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Dirk Maxeiner

Überraschende Fakten zu Energie, Gentechnik, Gesundheit, Klima, Ozon, Wald und vielen anderen Umweltthemen

Eichborn GmbH & Co. Verlag KG,
Frankfurt am Main, Juni 1998 ISBN 3-8218-0586-2, 44,- DM

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Michael Miersch

Nadel, grün

Lexikon der Öko-Irrtümer

Warum ein »Lexikon der Öko-Irrtümer«?

Mittwoch, 10. Dezember 1997.
Das erste Fernsehprogramm strahlt um 21.50 Uhr eine »Globus«-Sendung zum Thema Klimakatastrophe aus. Der Südpol schmilzt, heißt es, und die Pinguine werden immer seltener. Traurig watscheln putzige Adeliepinguine durchs Bild. Zufällig liegt die Ausgabe der Zeitschrift »Geo« vom gleichen Monat auf dem Fernsehtisch, darin ein großer Report über die Antarktis.

Nach kurzem Blättern reiben wir uns verwundert die Augen. »Geo« schreibt: »Weil Pinguine in der Antarktis nach der Dezimierung der Wale ein Riesen-Nahrungsangebot an Krill vorfinden, ist ihre Zahl auf über 100 Millionen angewachsen.«

Neugierig geworden, recherchieren wir nach und wundern uns weiter. Von den scheinbaren Selbstverständlichkeiten, die in »Globus« so plausibel über den Bildschirm flimmerten, bleibt nach Befragen von Fachleuten nicht mehr viel übrig. Erstens: Die Bestandszahlen der Pinguinarten in der Antarktis nehmen derzeit zu. (Andere Arten, die weiter nördlich siedeln, nehmen infolge der Meeresüberfischung, aber nicht wegen des Klimas, ab.) Zweitens: Sollte sich die Erde tatsächlich weiter erwärmen, werden die Eismassen der Antarktis fürs erste nicht abschmelzen, sondern - ganz im Gegenteil - wachsen. Wärmere Temperaturen bringen vermehrten Niederschlag und damit mehr Schnee und Eis am Südpol. Erst wächst die Neugier, dann das Mißtrauen. Könnte es sein, daß auch andere Dinge nicht stimmen? Wir sind Journalisten, stochern also zwangsläufig mit dem Durchschnittsverstand in der Flut der Behauptungen. »Journalisten sind von Natur aus Generalisten, Fachleute fürs Allgemeine; ihr Arbeitsinstrument ist eine versatile Intelligenz, mit der sie sich in neuen und fremden Zusammenhängen relativ rasch zurechtfinden; ihre Methode ist die Ad-hoc-Plausibilitätsprüfung. Dazu gehören freilich ein wenig Lebenserfahrung und Allgemeinbildung sowie die Kenntnis der vier Grundrechenarten«, schreibt der Publizist Burkhard Müller-Ullrich. Genauso haben wir es versucht.

Hier zeigt sich ein kleiner Widerspruch, dort kommt leiser Zweifel auf. Dann kratzt man skeptisch aber immer noch gutwillig - leicht an der grünen Tapete. Doch unversehens fällt einem mitunter die ganze Wand entgegen. Darunter kommt ein Konglomerat aus widersprüchlichen oder fragwürdigen Zahlen, aus Behauptungen, Annahmen und Schätzungen, aus fehlenden Messungen und unbekannten Zusammenhängen zum Vorschein. Es stellt sich oft rasch heraus, daß die sogenannte Faktenlage keine ist. Unsere Quellen sind - neben eigener Recherche - Vorträge, Fachzeitschriften und Sachbücher, aber häufig auch die ganz normale Tageszeitung. Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Alle Fakten und Argumente, die wir zusammengetragen haben, sind allgemein zugänglich und standen häufig schlicht in der Zeitung. Dort prangten sie freilich nicht auf den Titelseiten, sondern fanden sich weiter hinten, versteckt unter »Wissenschaft« oder »Vermischtem«. Es geht uns nicht darum, einen Anspruch auf endgültige und allein selig machende Wahrheiten zu erheben. Es geht uns darum, aus den vereinzelten skeptischen Stimmen ein Gegenbild zusammenzufügen, das den Leser stimuliert, sich anschließend selbst eine Meinung zu bilden.

