reticularis, alles mit zahlreichen Rückkopplungsschleifen. Dies sind die alten Verbindungsstränge und Zuschaltzentren der einstmals selbständigen Urhirne: Riechhirn, Sehhirn usw., bis hin zum allerältesten, für Atmung und Kreislauf zuständigen Stammhirn. Als Teilhirne waren sie für einzelne Aufgaben (Sinneswahrnehmungen und Organsysteme) zuständig, verschmolzen dann aber miteinander, um ein einziges integrierendes Gehirn zu bilden.

Dabei entstanden mehrere Formationen, die eine besondere Nadelöhr-Funktion aufweisen. Selbst bei kleinen, lokalisierten Schädigungen fallen plötzlich zahlreiche komplexe psychische Vorgänge aus. Eine solche Rolle spielen etwa der Fasciculus retroflexus für kognitive Prozesse und Impulskontrolle, die Mandelkerne für seelisch-emotionale Reaktionen und der Thalamus - das «Tor zum Bewusstsein» - für das Bewusstwerden von inneren und äusseren Wahrnehmungen. Eine ähnlich zentrale Funktion haben Belohnungs- bzw. Lust- und Unlustzentren für unsere Willens- und Absichtsorientierung, andere Teile des limbischen Systems für die Glücksfähigkeit.

Ob man nun die Funktion der Selbstkontrolle und Selbststeuerung «Selbstdisziplin» nennt oder «Über-Ich», «sittliche Norm» oder «Moral», ist unwichtig - das Prinzip bleibt dasselbe: Nur durch den bewusstseinsgesteuerten Eingriff in sein eigenes Triebverhalten wird der Mensch vernünftig, kooperativ und gesittet. Es liegt nahe, anzunehmen, dass dies nur dann funktioniert, wenn die dafür zuständigen Hirnstrukturen intakt sind. Die gerade in diesen Verflechtungen zwischen Bewusstsein und Triebverhalten beobachteten Nervenzellschäden bei Süchtigen erklären nicht nur Wahrnehmungsstörungen und psychotische Symptome, sondern auch den Verlust von Initiative und Selbstkontrolle. Dies würde nicht nur den Verlust des freien Willens beim typischen Suchtverhalten erklären, sondern auch seine oft asozialen und selbstzerstörerischen Züge.

Lustzentrum: Verhaltenssteuerung durch Belohnung

Seit langer Zeit kennt man sogenannte «Belohnungszentren» im Hirn der Säugetiere, Hirnregionen, die dem Individuum Lusterlebnisse «pur» vermitteln. Das wohl wichtigste «Belohnungszentrum» für Rauschmittel (drug reward or reinforcing region) konnte bei allen Säugetieren in ähnlicher Lage identifiziert werden. Es ist Teil des mesolimbischen Dopaminsystems: die VTA-Region (ventral tegmental area) und der Nucleus accumbens. Auch die Biochemie seiner Funktionsweise scheint zwischen verschiedenen Säugetierarten nur wenig zu variieren.

Diese überraschenden entwicklungsgeschichtlichen Gemeinsamkeiten zwischen Säugetieren unterschiedlichster Entwicklungsstufen machen deutlich, dass es sich bei diesem System der Belohnung um ein sehr altes, fundamentales Prinzip der Verhaltenssteuerung handeln dürfte, offenbar um eine sehr frühe «Erfindung» der Wirbeltiere im Laufe ihrer Hirnvergrösserung bei der Entwicklung zu Landtieren (Reptilien). Das ist begreiflich, setzt es doch dem Individuum einen Plus- und einen Minuspol, ein Lust- und ein Unlustzentrum und damit Orientierungen wie gut und schlecht, erfolgreich und missglückt, nützlich und schädlich, erstrebenswert und umgehenswert, recht und unrecht - kurz, die Kriterien für «zu wiederholen» und für «zu vermeiden». Dies lehrt auch den Menschen, Schmerzen, Leid und schlechtes Gewissen zu umgehen, aber Freude und Glück immer von neuem zu suchen.

Setzt man in diese «belohnende» Zellstruktur eine elektrische Hirnsonde ein und gibt einem Versuchstier die Möglichkeit, etwa in einer Ecke seines Käfigs einen Hebel zu betätigen, der diese Sonde aktiviert und damit im eigenen Gehirn Lustimpulse «pur» induziert, so wird man finden, dass das Versuchstier sich bald nur noch in dieser Käfigecke aufhält und fortdauernd diesen «Lusthebel» betätigt. Alle anderen Verrichtungen des praktischen Lebens werden zugunsten dieser permanenten Selbstbelohnung unterbleiben. Das Tier erreicht die sonst nur über komplizierte Handlungsketten - mit Erfolgsmeldung aus der Aussenwelt! - erreichbaren Lust- und Befriedigungserlebnisse sozusagen über einen Abkürzungsweg, und es hat sich gezeigt, dass keines der untersuchten Säugetiere dieser Versuchung zu widerstehen vermag. Jedes einzelne Versuchstier verhält sich wie ein Junkie, der fundamentale Bedürfnisse wie schlafen, essen, familiäre Bindungen und soziale Funktionen wie Kooperation, Ambition oder Gesetzestreue seinem neuerworbenen Trieb opfert. Alle glückssüchtigen Tiere sitzen zum Schluss mager, apathisch und ungepflegt in der Ecke des Käfigs, wo ihnen das Lusterlebnis direkt zugänglich ist. Das hat gute Gründe.

Belohnung ohne Anlass: Verwirrung und Entgleisung

Genau dies nämlich ist auch die Startsituation eines Drogensüchtigen. Bei ihm induziert die Droge ein euphorisierendes Belohnungsgefühl (er ist «high», oder in seiner Sprache: «gut drauf», und «fährt auf andere gut ab»), was allerdings in einem psychologischen «Crash» endet, sobald der Stimulus ausbleibt. Dies ist offenbar ein gemeinsamer Zug aller süchtigmachenden Drogen. Im Belohnungszentrum etwa konnten nach der Dauerstimulation mit Opiaten regelmässig Stoffwechselveränderungen festgestellt werden, die in ihren Konsequenzen (wenn auch nicht im biochemischen Mechanismus) gemeinsam sind für Opiate und Kokain, Amphetamine und andere Psychostimulantien, aber auch für Haschisch/Marihuana, Alkohol, Meskalin und das wohlbekannte Alkaloid eines mit antiken Schweinebohnen wie mittelalterlichen Hexensalben verwandten Nachtschattengewächses: das Nikotin.

