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Dagobert Lindlau weist in seinen detaillierten Recherchen auf die bedrohlichen Einflüsse des organisierten Verbrechens in allen Bereichen des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik hin. Unverblümt und hartnäckig zieht er gegen vordergründigen politischen Opportunismus zu Felde und fordert eindeutige Entscheidungen der Behörden. |
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Der Mob - Recherchen zum organisierten Verbrechen |
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von Dagobert Lindlau Der Mob - das ist der Begriff für organisiertes Verbrechen: sizilianische Mafia, neapolitanische Camorra, kalabresische Ndrangheta und chinesische Triaden. Dagobert Lindlau, bekannter Fernsehreporter, verfolgt die Spuren des organisierten Verbrechens schon seit vielen Jahren. Sein Befund ist eindeutig : Internationale Organisationen, deren kriminelles Geschäft die Gewalt und die Angst sind, die Schutzgelder erpressen, mit Rauschgift und Waffen handeln, illegales Glücksspiel betreiben, ungeliebte Konkurrenten eliminieren, sind dabei, sich auch in der Bundesrepublik einen festen Platz zu erobern. Die Beteiligten an diesen Verbrechen sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden : auch in der Politik, der Kirche, der Wirtschaft und, nicht zu vergessen, unter Journalisten. Die wirksamste Waffe gegen die kriminelle Bedrohung ist für Dagobert Lindlau die Aufklärung der breiten Öffentlichkeit. Vor allem der Polizei wirft er vor, dabei zu versagen und sich in Geheimniskrämerei zu flüchten. "Der Mob" ist ein radikal subjektives, außerordentlich spannendes und unbedingt mutiges Buch. Es ist ein Plädoyer für ehrlichen und wagemutigen Journalismus, für Zivilcourage, gegen Angstmache, gegen Korruption und Beamtenwillkür, gegen Dummheit im Polizeiapparat. Der Autor: Dagobert Lindlau, geboren am 11. Oktober 1930 in München, ist nach Zwischenstationen bei Zeitungen und Zeitschriften sowie dem Spielfilm seit Beginn des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1954 in diesem Medium als Journalist tätig. Er hat viele Auslandsreportagen und Dokumentationen verfaßt, aus Krisengebieten berichtet und das Tagesgeschehen im Gemeinschaftsprogramm der ARD kommentiert. Er war an der Entwicklung politischer Magazine beteiligt und moderierte zehn Jahre lang die außenpolitische Sendung "Weltspiegel". Zuletzt erschien von ihm "Der Lohnkiller" (1992). Prognose(Stand Juni 1993, könnte also jetzt schon Realität sein ...)Im Frühjahr 1987 versuchen zwei Gebrauchtwagenhändler, die dem Mob nahestehen, in der Bundesrepublik Leute zu rekrutieren, die mit Schwerkranken umgehen können. Bekanntlich verdoppelt sich die Anzahl der AIDS-Kranken und der mit dem HIV-I-Virus Infizierten alle zehn bis zwölf Monate, solange es keinen Impfstoff gibt und sich das Sexualverhalten nicht wesentlich ändert. Alle Infektionen enden tödlich, da noch kein Medikament auf dem Markt ist, das diesen Verlauf ändern könnte. Jeder Infizierte, bei dem die »volle Krankheit« ausbricht, stirbt im Schnitt innerhalb von 250 Tagen. Auf diesen Fakten beruht der Plan des Mobs. Man will versuchen, durch vertrauenswürdige Kontaktleute an AIDS-Kranke heranzutreten und ihnen ein Geschäft anzubieten. Die Rekrutierung von vertrauenswürdigen Leuten durch den Mob ist das logistische Problem. Ärzte, Sozialhelfer, Psychologen oder Geistliche der AIDS-Hilfen kommen nicht in Frage. Man vermutet (mit Recht), daß es sich bei ihnen um eine ethisch hochmotivierte Personengruppe handelt, die auf geschäftliche Vorschläge dieser Art mit einer Anzeige reagieren würde. Das Geschäft mit den AIDS-Kranken soll folgendermaßen aussehen : Die Todgeweihten sollen ihren Namen zur Gründung von Geschäften, Handelsgesellschaften und Firmen hergeben. Dafür werden ihre Angehörigen oder Freunde nach ihrem Ableben materiell versorgt. Die Details der Firmen- oder Geschäftsgründung werden von Anwälten des Mobs erledigt. Der Kranke braucht sich nicht darum zu kümmern. Nach der Gründung wird eine vorher vereinbarte Summe zur testamentarischen Verfügung des Kranken bei einer ausländischen Bank hinterlegt. Dann beziehen die Unternehmen möglichst viel und teure Ware, nehmen leicht veräußerbare Güter in Kommission oder