Dieser Flickenteppich besteht mitunter aus ganz harmlosen Dingen, wie der berühmten Kiwi-Frucht, die seit Jahren als Symbol für unsere zur Fruchtfleisch gewordene Energieverschwendung herhalten muß - weil sie angeblich mit dem Flugzeug aus Neuseeland zu uns transportiert wird. Eine simple Nachfrage ergibt: Die meisten Kiwis kommen aus Italien - und diejenigen, die aus Neuseeland zu uns gelangen, werden mit dem Schiff transportiert. Kiwis sind kein ökologisches Problem. Doch die Fakten können dem Mythos schon lange nichts mehr anhaben. Während die Kiwi eher zu den amüsanten Irrtümern zählt, hört woanders der Spaß auf. So wird seit Jahren (unter anderem in den ARD-Tagesthemen) eine Zahl von 125.000 durch den Reaktorunfall von Tschernobyl verursachten Todesfällen kolportiert. Inzwischen wissen wir: Die Zahl stammt vom ukrainischen Gesundheitsminister. Sie hat allerdings nichts mit Tschernobyl zu tun. Der Minister nannte vielmehr die Gesamtzahl aller in der Ukraine zwischen 1986 und 1995 verstorbenen, meist älteren Menschen (und wurde dabei bewußt oder unbewußt mißverstanden). Tatsächlich erlagen bislang etwa 50 Rettungshelfer den Strahlenfolgen, und die Mediziner zählen zirka 1.500 zusätzliche Fälle von Schilddrüsenkrebs, der zum Glück meist geheilt werden kann.

Ist das nicht Leid genug? Muß gebetsmühlenhaft eine aberwitzige Tschernobyl Opferzahl beschworen werden? Wem soll das nutzen? Den Menschen in der Ukraine wird damit jedenfalls nicht geholfen. Dabei genügen die tatsächlichen Verhältnisse doch völlig für die Aussage: So etwas wie Tschernobyl darf nie wieder passieren. Wir glauben: Jeder, der sich für die Umwelt einsetzt, sollte bei der Wahrheit bleiben. Alles andere wird sich bitter rächen. »Das Dumme ist, daß die Reaktion der Leute, wenn man sie belügt, dann umso heftiger ist, wenn die Wahrheit durchsickert, was sie meist tut«, schrieb George Orwell.

Dies ist kein Anti-Umweltschutz Buch. Wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Tschernobyl hat stattgefunden. Umweltverschmutzung und ökologischer Frevel sind keine Fata Morgana - und sie dauern an. Es gibt genügend echte Probleme auf der Welt:

  • Die Meere werden überfischt.
  • Die Regenwaldgebiete schrumpfen weiterhin (wenn auch langsamer und aus anderen Gründen, als uns manche weismachen wollen).
  • In den Ballungszentren vieler Entwicklungsländer sind Trinkwasser und Atemluft verseucht.
  • Die staatlich subventionierte Landwirtschaft in den Industrieländern verschmutzt die Umwelt und quält die Nutztiere.
  • Der internationale Boom der Naturmedizin (besonders in Asien) gefährdet den Bestand seltener Pflanzen und Tiere.
  • Die Massenmobilität bringt neue Umweltschäden hervor.
  • Und schließlich das größte globale Problem: die Armut. Millionen Menschen sind aus nackter Not gezwungen, die Natur zu plündern und die Umwelt zu verschmutzen.

Unsere Korrektur von Irrtümern soll nicht die Ökologische Herausforderung als solche in Frage stellen. Sie ist auch keine Aufforderung, die Hände in den Schoß zu legen. Wir wollen jedoch zeigen, daß es höchste Zeit wird, sich von Vorurteilen, ideologischen Blockaden und Halbwahrheiten zu verabschieden. Denn die permanente Übertreibung und Schwarzmalerei stumpft Leser und Zuschauer ab, macht sie langfristig taub für wirklich wichtige Umweltanliegen.