Diese Veränderungen, heute erstmalig genau beschreibbar und in ihren Folgen durchschaut, werden in den Nervenzellen in Form einer chromosomal gesteuerten Umprogrammierung des inneren Energiestoffwechsels wichtiger Hirnzellen festgeschrieben, so dass diese auf normale Reize später nicht mehr reagieren. Hier, im Bereich zwischen Belohnungszentren und der Schaltstelle zwischen niederen und höheren Hirnregionen, scheinen die verschiedenen suchterzeugenden Drogen eine gemeinsame Endstrecke der Schäden im Gehirnstoffwechsel aufzuweisen: die induzierte Abstumpfung unseres Lustzentrums und damit unserer Glücksempfänglichkeit. Selbst der Alkohol scheint sich der Endorphine zu bedienen, um hier seine Suchteffekte auszuüben. Daraus geht auch hervor, wie irreführend es sein kann, zwischen «harten» und «weichen» Drogen zu unterscheiden.

Die interne Lust/Unlust-Regulation ist beim Süchtigen in charakteristischer Weise gestört: Durch die wiederholte Einwirkung der Drogen auf ihre Belohnungsregion ist es zu markanten Zellatrophien gekommen, sozusagen zu einer strukturell erstarrten «Glücksunfähigkeit». Der Prozess der Drogengewöhnung führt in einer logischen Kette von funktionellen zu strukturellen Veränderungen im Gehirn, die jene typische, verzweifelt den verlorenen Glückserlebnissen und Lustimpulsen nachjagende Suchtbegierde vermitteln, die im besten Falle nach vielen Jahren in allgemeiner Apathie ausbrennt. Da die Dopaminreize im ausgebrannten Belohnungszentrum des Gehirns ergebnislos versickern, lohnt sich keine Anstrengung, kein zielstrebiges Verhalten mehr - es wird nicht mehr belohnt. Allenfalls noch die Überdosis.

Indem der Süchtige nur noch für den «falschen», den gesundheitsgefährdenden, freiheitsraubenden Beschluss, seine Droge zu nehmen, durch einen Lustkick unmittelbar belohnt, aber für den «richtigen» Beschluss, davon Abstand zu nehmen, mit entsetzlichen Entzugsqualen bestraft wird, muss er total die Orientierung zwischen gut und schlecht, ja und nein, Glück und Katastrophe verlieren. Dies allein erklärt die unbegreiflichen, ja «unmenschlichen» Szenen, die man an den Sammelplätzen solcher unglückseligen Junkies sehen kann.

Endorphine und Opiatrezeptoren

Warum nun entfalten Opiate ganz generell so starke Wirkungen? Sie müssen an Rezeptoren ansetzen, die sehr wichtige Funktionen im Organismus haben. Für diese Rezeptoren wiederum muss es «normale» Signalsubstanzen geben, die - ohne Schäden anzurichten! - auf sie einwirken können. Und die hat man gefunden: Es sind die sogenannten «Endorphine». Dabei handelt es sich um eine Gruppe von internen neuronalen Botenstoffen, die an bestimmten Nervenzellen durchgreifende Effekte zeigen.

Frisch Verliebte etwa stehen eineinhalb Jahre lang unter dem immer wiederkehrenden Einfluss messbarer Mengen von Endorphinen - und eventuell auch Phenyläthylaminen -, die ihnen jenes typische Hochgefühl perlender Freude, überschäumender Zuversicht und eines wohlbekannten «Pirrens im Bauch» (Wonneschauer) geben. Genau das nennt man Verliebtheit. Endorphine sind entwicklungsgeschichtlich uralte Mitspieler in unserem biochemischen Stimmungskonzert; wie auch die Geschlechtshormone und andere, meist aus den Nebennieren stammende Steroide (Kortison, Kortisol), wie das Serotonin und die «Aufmerksamkeits»-Vermittler Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin (die in ihrer chemischen Struktur - ganz sicher nicht zufällig! - den Aufputschmitteln Amphetamin, Methamphetamin, Ecstasy und Qat ähneln). Sie alle «baden» bei Anfällen von Wut oder Panik, bei Liebe und Lust bestimmte Regionen des limbischen Systems in den von innen als «Emotionen» und «Affekte» erlebten Stimmungen, die uns zu Handlungen veranlassen können, die sonst undenkbar wären.

Das dürfte auch der entwicklungsgeschichtliche «Sinn» dieser Signalsubstanzen sein: Prioritäten ändern, die Handlungsauswahl kippen zu weniger routinegesteuertem Verhalten, die letzte, vorbehaltlose Anstrengung oder Konzentration aufbringen, die eben nur extreme und seltene Situationen erfordern. Es ist also in keiner Weise überraschend, dass diese uralten Botenstoffe des Gehirns vor allem mit Funktionen der Fortpflanzung und des Überlebenskampfes verknüpft sind und durch Stresssignale freigesetzt werden.

Endorphine sind die grossen Bezirzer und Betäuber der Psyche: Sie lindern den Schmerz, bei grösseren Körperschäden zeitweise bis zur völligen Unempfindlichkeit. Sie machen Unangenehmes weniger unangenehm, aber Angenehmes lustvoller. Sie lenken ab von Not und Pein und hin zum Behaglichen. Dem Langstreckenläufer, der seine roten Blutkörperchen auf dem harten Asphalt mit jedem Schritt zu Millionen zertritt, dem Bergsteiger oder Asketen vermitteln sie nach längerer Anstrengung eine merkbare Euphorie. In höheren Dosen erzeugen sie träumerische Seligkeit. Auf immunologische Vorgänge und Stresszustände wirken sie günstig, indem sie dämpfen, beruhigen und die Toleranz steigern. Sie begleiten alle Stadien der Reproduktion: sexuelle Attraktion, Libido und Potenz, Empfängnis- und Geburtsakt. Wenn das Leben verlischt, vermitteln sie eine milde Euphorie, ermöglichen das ruhige, entspannte Sterben, im besten Falle den «schönen Tod».