gehen Verbindlichkeiten ein, die sich zu Geld machen lassen, bevor sie fällig werden. Wenn die Sache platzt, ist der verantwortliche Geschäftsinhaber tot oder nicht mehr haftfähig. Neben der Rekrutierung von vertrauenswürdigen Leuten, ist ein weiteres Problem aufgetaucht. Es ist nicht logistischer, sondern disziplinarischer Natur. AIDS-Kranke sind nicht wie andere Geschäftspartner des Mobs durch Morddrohungen zu disziplinieren oder zum Schweigen zu bringen. Die materielle Verlockung muß ziemlich groß sein. Der Mob verspricht daher halbe-halbe zu machen. Wenn der Kranke redet, bekommt keiner etwas. Der Informant, der mir von diesem Plan erzählt hat, ist nicht sicher, ob ein solches Manöver bereits gelungen ist. Er ist Polizeibeamter und hat im Zuge einer in anderem Zusammenhang genehmigten TÜ davon erfahren. Mit ihm ist dieser Text und der Verzicht auf wörtliche Zitate abgesprochen. Er ist sicher, daß eine Publikation keine kriminaltaktischen Nachteile hat, sondern der Prävention dient. Der Plan zeigt, wie der Mob denkt. Alles und jedes ist recht, um Geld zu verdienen. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob man selber Leute erpreßt oder ob einem eine tödliche Krankheit die Arbeit abnimmt. Vor kurzem - es gibt da wieder einen Zusammenhang mit AIDS - hat der Vorsitzende des Umweltsachverständigenrates der Bundesregierung eine »Umweltabgabe« in Höhe von zehn Prozent des Kaufpreises für Präservative gefordert. Er begründet die Ausbeutung einer potentiell lebenswichtigen Schutzmaßnahme damit, daß durch den von der AIDS-Angst provozierten Mehrverbrauch an Präservativen viele Abflußrohre verstopft würden. Natürlich könnte er wissen, daß die potentielle Steuer für alles, nur nicht zur Reinigung von verstopften Abflußrohren verwendet werden würde. Das müßten nach wie vor private Haushalte oder Kommunen bezahlen. Mit einiger Phantasie kann er sich sogar vorstellen, daß der größere Teil der Abgabe in der für die Abschöpfung notwendigen Bürokratie versickern würde. Die Forderung, lebensnotwendige Schutzmaßnahmen gegen eine tödliche Seuche zu besteuern, während man überflüssige landwirtschaftliche Produkte subventioniert, um Wählerstimmen zu kaufen, könnte einem mafiosen Gehirn entsprungen sein. Tatsächlich entstammt sie dem Gehirn eines rechtschaffenen Bürgers. Die geringe Distanz zwischen legalen, bürgerlichen Überlegungen und denen des Mobs ist es, die uns in der Zukunft mehr Sorgen machen wird als alles andere. Schon in den siebziger Jahren gab es einen Fernschreibverkehr zwischen allen Landeskriminalämtern und der Kripo Saarbrücken mit dem Betreff: »Vermutliche organisierte Kriminalität durch italienische Staatsangehörige in der Bundesrepublik. «Italienische Staatsangehörige gründen Handelsunternehmen in Form einer GmbH. Nach Eintragung ins Handelsregister werden die Gesellschaften zum Schein an Strohmänner verkauft, die sich als Gesellschafter und Geschäftsführer eintragen lassen. Die eigentlichen Drahtzieher führen die Geschäfte als untergeordnete Angestellte. Sie lassen Ware liefern, die gegen Bargeld bei Großhehlern abgesetzt werden kann. Die Firmen existieren nur wenige Monate. Wenn die Ermittlungsbehörden tätig werden, sind Täter und Unterlagen verschwunden. Nach Meinung der Polizei in Saarbrücken soll es sich laut Telex slsblk nr 59 0503 1105 »bei den taetem um mitglieder organisierter banden aus italien handeln«. Genannt werden zum Teil flüchtige Täter aus Saarbrücken und Limburg. Es ist dasselbe Prinzip wie bei der zunächst nur geplanten kriminellen Ausbeutung der AIDS-Krankheit. Bundesbürger kooperieren inzwischen bei solchen und ähnlichen Tricks. Man kann darüber streiten, ob das letztere Beispiel noch Wirtschaftskriminalität oder schon Mob ist. Bisher ist keine Strategie der Angst zu erkennen. Es ist andererseits nicht sicher, ob Muskel beim unternehmerischen Mob der Zukunft noch ein zuverlässiges Symptom bleiben wird. Sicher ist nur eine : Der Mob wird sich auch in Zukunft nutzbar machen, was nutzbar zu machen ist. Das reicht vom Gesundheitssystem bis zu staatlichen Subventionen, von der elektronischen Datenverarbeitung bis zur Schleichwerbung, vom Handel mit transplantationsfähigem menschlichem Gewebe bis zum Handel mit Daten, die dem Datenschutz unterliegen. Aus Amerika kommen die ersten Informationen über »Computer-Vandalen, die das Chaos programmieren«. Die kriminellen Hacker entwickeln raffinierte Programme, die sie per Telefon über Steuerzentralen in die Computer der angeschlossenen Kunden schicken, wo sie die gespeicherten Daten regelrecht verwüsten. Der Computer-Experte Eric Newhouse dazu : »Da kann in Sekunden die Arbeit eines Jahres vernichtet werden. Wenn das ein Firmencomputer ist, dann ist es schwer, so etwas dem Chef zu erklären.