Unter dem zugegebenermaßen holzschnittartigen Begriff »Öko-Irrtümer« haben wir in diesem Buch einen bescheidenen Ausschnitt dessen versammelt, was sich im Bewußtsein von Bürgern, Umweltschützern, Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern so an ökologischem Kalkstein angelagert hat:

  • schlichte Irrtümer ohne böse Absicht (»Omas Küche war gesünder«)
  • Mißstände, die einmal zutrafen, inzwischen aber behoben sind (»Wir werden immer mehr durch Dioxin belastet«)
  • bewußte Irreführungen (»Die Elefanten sind vom Aussterben bedroht«)
  • ideologische Glaubenssätze, die völlig kritiklos dargestellt werden (»Erneuerbare Energien sind grundsätzlich gut für die Umwelt«)
  • hohle Phrasen (»Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt«)
  • falsche Prognosen (»Energie wird immer knapper«)
  • Dinge, an denen durchaus etwas dran ist, die aber falsch oder übertrieben dargestellt werden (»Mehr Hautkrebs durch Ozonloch«)
  • unbewiesene und oft zweifelhafte wissenschaftliche Annahmen, die als unwiderlegbare Tatsache verbreitet werden (»Der Mensch verursacht eine Klimakatastrophe«)

Wir geben gerne zu: In der Anhäufung dürfte unsere Sammlung von Öko-Irrtümern für manchen schwer zumutbar sein. Doch was tun, wenn scheinbare ökologische Gewißheiten reihenweise wie defekte Bildröhren implodieren? Soll man im Dienste der prinzipiell guten ökologischen Absicht schweigen? Von da wäre es dann allerdings nur ein kleiner Schritt zu der Folgerung, daß die Unterdrückung und Entstellung von Tatsachen ein legitimes Mittel des Journalisten sei.

»Jeder, der zur Verteidigung unpopulärer Ziele geschrieben hat, kennt die furchtbare Versuchung, Tatsachen zu entstellen oder zu unterschlagen, nur weil eine ehrliche Aussage Enthüllungen enthielte, die von skrupellosen Gegnern verwendet werden könnten«, hat George Orwell einmal geschrieben, und er fügte hinzu: »Echter Fortschritt kann nur durch vermehrte Aufklärung stattfinden, was soviel bedeutet wie die Zerstörung von Mythen.«

Vor gut zwei Jahren zogen wir mit unserem Buch »Öko-Optimismus« eine Bilanz der politischen Ökologie. Wir kritisierten Fehlentwicklungen in der Umweltbewegung und machten Vorschläge für eine zukunftsfähige grüne Politik. Das hat für viel Wirbel gesorgt, und einige Kritiker warfen uns Verrat an der Bewegung und Verharmlosung der Gefahren vor. Anderen Lesern gefiel unser Plädoyer für eine konstruktive Veränderungskultur.

Sie empfanden unser Buch als belebende Arznei gegen grassierenden grünen Altersstarrsinn. In den vielen Diskussionsveranstaltungen um »Öko-Optimismus« wurde uns klar, wie hartnäckig Mythen und Phrasen die freie Sicht verstellen. Viele Teilnehmer hatten noch nie davon gehört, daß es ernst zunehmende Zweifel an Szenarien wie der »Klimakatastrophe«, dem »rasanten Artensterben« oder der »unaufhaltsamen Bevölkerungsexplosion« überhaupt gab.

So kamen wir auf die Idee ein »Lexikon der Öko-Irrtümer« zusammenzustellen, um für uns selbst und andere etwas Ordnung in die Dinge zu bringen und wenigstens den gröbsten Unsinn ein wenig anzukratzen. Viel mehr kann Journalismus ohnehin nicht leisten. Aber vielleicht faßt der eine oder andere in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wieder Mut, deutlicher seine Meinung zu sagen. Viele Fachleute haben nämlich keine Kraft, Zeit oder Lust mehr, selbst dem schlimmsten Quatsch zu widersprechen. Zu oft sind sie dafür moralisch abgewatscht worden. Dabei würden die Stimmen der zum Schweigen Gebrachten dringend für einen wirklich intelligenten Umweltschutz gebraucht.

In einer Zeit knapper Kassen ist es um so wichtiger, daß die Mittel dort konzentriert werden, wo es am meisten für die Umwelt bringt, und nicht dort, wo gerade der schrillste ökologische Kostümball veranstaltet wird. Die Umwelt zählt und nicht die Interessen der Umweltverbände oder der Umweltparteien. Beides hat bisweilen kaum noch etwas miteinander zu tun.