Ihre «Dummies» in Form der Opiate aber vermitteln den Sturm, die Synapsenbetäubung, nach längerer Zeit die Reizabstumpfung, die inneren cAMP-Umstellungen der dopaminergen Neuronen, die nie wieder zu ihrer normalen Funktion zurückkehren können. Ebensowenig wie ein Taschencomputer noch weiterrechnet, nachdem man den untauglichen Versuch unternommen hat, ihn mit Starkstrom zu schnellerem Rechnen anzutreiben. Die langsam enthirnende, selbstzerstörerische Sucht greift ein in komplizierte Funktionen eines Netzwerkes aus filigranen Mikrostrukturen, eines sensiblen und hochkomplizierten Signalsystems, so empfindlich wie störbar. Die Signale, die hier suchterzeugend einbrechen, sind in der Grössenordnung 100- bis 1000mal zu stark für dieses feine Netzwerk. Wesentliche Strukturdetails in ihm werden durch diese «molekuläre Gewalttätigkeit» irreparabel zerstört (nach neuesten Forschungen21 kann chronische Opiateinwirkung bis zu 25% der Nervenzellen der VTA-Region und ihrer direkten Umgebung verschwinden lassen!).

Die natürlichen Endorphine sind jedoch kurzlebig und daher schonend, ihre Halbwertzeit liegt bei etwa fünf Minuten. Dann ist bereits die Hälfte abgebaut, und die Lustzentren brauchen neue Stimulation, die Schmerzrezeptoren neue Blockaden. Das dürfte der Grund dafür sein, dass der Frischoperierte das endorphinsimulierende Morphin immer wieder verlangt, der Frischverliebte die Freisetzung der Endorphine und anderer euphorisierender Substanzen (eventuell des Phenyläthylamins, PEA), die ihm ein dauerhaftes, romantisches Hoch vermitteln, immer wieder durch kleine Mund-zu-Mund-Kontakte und andere Liebkosungen wiederbelebt.

Der Verliebte ist in dieser Phase tatsächlich, biochemisch gesehen, regelrecht «high». Der schwedische Psychiater Nils Bejerot hat daher die Situation eines akut Verliebten mit der eines Süchtigen verglichen: Mit keinem der beiden kann man vernünftig reden. Es hat einfach keinen Sinn: Sie sehen unter der lustbetonten Endorphinwirkung alles unbeeinflussbar rosarot, tun nur das, was ihnen die Aufrechterhaltung dieses höchst angenehmen Zustandes ermöglicht, und weisen ohne nähere Prüfung jeden Einwand, jede Warnung als pure Glücksgefährdung zurück. Erst wenn diese Endorphin-Phase abklingt, nehmen die Dinge wieder eine reale Gestalt an. Man kann mit einem dann Endorphinfreien sogar über eventuelle Charaktermängel seines Partners reden. So, wie man sich auch mit dem Süchtigen nach dem Abklingen der Drogenwirkung, nach dem Entzug mit seinen Qualen, leicht über die nachteiligen Folgen des Drogenmissbrauchs einig werden kann. Der Unterschied liegt vor allem in der Stärke der Reize: Die Liebe setzt sicher physiologisch verarbeitbare Reize, die das System nicht ruinieren, während die von aussen zugeführten Opiate wie ein limbischer Tornado, der alles einreisst, durch die Glücksemporen des Menschen fegen.

Man hat inzwischen auch die lange gesuchten Opiatrezeptoren gefunden: Sie sind genau so verteilt, wie es nach den Endorphinwirkungen zu erwarten ist, und sie können nicht zwischen den echten, physiologischen und den unechten, von aussen zugeführten Signalsubstanzen unterscheiden. Das synthetische Methadon etwa geht an dieselben Zellmembranrezeptoren wie das Endorphin und das Morphin; daher ist jede Methadonbehandlung, wie gut gemeint auch immer, zugleich eine weitere Vertiefung der Sucht, ihrer Unumkehrbarkeit, ihrer durchgreifenden Hirnschädigung und Persönlichkeitsveränderung. Die Zeit mit Methadon ist für Entzug und Heilung unwiderruflich verloren.

Entwicklungsgeschichtlich: ererbte Stressantworten

Die Opiatrezeptoren - man unterscheidet bereits zahlreiche Typen, etwa Delta-, My- und Kapparezeptoren - sind an mehreren Typen immunologisch aktiver Zellen, vor allem der weissen Blutkörperchen (Monozyten, Granulozyten) und auch in den Gefässinnenwänden (Endothelzellen) zu finden, also im gesamten Organismus. Zunehmend werden hier Molekülstrukturen identifiziert, die der Mensch mit bis zu 500 Millionen Jahre älteren Lebewesen der gemeinsamen Evolutionsgeschichte teilt, was dafür spricht, dass sie sehr fundamentale Prozesse steuern. Die genannten Zellen sind mit ihrer Stickoxidfreisetzung in eines der entwicklungsgeschichtlich ältesten Signalsysteme für die Zellaktivierung involviert. Daher können wir heute feststellen, dass ein Verdacht, den kluge Toxikologen bereits in den sechziger Jahren geäussert hatten, zutrifft: Opioide, vor allem die inneren, physiologischen Liganden (Endorphine) der überall anzutreffenden Opiatrezeptoren, repräsentieren ein uraltes, wichtiges, lebensrettendes, stressbeantwortendes Signalsystem der Organismen.22

Und nun wird es logisch ganz durchsichtig und zwingend: Diese normalerweise nur durch den Notfall induzierten, also durch Krisen ausgelösten, Reserven freisetzenden, Schmerzunempfindlichkeit und sozusagen «inneren Gleichmut» vermittelnden Botenstoffe, die von den externen Rauschgiften nur nachgemacht werden, sind dazu da, den Organismus temporär gegen Unlusterlebnisse aller Art zu «anästhesieren» (also gegen Unbehagen zu betäuben - man spricht daher von einer «anti-nociceptiven» Wirkung). Das hat gegebenermassen sehr angenehme Nebenwirkungen, und es liegt nahe, dass Substanzen dieses Wirkungskreises überhaupt zur Sucht führen.

Die Entfesselung der stressbeantwortenden Systeme mit Pulssteigerung, Schwitzen, Erregung, generellem Verdauungs- und Reparaturstopp - also des reinen Notbetriebs - ist dabei logischerweise unvermeidlich und ein wesentlicher Teil des Unlustmechanismus des «craving» und des Entzugs.

Die Opiatrezeptoren bilden zugleich eines der differenziertesten und störungsempfindlichsten Systeme, die das Leben überhaupt entwickelt hat, da es neuronal-psychisch mit vielfältigen lebenswichtigen organisch-metabolen Prozessen verknüpft ist. Rauschgifte setzen es ausser Funktion und zerstören bei wiederholter Einwirkung sogar seine mikrobiologischen Funktionsvoraussetzungen auf Zell- und Chromosomenniveau. Da das im Prinzip irreversible Veränderungen sind, müssen alle solche Substanzen ohne Zweifel als hochtoxisch gelten, sowohl bei akuter als auch bei chronischer Anwendung. Eine Mortalitätsquote von zwei bis drei Prozent jährlich - etwa das Hundertfache des Normalen! - ist in der Bilanz hierfür eine eindrucksvolle Bestätigung.

Sturm und Flüstern im Gehirn

Diese naturwissenschaftlichen Details sind nicht jedem direkt zugänglich.23 Man mag fragen: Okay, dies alles geschieht in den Zellen, aber was bedeutet das denn nun? Wie soll man sich das vorstellen? Deshalb sei hier mit einer eher «impressionistischen» Betrachtungsweise abgeschlossen. Denn wir haben heute schon eine gewisse Ahnung davon, wie wir uns die Funktion des Gehirns mittels eben diesem Gehirn (ipsoreflexiv) «vorstellen» sollen.

Das Gehirn besteht aus etwa 20mal mehr Nervenzellen, als die Erde Menschen hat. Sie fassen einander an mit 5000 bis 50.000 Händen (im Durchschnitt mit etwa 10.000 Dendriten, spines und Synapsen), was rund 1015 oder eine Million Milliarden Verknüpfungen ergibt. Die einzelnen Zellen sind mit Zielen in der Nähe wie in der Ferne verbunden. Selbst bei geringfügigen psychischen Vorgängen (Dösen, Wahrnehmung eines Tons) sind es Millionen bis Milliarden von Zellen, die einander etwas weitergeben, zuflüstern, die einander betasten und belauschen. Sie beschäftigen einander unaufhörlich, knisternd und funkelnd, Tag und Nacht - wir merken es nur, wenn wir empfindliche Messinstrumente (etwa bei der EEG-Registrierung) an die Kopfhaut legen. Botenstoffe wandern, Rezeptoren zucken, Poren schliessen und öffnen sich, Ionen strömen ein und aus und lassen Potentiale springen. Kriechfeuer wie an Lunten, Irrlichter wie aus Sumpfgasen, Funken tanzen durch das Gitterwerk der Zellen, mal schwelend wie ein Torfbrand, mal in explosiven Lichtbäumen wie ein lautloses Feuerwerk. Fluoreszierende Würmer in Wasserstrudeln, rotierend, sich ausbreitend, in Ringen verebbend, verlöschend. Mal glitzern grünliche Glühwürmer wie Smaragdbläschen in wedelnden Tangwäldern, mal funkelt ein blutiges Meeresleuchten wie Rubine in der Tiefsee. Die Erregungsausbreitung lässt wechselnde Bereiche aufleuchten, sprühen oder verglimmen, Zellausläufer summen, kitzeln und verstummen: Information wandert. Dendriten tasten Neurone ab, Synapsenkörbe bremsen, unterdrücken, stimulieren, sie stossen an, halten an, erregen, wecken und legen still.

Gedanken, Gefühle und innere Bilder schweben wie phosphoreszierende Libellen in die Gärten der Gefühle, kreisen am Nachthimmel des Bewusstseins. Sie werfen schwache Schatten, lassen verklingende Nachbilder zurück, ephemere Aktivierung von ziselierten Strukturen, von feinen Geweben der Erinnerung, Interaktionen zwischen Molekülschleifen, die sich aufknäueln, die in Ketten, Fächern und Kaskaden von Ereignissen, in nordlichternden Schleiern, in fallenden und steigenden Ringen einander nachjagen, nach einander schnappen. Laufende Maschen in den Engrammnetzen des Gespeicherten - Spuren von Vergangenem entstehen und schwinden wie chemische Schemen im zirkulierenden Protoplasma, molekuläre Silhouetten, Regen und Rinnsale in der Hirnrinde, Tränenspuren im Gedächtnissand. Hier wird gelöscht, verwischt, dort anderes eingebrannt in den Schlick des Gewesenen.

Was entscheidet über diese Vorgänge? Es sind die Myriaden von erwachenden kleinen Ensembles von Botenstoffen und Rezeptoren, von zierlichen Molekülen, Schlüsseln in den Schlössern der Zellmembranen. Eine chemische Symphonie mit tausend Notenschlüsseln. Es sind Proteinfaltungen, Chelatkomplexe und Glykosphingolipide, Transmitter wie Dopamin, Serotonin, Acetylcholin, Gammaaminobuttersäure, kurze und lange Neuropeptide, die wie Wörter hin- und herfliegen zwischen den Schaltpulten gestaffelter Rückkopplungskreise. Alice in Wonderland? - Nein, das alles ist scharf umrissen, gequantelt und sehr exakt. So etwa könnte man es sich denken: 8 K+-Ionen ergeben 1,2 Atovolt, setzen 32 Transmittermoleküle frei. Ab 70 Molekülen Acetylcholin öffnet sich der Ionenkanal auf 3,4 Femtometer Durchmesser. 2 x 106 Cl- -Ionen strömen nun durch die Membran, Acetylcholinesterase zerschneidet derweil den Botenstoff mit einem Takt von 4 Molekülen pro Millisekunde - Zeitbedarf pro synaptischer Transmission: 11 Millisekunden. Hier im Kleinen herrscht Ordnung, auch wenn sie im Grossen zu grosser Unordnung führen mag.