Dieses Buch soll in der Zusammenschau auch einige grundsätzliche Aspekte beleuchten. Vor allem unser Verhältnis zur Wahrheit. Sascha Müller-Kraenner, Direktor für internationale Angelegenheiten beim Dachverband der Naturschutzverbände DNR, schrieb 1998 in der »taz« über die Lehren aus der Brent-Spar-Kampagne, von der man heute weiß, daß Greenpeace die Öffentlichkeit hinters Licht geführt hat. Für Müller-Kraenner ist es jedoch völlig unerheblich, ob die Argumente richtig waren, ob Greenpeace mit falschen Behauptungen taktierte oder ob die Versenkung der Brent-Spar überhaupt ein Schaden für die Umwelt gewesen wäre (zum Thema »Brent Spar« siehe auch Seite 215). Es zählt einzig der Erfolg. »Die Geschichte«, schreibt er, »wird auch in der Umweltpolitik von Siegern geschrieben.« Zweifel haben da keinen Platz. Es kommt nur darauf an, wer in den Augen der Öffentlichkeit besser weg kommt: Hauptsache, »das Volk hatte Greenpeace schnell verziehen.«

Dr. Hans Jochen Luhmann, Leiter der Abteilung Klimapolitik am Wuppertal-Institut, erläuterte auf einer Tagung zum Thema »Massenmedien und Klimawandel« 1995 ein »informationstheoretisches« Verständnis von »Wahrheit«: »Wahr ist eine Botschaft dann, wenn ihre Intention gut begründet ist und sie beim Empfänger ankommt.« Diese Auffassung ist bei der Durchsetzung von ökologischen Forderungen mittlerweile nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Doch für Journalisten sollten Fakten zählen und nicht »Botschaften«. Schließlich wurden die größten Schweinereien der letzten Jahrhunderte stets im Namen einer guten Sache begangen; Wahrheit darf niemals zur strategischen Verfügungsmasse werden.

Manche Wissenschaftler, die sich darauf einlassen, werden dies eines Tages bereuen. Im Dienste der guten Sache stempeln sie heute skeptische Stimmen zu den Treibhaus-Prophezeiungen der offiziellen Klimaforschung sofort als »Außenseiter« ab. So argumentiert eine Zunft, die immer wieder von Außenseitern vorangebracht wurde (und nicht von politisch korrekten Mehrheitsforschern). Und dies praktiziert eine Umweltbewegung, die erstaunlich schnell vergessen hat, daß sie selbst einmal als verlachte Minderheit anfing.

Es muß doch einfach zu denken geben: 1975 waren amerikanische Meteorologen dem Magazin »Newsweek« zufolge fast einstimmig der Ansicht, daß eine Abkühlung der Erde die landwirtschaftliche Produktivität für den Rest des Jahrhunderts verringern werde. Heute behauptet der amerikanische Vizepräsident Gore von der gleichen Forschergilde, sie sei fast einstimmig der Meinung, daß die menschengemachte Erwärmung real und bereits unterwegs sei.

Politikern und Organisationen aller Couleur, die hauptsächlich auf die Gefühle von Wählern oder Spendern setzen, kommen solche Hiobsbotschaften nur recht. Sie können sich dann zum Retter eines Planeten erklären, ohne zu sagen, wovor genau sie ihn denn retten wollen. Mit Öko-Phrasen verschaffen sich Politiker kostenlosen moralischen Glanz. Wo Umweltschutz draufsteht, muß nicht unbedingt Umweltschutz drin sein. Oft geht es schlichtweg um Macht, Einfluß und mittlerweile auch um Wirtschaftsinteressen.

Der Publizist Gerd Koenen beschreibt Nationalsozialismus und Kommunismus als »Versuche einer radikalen 'Säuberung' der Welt«. Die totalitären Ideologien, so Koenen, waren Reaktionen auf die atemberaubend schnellen Veränderungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Auch der Ökologismus hegt einen konservativen Groll gegen jeglichen Wandel und wittert überall Verfall und Niedergang. Es ist kein Zufall, daß angesehene Vordenker der grünen Bewegung die westliche Demokratie für zu schwach halten und angesichts der Umweltgefahren mit autoritären Lösungen liebäugeln. Man wird den Eindruck nicht los, sie wünschten sich im Grunde eine Aristokratie der Weisen (also jener Kaste, der sie sich zugehörig fühlen). Der Ökologismus, so der Autor Matthias Horx, »hat gute Chancen zur Zentralreligion der Jahrtausendwende zu werden«. Er bietet schon heute alle spirituellen Hilfsmittel erfolgreicher Glaubenssysteme: Rituale (vom Fastenwandern bis zur Castor-Blockade), egalitäres Pathos (alles ist eine »Menschheitsfrage«), Endzeitgrusel und das Gefühl, einer verkannten Elite der Rechtgläubigen anzugehören.

Eine aufschlußreiche und auch dem Laien zugängliche Methode, die Qualität von ökologischen Propheten zu beurteilen, ist, sich ihre Vorhersagen von gestern anzuschauen. So ließ der »Club of Rome« in seinem Report »Die Grenzen des Wachstums« die Welt 1972 wissen, daß die globalen Erdölvorräte noch 550 Milliarden Barrel betragen. Bis 1990 wurden allerdings bereits 600 Milliarden Barrel verbraucht, und heute ist der bekannte Vorrat größer denn je: 900 Milliarden Barrel. Es kann wirklich keine Rede davon sein, daß - wie vom Club of Rome prophezeit das Erdöl und andere wichtige Bodenschätze bereits zur Jahrtausendwende erschöpft sein würden.

Nun, Irren ist menschlich. Und es ist völlig in Ordnung, solange sich Menschen zu ihren Fehlern bekennen. Aber was sagt Dennis L. Meadows - der Autor der damaligen Studie - heute dazu? In einem Interview mit der »Zeit« antwortet er unter anderem: »Ich bin heute in der Wachstumsdebatte nicht mehr so engagiert wie vor 25 Jahren. Ich betrachte den Lauf der Dinge eher wie ein interessierter Zuschauer bei einem Schachspiel. Niemand kann sich 25 Jahre lang von ganzem Herzen mit dem Kollaps des Planeten beschäftigen.« Besonders dann nicht, wenn der Kollaps nicht eintritt. Es scheint fast so, als sei Dennis Meadows ob dieser Tatsache ein wenig beleidigt, denn prinzipiell sieht er sich nach wie vor völlig im Recht: »Als Systemanalytiker kann ich nicht erkennen, wie der globale Kollaps vermieden werden sollte. Es wäre allerdings nicht einmal der erste Kollaps. Denken Sie nur an die Zeiten der Pest in Europa.« Und genau an diesem Punkt unterscheidet sich die Argumentation des Systemanalytikers Dennis Meadows in nichts mehr von der eines Zeugen Jehovas.

Man sollte nun glauben, daß jemand, der in der Vergangenheit so gnadenlos falsch lag, für die Zukunft nicht sonderlich ernst genommen wird. Interessanterweise ist das Gegenteil der Fall: Die Tatsache, daß der Weltuntergang bislang nicht eingetreten ist, erhöht für viele Menschen offenbar die Wahrscheinlichkeit, daß er es bald tun wird. Irgendwann muß es ja soweit sein. Oder, um es in den Worten von Ludwig Erhard zu sagen: »Man verzeiht dem falschen Propheten, wenn's besser kommt als vorausgesagt.«

Wissenschaftler, die in den siebziger Jahren richtig lagen, also beispielsweise für die Jahrtausendwende billige und reichliche Rohstoffe voraussagten, wurden damals verlacht. Und heute glaubt ihnen erst recht niemand; die Tatsache, daß sie recht hatten, spricht gegen sie. Motto: Das kann doch auf Dauer nicht gutgehen. Der Ökonom Julian Simon und der (verstorbene) Politologe Aaron Wildavsky zählen zu denjenigen, die in den siebziger Jahren die Ressourcen-Entwicklung richtig eingeschätzt hatten. Wir begehen in diesem Buch den schweren Fauxpas, auch solche Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen, die recht hatten.