Die Schichten der Zellen verschiedenster Bauart und Ausrüstung sind hierarchisch geordnet, organisiert in Schalen und Clustern, in Gittern und Strängen, in denen die Erregungsströme sich verfächern, wo Impulswellen hin und her prallen wie Ringe im Wasserbecken, wo Kometenschweife von prickelnder Erregung ins Dunkle schiessen, Schwingungen in tanzenden Lianen auf- und absteigen. Lichterspuren verengen sich, blähen sich, tropfen ab, kreisen, streuen, breiten sich aus, wandern umher in Loops und Zyklen. Sie werden reflektiert und repetiert, verlängert in verzögernden Umwegschaltungen und Warteschleifen, sie werden gedämpft, verstärkt, gefiltert in gesprenkelten Neuronennetzen. Overlays, saltatorische Rhythmen, scheinbar chaotische Interferenzmuster - es glüht und kreist, pulsiert und oszilliert. Ähnlichkeitsdecodierung, Bildergänzung, Konturenerkennung, Mustervergleiche, Interpolation, fraktale Strukturen, Attraktoren und Präexzitation. Limbische Tönung, Hippocampus-Dämpfung, Zirbelstielbündel, thalamokortikale Erregungskreise - es wird entfaltet und projiziert, kondensiert und dispergiert, evoziert und revoziert, supprimiert und kontrahiert. Milliarden von Synapsen inhibieren, retardieren, mitigieren oder fazilitieren. Scannende Lichtkegel des Bewusstseins greifen sich aus dem Geflacker und Geflimmer das relevant Erscheinende heraus.

Hier gibt es Zugriff und Wendung, Verknüpfung und Auflösung, Löschen durch Überschreiben, Vergessen durch Zerfall. Eine veränderliche Landschaft komplexer Topologie: Transmittercleavage und -synthese, refraktäre Membranen und Potentialregeneration, Connection-Prozesse und Kaliumpumpen, spontane Defaultimpulse, Parallelläufe, Signalstau, Rhythmusmodulation und Intervallstauchung. Erregungsschauer rieseln durch das Gitterwerk aus gewachsenen Asymmetrien, durch die bereits erstarrten Erinnerungsspuren, und generieren innere Bilder. Diese zünden Stimmungen und Affekte, holen Assoziationen herbei an den Fäden der Ähnlichkeiten. Das Bewusstsein fingert suchend in seinen Beständen, iterierend, vergleichend und ordnend. Hier mischen sich blitzschnelle elektrische Prozesse mit langsamen chemischen Reaktionen, mikroskopische Zytoplasmawanderung mit molekulären Umlagerungen, Kriechströme, Osmose, Vesikelwanderung mit entsorgender Phagozytose. Darunter schwellen wie ein Ostinato die Stimmungstöne der Seele an und ab.

Diese unfassbar komplexen Prozesse haben Millionen Jahre Erfahrung, sie sind geformt und geschliffen von Erfolg und Misserfolg, von Wachstum, Anpassung und Untergang. Es ist des Lebendigen höchste Organisationsform: formen, löschen, umformen, löschen, neu gestalten - Interferenzen bleiben. Zu glauben, man könne diese Prozesse in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und Vernetzung durch einfache Eingriffe, durch Zugabe eines «Startgases», eines «Kicks» oder eines «Weichmachers», durch Tricks also, durch Amphetamine oder Opiate, durch Erhitzen, Abkühlen oder das Hineinschütten von Enzymen oder Glückspillen trimmen wie einen Mopedmotor, ist eine folgenschwere Verkennung der organischen Gehirnfunktion. Und aller fundamentaten Gesetze der Biologie.

Es ist schon Unsinn zu meinen (wie es mancher Vitamin-Fan tut), das Hineinschütten grosser Mengen einer bestimmten Schraube, wie wichtig auch immer, in eine Dachluke der Mercedes-Werke würde uns mehr oder bessere Autos bescheren: In Wirklichkeit muss ein Mann mit Schubkarre abgestellt werden, um den störenden Schraubenhaufen in der Fabrik wieder aus dem Weg zu räumen. Um wieviel abwegiger ist nicht dieser Gedanke angesichts der Komplexität des Lebendigen, besonders des Gehirns. Die Differenziertheit und Störungsempfindlichkeit seiner Organisation übersteigt jene der Automobilproduktion um das Vieltausendfache. Das setzt der Einflussnahme durch «Tricks » von aussen enge Grenzen. Hier gibt es keine einfachen Lösungen. Alle Versuche, etwa einen «Intelligenzverstärker» in Form einer essentiellen Aminosäure oder einer anderen aufputschenden Substanz zu finden - Glutamin oder Dextropur, Preludin oder Heroin - haben bislang allenfalls zu Übergewicht oder Verblödung, Sucht oder anderen schweren Krankheiten geführt.

Der Glaube, die Hirnleistung liesse sich durch Zugabe einer einzelnen Substanz verbessern, das sich hinter Widerständen und Mühen und vor allem viel Zeit verschanzende Glück sei über einen Abkürzungsweg im Handstreich zu erobern, führt stets auf Holzwege. Es ist ebenso absurd, als erwartete man von einer Schreibmaschine, dass sie besonders gute Geschichten schriebe, wenn man sie mit teurem Rosenöl pflegte. Es ist die Auswahl der Tasten und ihre Reihenfolge, die innere Organisation der Wortwahl, die über die Qualität der Geschichten entscheidet, welche die Maschine schreibt. Ebenso ist es die Organisation der internen Erregungsverläufe im Gehirn, die über die Qualität der Gedanken entscheidet - nicht die Zufuhr irgendeiner psychotropen Droge von aussen. Vor allem keiner solchen, die wie ein Sturm durch ein System tobt, in dem die inneren Stimmen der Synapsenkörbe normalerweise behutsam flüstern.