»Es gibt Theorien«, schreibt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg, »denen eine Art ewiges Leben beschieden ist, obwohl ihre Unrichtigkeit offen zutage liegt.« Birg zielt damit auf das Malthussche Gesetz, daß die Bevölkerung naturgesetzlich schneller wachse, als die zur ihrer Ernährung notwendigen Ernteerträge gesteigert werden könnten. »Als in den achtziger Jahren immer klarer wurde«, sagt Birg, »daß die von Natur aus gesetzte Nahrungsschranke (nicht die auf Politikversagen beruhenden Versäumnisse der Nahrungsproduktion und ihrer Verteilung) trotz der 'Bevölkerungsexplosion' noch in weiter Ferne liegt - wenn es eine solche überhaupt gibt -, übernahm die Ressourcenschranke die Rolle der Nahrungsschranke in der malthusianischen Denktradition. Als sich schließlich erwies, daß auch die Prophezeiungen des Club of Rome über eine Erschöpfung wichtiger natürlicher Ressourcen wie Erdöl falsch waren, wurde die Ressourcenschranke durch die Umweltschranke ersetzt. Der Malthusianismus der Nahrungsschranke verwandelte sich in den Ökologischen Malthusianismus.«

In den gängigen Weltuntergangsprognosen läßt sich ein wiederkehrendes Muster erkennen. Erstens: Ein Wissenschaftler entdeckt ein Problem. Zweitens: Ein Journalist vereinfacht es und bläst es mächtig auf. Drittens: Umweltschützer treten auf den Plan und klären die Frage, wer bei diesem Problem die Guten und wer die Bösen sind. Viertens: Jetzt schlägt die Stunde der Bürokraten und Konferenzen. Fünftens: Die ersten Skeptiker treten auf den Plan und fragen: Stimmt das überhaupt? Zu guter Letzt: Die Jahre sind vergangen, die Aussagen werden überprüfbar, und es ist niemand mehr da, der an seinen einstigen Vorhersagen gemessen werden möchte. Man hat sich heimlich still und leise vom Thema verabschiedet und ist intellektuell »nicht mehr so engagiert«.

Die einstigen Akteure sind längst auf einen anderen Katastrophenzug gesprungen. So war es beim Thema »die nächste Eiszeit«, so ist es derzeit beim Thema »Bevölkerungsexplosion«. Und so wird es auch beim Thema »Klimakatastrophe« sein (gerade ist die »Globalisierungsfalle« schwer im Kommen).

Entgegen der landläufigen Meinung haben Umweltschützer dabei ganz selten Umweltprobleme als erste erkannt. In der Regel sind sie nur diejenigen, die sie polarisieren. (Auch die Annahme, das Thema Umweltschutz im heutigen Sinne sei von ihnen entdeckt worden, entpuppt sich bei näherem Hinschauen als Mythos. In der Bundesrepublik gingen die ersten Initiativen 1963 vom Gesundheitsministerium aus.) Man reklamiert die Moral für sich und läßt dem Gegner nur die Unmoral, womit der Konflikt oft unlösbar wird. Politisch engagierte Chemiker nennen sich in Deutschland »kritische Chemiker«. Sie degradieren ihre Kollegen damit nebenbei zu unkritischen Subjekten. Es gibt aber keine kritische Chemie, sondern allenfalls richtige und falsche Messungen und Analysen. Solche »kritischen« Wissenschaftler übernehmen immer öfter das Beschaffungswesen für den »Schadstoff der Woche« und finden immer neue Unentbehrlichkeitsbeweise.

Interessant an der Entwicklung der ökologischen Kräfteverhältnisse ist dabei, daß sich die Mehrheit für eine Minderheit hält. Umweltschutz ist längst sakrosankt geworden. Die sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO's) sind hofierte Störenfriede. Anders läßt sich beispielsweise die zeitweise Liaison von Greenpeace und dem kommerziellen Fernsehsender RTL nicht erklären. Wer den Kampf von Greenpeace gegen Shell für einen Kampf »David gegen Goliath« hält, unterliegt einer grandiosen Selbsttäuschung. Shell hatte gegen den grünen Moralmulti nie den Hauch einer Chance (und die Wahrheit auch nicht).

Die Protestkultur hat in Deutschland eine paradoxe Struktur entwickelt. Der Soziologe Norbert Bolz formuliert das so: »Man ist in der Gesellschaft im Namen der Gesellschaft gegen die Gesellschaft.« Die Grünen sitzen in Regierungen und Parlamenten, und es wird ihnen auf Dauer wohl nicht gelingen, so schreibt Volker Zastrow in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, »die glänzende Fiktion ihres ewigen Widerstandes gegen die Staatsmacht aufrechtzuerhalten«.

Diejenigen, die einst mit phantasievollem Protest angetreten sind, wurden genau das, was sie niemals werden wollten: typisch deutsch, pathetisch und von missionarischem Eifer beseelt. Die Rolle der Anstandstante, die in den sechziger Jahren dem Pastor und dem Kirchenkränzchen zukam, wird heute begeistert von einer heimatlosen Linken übernommen, der als letzte Utopie die Klimakatastrophe geblieben ist. »Intellektuelle wurden Priester«, schreibt der Schriftsteller Dietrich Schwanitz, »gegen die Heiterkeit des Gesellschaftsspiels setzen sie das Recht auf Unglück durch Identifikation mit verfolgten Völkern und bedrohten Tierarten.« Der Glaube, dabei einer progressiven und verfolgten Minderheit anzugehören, verhindert erfolgreich, daß man mit Veränderungen bei sich selbst anfängt. Und da sie alle nicht jünger geworden sind, haben wir es heute mit einem bemerkenswerten Fundamentalismus erfolgreicher Senioren zu tun, die sich in der Pose moralischer Punktrichter gefallen.

Die erste Welle des Umweltschutzes hat viel erreicht. Aber sie ist unwiederbringlich vorbei. Die Protagonisten drehen sich im Kreise. Sie suchen nach immer neuer Bestätigung alter Weltbilder. Auf der nächsten Ereigniskarte in diesem »Gesellschaftsspiel« sollte ein erlösender Satz stehen: Gehe zurück auf Feld eins!

An die Stelle der heutigen Umweltbewegung wird etwas Neues treten. Zu groß sind die offensichtlichen inneren Widersprüche in den Argumentationsmustern. Wer einen Atomausstieg will, kann nicht zugleich gegen ein atomares Endlager sein. Wer saubere und intelligente Zukunftstechnik will, kann nicht gleichzeitig für die subventionierten Stahlarbeiter auf die Straße gehen.

Wer Gerechtigkeit für die Dritte Welt predigt, kann nicht die Globalisierung verfluchen und die Abschottung Europas fordern. Er sollte besser lernen, die Konkurrenz aufstrebender Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt zu ertragen. Wer in der Landwirtschaft einen Verzicht auf Pestizide und Kunstdünger fordert, kann nicht die Gentechnik tabuisieren (diese könnte sich nämlich als ein Weg erweisen, um die ersten beiden Ziele zu erreichen). Wer die Regenwälder erhalten will, sollte keinen Tropenholzboykott propagieren. Denn nicht der Wert der Wälder, sondern ihre vermeintliche Wertlosigkeit führt zu ihrer Zerstörung. Wer mehr Nationalparks und Naturreservate will, kann nicht den Tourismus verteufeln.

Die Zukunft gehört ganz neuen, überraschenden Koalitionen - und es werden auch neue Konflikte auftauchen. Schon heute geht es ja oft nicht mehr um den Kampf für den Umweltschutz als solchen, sondern um die Abwägung verschiedener ökologischer Optionen (die Auseinandersetzung um die Windkraft zeigt es bereits). Wir müssen in den Köpfen Platz für das Neue schaffen und eine Menge alten Ballast abwerfen. Und dazu möchte dieses Buch einen kleinen Beitrag leisten. Wie sagte der Dichter Wolf Biermann so schön: »Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!«

Dieses Buch ist größtenteils eine Sammlung von Fakten und Befunden, die andere erkundet haben. Unser Dank gilt diesen scharfsichtigen Umweltexperten, Wissenschaftlern, Naturschützern und Fachjournalisten. Außerdem danken wir Andrea Bischhoff und Sabine Maxeiner für geduldiges Gegenlesen und skeptisches Fragen, dem Verlag und der Lektorin Susanne Warmuth für die sorgfältige und kritische Betreuung unserer Manuskripte.

Augsburg, im Mai 1998

Umweltthemen


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