Das menschliche Gehirn mit seinen tausend Signalen und Sensoren ist entwicklungsgeschichtlich gut erprobt, Schritt für Schritt zusammengesetzt, geprüft und modifiziert, modifiziert und geprüft, Hunderte von Millionen Jahre lang. Und es hat sich bewährt, so wie es ist, billiardenfach. Es ist dabei langsam besser geworden. Erst beim Bilch, dann beim Lemuren, dann beim Affen. Hätte es eine Substanz gegeben (etwa das Cannabis der Hanfpflanze), welche die Leistungsfähigkeit des Gehirns erhöhte: Längst wäre sie von der Natur entdeckt und in die natürliche Nahrung einiger Tiere aufgenommen worden. Statt dessen hat sich das Zentralnervensystem der normalen Nahrungsstoffe bedient und sich nur immer komplizierter strukturiert und organisiert, hat in sich ein sinnenvermitteltes Modell der Aussenwelt angelegt. So hat sich allmählich unser 1800-g-Gehirn entwickelt, das im Vergleich zur Körpermasse weitaus grösste der Welt. Es wird sinnvoll eingerichtet («erlebnisprogrammiert»), genutzt und geübt durch seine Anwendung am Objekt («ergebnisorientiert») - also an einem möglichst breiten Spektrum von Eindrücken und Information über die uns umgebende Welt.

Worum es im Grunde geht

Legitime Interessen geopfert

Ethische Normen und «Werte» werden von vorsichtigen Menschen nicht gern öffentlich diskutiert. Sie wissen um die Schwierigkeiten, Allgemeinverbindliches über subjektive Glückserlebnisse und Sinnsuche, über Lebensziele und Grundüberzeugungen zu sagen. Dennoch werden zivilisierte Rechtsgemeinschaften stets von grundsätzlichen - teils unausgesprochenen, teils in schriftlich fixierten Konventionen formulierten - Übereinstimmungen getragen. Sie gelten zentralen, unveräusserlichen Werten wie Freiheit, Gesundheit, Rechtssicherheit usw., die auch von Aussenseitern und Einzelgängern, Radikalen und Systemveränderern hoch geschätzt werden. Dazu haben wir die komplizierten Institutionen der Parlamente, Gerichtshöfe, Schulen, Forschungsinstitutionen und Krankenhäuser entwickelt.

Dies alles wird getragen und geformt von unserer Wertschätzung grundlegender Menschenrechte und sozialen Engagements, wie sie seit Jahrtausenden auch vom Christentum hochgehalten werden. Ob solche Wertauffassungen durch Ideen (ideologisch) oder durch Erfahrungen (pragmatisch) geformt wurden, der Mensch hat jedenfalls ein System des Zusammenlebens entwickelt, in dem man Probleme nach allgemein akzeptierten Regeln gemeinsam anpackt und einander hilft. Dies hat Konzepte der Sicherheit, Gerechtigkeit und Solidarität in die Institutionen der Gesellschaft einfliessen lassen. In ihnen manifestiert sich also eine Art öffentlich wirksamer, verbindlicher Ethik, auf die man sich hat einigen können - als grössten gemeinsamen Nenner individueller Wünsche und Normen. Hierzu gehören selbstverständlich auch die Betäubungsmittelgesetze und Kinderschutzparagraphen aller zivilisierten Länder sowie der UNO/WHO-Satzungen, in denen wir uns (auch die Schweiz und die Niederlande!) verbindlich verpflichtet haben, alle Drogengefahren von unseren Kindern abzuwehren.

Der Begriff «Ethik» - wie auch andere grosse Worte - wird heute oft als wohlfeiles Mittel zur Vergoldung der eigenen Überzeugungen benutzt - ein Zuckerguss auf subjektiven Ansichten. Daher umgehen viele Menschen dieses Thema lieber ganz. Sieht man jedoch, ganz pragmatisch, in solchen Begriffen die wirksame Grundlage unserer Solidargemeinschaft, erkennt man auch, dass das Bekenntnis zu ihnen als ein Akt der Zivilcourage spätestens dann den Menschen abzufordern ist, wenn diese Grundlagen bedroht sind. Dann dürften sie sich eigentlich nicht mehr scheuen, darüber zu sprechen.

Jedes Umsichgreifen der Drogensucht bringt Probleme mit sich, die letztlich unsere Solidargemeinschaft zu sprengen drohen:24

  • Gefährdung der Jugend und ihrer Lebenschancen
  • Verluste an Freiheit und Anstrengungsbereitschaft
  • Sicherheitsverluste und Gesundheitsgefährdung
  • Schwächung von Rechtsempfinden und Rechtssicherheit
  • Zunahme von Leid und Elend
  • Zerfall des gesellschaftspolitischen Konsensus
  • soziale und kulturelle Niveauverluste
  • Verbreitung von Resignation
  • Schwächung der allgemeinen Solidarität
  • Erosion des Wohlstands und Aushöhlung des Wohlfahrtsstaates.

Nicht weniger also als öffentliche und persönliche Sicherheit, Menschenrechte und Freiheitsräume, Gesundheit und gesellschaftspolitischer Konsensus, Rechtssicherheit und Kultur, Solidarität und Wohlstand, im Endeffekt sogar die Grundlage der demokratischen Gesellschaftsstruktur - das sind die Werte, die bei der Wahl zwischen einer restriktiven und einer permissiven Drogenpolitik tatsächlich auf dem Spiel stehen. Nach einer gründlichen Analyse bisher gemachter Erfahrungen mit verschiedenen Drogenbekämpfungsstrategien in Schweden kommen die Autoren Jadestig und Hartelius (ersterer ein langjähriger parlamentarischer Drogenbeauftragter der Sozialdemokratie und letzterer ein führender Drogensachverständiger Schwedens) zu dem harten Urteil, die drogenliberale Haltung entpuppe sich im Endeffekt als «sozialpolitischer Zynismus», bei dem ganze Jugendgenerationen als Kanonenfutter für verwirrte drogenromantische Ideen herhalten müssen.

Verratene Traditionen des Abendlandes

Gabriel Nahas, jahrzehntelang Drogenberater der WHO und hochmeritierter forschender Toxikologe (New York, Paris), bezeichnet zu Recht den heute international zu beobachtenden Kampf um eine Drogenliberalisierung als ein kapitales Verbrechen an den Rechten der Jugend und der Ungeborenen. Er nannte es - angesichts der neuesten Erkenntnisse über die Chromosomenschädigungen durch psychotrope Drogen - einen «von den Medien angefeuerten Genozid» und wies schon vor Jahren darauf hin, dass gerade Europa, die Wiege der Aufklärung, der Demokratie, der Konstitutionen und vieler humanistischer und humanitärer Konzepte (olympische Bewegung, Rotes Kreuz, Caritas, Welthungerhilfe usw.) aus eigener Kraft gegen diesen Wahnsinn Front machen müsste.

Woher soll Rat kommen, wenn Europa es nicht schafft, diesen Lust-um-jeden Preis Kraken, der sich im Bewusstsein Jugendlicher ausbreitet, selbst loszuwerden? Aus den ehemaligen Kolonien in Amerika, die es noch viel schlimmer erwischt hat? Aus den entlegenen Ländern des Nordens, aus Island etwa, wo sich die Menschen noch etwas mehr zutrauen und zumuten? Aus dem fernöstlichen, asiatisch-disziplinierten Singapur? Wo ist der «Geist» und Impetus geblieben, der «spirit», der «sisu», der Europas Geschichte geprägt hat? Haben die Drogen ihn bereits gelähmt - wie offenbar im Parlament der Niederlande? Werden wir kiffend und sniffend, koksend und fixend, schniefend und heulend sitzen bleiben, wie gebannt vom Basiliskenblick der Drogenschlange, wenn sie noch näher an uns herankriecht?

Wer die erschütternden Dokumentarfilme sah über den Letten in Zürich, wo sich die ortsfremden Dealer auf den Brücken voll wohliger Zufriedenheit über die 3000 kranken Eurofixer beugten, die hinter hohen Maschendrahtzäunen unter ihnen dahinlullten, spätestens da musste klar werden: Die Dealer «halten sich» ihre Süchtigen wie der Farmer seine Mastgänse und Truthähne. Das Drogenmilieu der Fixer und Kiffer ist ihre Lebensgrundlage. Was die, nachts ausschwärmend aus der Stadt, zusammenklauben, klauen und rauben - notfalls erstechen sie halt dazu jemanden, wandert dann in die Taschen der Dealer. Es ist die primitivste und grausamste aller Subsistenzwirtschaften, mit dem Menschen als Schlächter wie als Haustier - wie bei Kannibalen. Das Drogengeld hat zudem merkwürdige Fernwirkungen: Es unterhält und nährt den internationalen Drogenhandel und die Korruption weltweit,25 im Libanon, in Swjetlogorsk und in Nikolajew, in Kurdistan und in Myanmar, in Usbekistan und in Kolumbien. Und dafür lässt Europa sich herbei, seine Jugend zu opfern? - Es sieht ganz danach aus.

In einem gedankenreichen Beitrag über die «Physiologie der Freiheit»26 betont Nahas, dass mit den empfindlichen, hochdifferenzierten, kybernetisch regulierten inneren Fliessgleichgewichten (der Homöostase) der Stimmungs-, Intentions- und Motivationsregulierung des Gehirns auch die Errungenschaften der äusseren Freiheit bedroht sind, die das Abendland auf so vielen Sektoren gewonnen hat. Wer für sie nicht eintritt, verrät im Grunde den geistigen Kern abendländischer Traditionen. - Manchmal befällt einen die Spenglersche Vorstellung, die ganze westliche Kultur sei im Grunde suizidal gestimmt. Die offensichtliche Gefährdung der eigenen Nachkommenschaft durch Drogen erscheint unter diesem Aspekt als Parallele zu der ebenfalls selbstdestruktiven Weigerung der abendländischen Kultur, überhaupt noch eigene Nachkommen grosszuziehen. Pillenknick, Massenimmigration, Drogen, freie Sexualität mit infektiösen Komplikationen, hedonistische Lebenskonzepte, in denen es einfacher ist, notfalls fertige Kinder zu adoptieren, als sie selbst auszutragen: Das alles signalisiert eine Depravation ehemals sinnvoller Normen zu libertärer Beliebigkeit. Nicht nur im Strassenverkehr führt das zu schweren Verwicklungen.

Bewusstsein, Freiheit und Lebenschancen

In einem demnächst erscheinenden Buch27 zeigt Nahas auf, wie gerade jene Strukturen und Funktionen des Gehirns von Drogen wie dem Kokain geschädigt werden, die in Zusammenarbeit mit Wahrnehmung und Kognition die höheren geistigen Prozesse und damit vor allem das selbstreflexive menschliche Bewusstsein mit seiner Entscheidungsfähigkeit ausmachen. Der drogengeschädigte Mensch verarmt nicht nur, wird nicht nur seelisch «dürftig», antriebslos und glücksunfähig; er verliert auch wichtige Dimensionen seiner inneren Freiheit. Geist und Seele, die dafür erforderlich sind, werden gleichermassen zerstört. Nicht solchem Persönlichkeitsabriss ausgesetzt zu werden, ist also eine elementare Forderung von Menschenrechten, zum Schutz der Jugend wie der Menschenwürde. Das verpflichtet die Erwachsenen, zum Schutze ihrer Kinder aktiv zu werden.

Es geht dabei um Freiheiten, die höhere Menschenrechte konstituieren als das Recht darauf, mit seiner psychodelischen Dröhnung herumzudürmeln das heute über alles gestellte «Recht auf Rausch». Worum es hierbei - ausser dem guten Geschäft einiger weniger mit den Schwächen der vielen - für die Gesellschaft wirklich geht, dürfen wir nie aus den Augen verlieren: Was auf dem Spiel steht, sind letztlich die physiologischen und psychologischen Bedingungen von Menschenwürde und Zivilisation; es sind die Lebenschancen kommender Generationen. Die Gesellschaft hat nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht, diese zu schützen.

1 opion gr. = Mohnsaft. Die Gruppe der Opiate und opiatähnlichen Substanzen fasst man zusammen als «Opioide»; zu ihnen gehören zahlreiche synthetische Substanzen wie Pethidin, Cetobemidon und Tramadol, die im Bereich der Anästhesie Verwendung finden.

2 C17H19O3N, (5R,6S)-4,5-Epoxi-17-methyl-7-morphinen-3,6-diol

3 Ein zentral wirkendes Hustenmittel, wie auch das Morphin ein Phenantren-Derivat.

4 = Noskapin, wie auch das Codein ein Isochinolin.

5 Es gibt etwa 100 Mitglieder der Pflanzengruppe «Mohngewächse», fast alle auf der Nordhalbkugel. Die meisten sind Zierpflanzen mit farbigen Blüten und verschieden geformten Kapselfrüchten.

6 Durch den deutschen Apotheker F. W A. Sertürner.

7 Durch R. Robinson, R. S. Cahn und C. Schöpf.

8 Koch, M. G., "Die Opiatabgabe im Gefängnis», in: Koch, M.G., Bekämpfung der HIV-Verbreitung unter Drogensüchtigen, Zürich: AIDS-Aufklärung Schweiz 1997. 85ff.

9 Das wird ein ständiges Erfassungsdefzit in den Statistiken jedoch fast nie als Heroin-Todesfall verzeichnet. So begann etwa auch die amerikanische AIDS-Epidemie, völlig unbemerkt, in New York mit einer Serie von Todesfällen an interstitieller Pneumonie (LIP) bei Drogensüchtigen, und zwar schon 1978, drei Jahre vor der Entdeckung von Homosexuellen mit Kaposi-Sarkom und PCP.

10 Bejerot, N., Narkotika och narkomani, Stockholm: Aldus/Bonniers 1969,
41977; Bejerot, N., Addiction and Society, Springfield: Charles Thomas 1970; Bejerot, N., «Drug abuse and drug policy», Acta Psychiatrica Scand, Suppl 256, Kopenhagen: Munksgaard 1975; Bejerot, N., Missbruk av alkohol, narkotika och frihet, Stockholm: Ordfront 1978; Bejerot, N., «Den svenska narkotikapolitiken i ett globalt perspektiv», in: Hartelius, J. (Ed.), Rent hus med knarket?, Stockholm: Askelin & Hägglund 1988, 8-28; Bejerot, N., «Aus der Vergangenheit nichts gelernt», Suchtreport, 1995, 5, 48-51.

11 Winkte, 5., Geisseln der Menschheit - Kulturgeschichte der Seuchen, Zürich, Düsseldorf: Artemis-Winkler 1997.

12 Winkle, 5., Geisseln der Menschheit Kulturgeschichte der Seuchen, Zürich, Düsseldorf: Artemis-Winkler 1997

13 Bejerot, N., Addiction and Society, Springfield: Charles Thomas 1970.

14 Winkle, 5., Geisseln der Menschheit Kulturgeschichte der Seuchen, Zürich, Düsseldorf: Artemis-Winkler 1997.

15 Winkle, 5., Geisseln der Menschheit Kulturgeschichte der Seuchen, Zürich, Düsseldorf: Artemis-Winkler 1997.

16 Zitiert nach: Winkte, 5., Geisseln der Menschheit Kulturgeschichte der Seuchen, Zürich, Düsseldorf: Artemis-Winkler 1997.

17 Ebd.

18 Winkte, 5., Johann Friedrich Struensee Arzt, Aufklärer und Staatsmann, Beitrag zur Kultur , Medizin und Seuchengeschichte der Aufklärungszeit, Stuttgart: G. Fischer 1983, 507

19 Winkte, 5., Geisseln der Menschheit - Kulturgeschichte der Seuchen. Zürich, Düsseldorf: Artemis-Winkler 1997.

20 Dr. Carlton E. Turner (USA), Dr. Forest S. Tennant (USA), Dr. Robert Heath (USA), Gabriel G. Nahas (USA, Frankreich), Nils Bejerot (Schweden), Prof. Dr. med. Wolfram Keup (Deutschland), Karl Ludwig Täschner (Deutschland), Prof. Dr. Nora D. Volkov (USA) u.v.m.

21 Sklair-Tevron, L., Shi, W.X., Lane, S. B., Harris, H.W., Bunney, B. S., Nestler, E. J., «Chronic morphine induces visible changes in the morphology of mesolimbic dopamine neurons», Proc Natl Acad Sci USA, 1996, 93 (20), 11202-7.

22 Akil, H., Watson, S.J., Young, E., Lewis, M. E., Khachaturian, H., Walker, J.M., «Endogenous opioids: Biology and function», Ann Rev Neurosci, 1984, 7, 223-255.
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24 Jadestig, T., Hartelius, J., Narkotikan, friheten och välfärden, Stockholm: Hägglunds 1995.

25 Nahas. G. G., «Cardiovascular complications of cocaine abuse: a multicentric experimental study», Abstr. XVII European Congress of Cardiology, Amsterdam 1995, 24. August.

26 Nahas, G. G., «Claude Bernard, die Homöostase und die Physiologie der Freiheit», Mut zur Ethik III Kongress, 8.-10. September 1995, Zürich: Menschenkenntnis 1995, 441-453.

27 Nahas, G. G., Cocaine, the Brain, and Consciousness, 1997, im Druck.

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