« Trotz erhöhter Sicherheitsmaßnahmen gelingt es immer wieder sogenannten »Trojanern«, sich einzuschleichen. Ich bin ziemlich sicher, daß diese Aktivitäten hoch organisiert und Vorübungen zur späteren Schutzgelderpressung großen Stils sind. Mehr und mehr kriminelles Geld wird ins legale Geschäft fließen. »Es gibt kaum Industrien oder Geschäftszweige«, stellt der Direktor des FBI, William H. Webster, fest, »die nicht vom organisierten Verbrechen beeinflußt sind.« Der Justizminister fügt an: »Die Öffentlichkeit sieht das Problem nicht, aber es ist ein schrecklicher Krebs, der uns alle Tag für Tag beeinflußt. Er erhöht unsere Steuern und den Preis von allem, was wir kaufen. Er bedroht die öffentliche Sicherheit und die unserer Familien.« Es wird nicht lange dauern, bis auch in der Bundesrepublik Verantwortliche der Polizei solche Feststellungen machen werden. Es gibt amerikanische Fachleute, die in Zukunft mit einem Verschwinden des klassischen organisierten Verbrechens rechnen, weil einerseits die astronomischen kriminellen Profite die Weltwirtschaft tragen und aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken sind und andererseits die Parias des Mobs in gewöhnliche Kleinkriminalität zurücksinken müssen. Wir werden uns an Mob und Muskel im bürgerlichen Alltag gewöhnen. Wer das Gesetz bricht und sich keinen guten Anwalt oder eine Manipulation von Zeugen und Beweisen leisten kann, der bleibt heute schon im Gefängnis. Wer draußen Freunde hat, die Geiseln nehmen oder Autobomben hochgehen lassen, darf in den meisten Fällen gehen. Die Wähler werden nicht mehr verprügelt wie zu Zeiten Al Capones, sondern verführt, konditioniert und gekauft. Demokratische Macht wird zunehmend eine gekaufte oder durch Varianten der Waschmittelwerbung erschwindelte Macht sein. Die Polizei wird ihre Methoden der Bekämpfung verfeinern. Das wird den Mob zwingen, sich anzupassen. Im November 1986 wurden vor einem New Yorker Gericht acht Angeklagte unter anderem deshalb verurteilt, weil sie »einer "commission" angehört haben, die in ganz Amerika die Mafia regiert hat« (NYT, 20.11.1986). Unter den Angeklagten waren die Bosse einiger krimineller Familien : Anthony »fat Tony« Salerno von den Genovese, Anthony »Tony Ducks« Corallo von den Lucchese und Carmine »junior« Persico von den Colombo. »Die Urteile werden den Mob nicht lahmlegen. Aber sie werden eingeführte kriminelle Methoden stören und die Bekämpfung der Rackets in weiten Bereichen der Wirtschaft erleichtern. "Das ist ein enormer Schlag gegen die Mafia", sagte William Doran, Chef des Kriminaldezernats des FBI New York. Die Folge werde ein "Macht-Vakuum" sein, das die Struktur des Mobs erschüttern und verdeckte Ermittlungen erleichtern würde.« (ibid.) Einige Analytiker der Polizei und der Staatsanwaltschaft von New York sind ganz anderer Meinung. Sie glauben, daß der Mob durch diese Verfahren »abgespeckt« und den Ballast der »greaseballs« (alte Mafia-Dons) abgeworfen hat, um eine veraltete Struktur jetzt durch eine bessere und von der Polizei undurchdringliche und vor allem pseudolegale zu ersetzen. Ein Beispiel dafür, wie der Mob ethnische Grenzen überschreitet, ist New York. Je mehr die Cosa Nostra durch bessere Ermittlungen und mehr Verurteilungen aus dem Rauschgifthandel herausgedrängt wird, desto mehr nehmen sich andere Gruppen dieses Milliardengeschäfts an. "Der Heroinhandel in New York liegt zunehmend in der Hand von kriminellen Vereinigungen, die auf den ersten Blick wirken wie eine UNO der Rauschgifthändler; mit Chinesen, Thailändern, Pakistanis, Indern, Iranern, Afghanen, Nigerianern und Israelis." (NYT Service, 20.3.1987) In diesem Frühjahr hat eine New Yorker Staatsanwaltschaft verzweifelt nach Leuten gesucht, die die afrikanische Sprache Twi verstehen, um die Telefonüberwachung eines ghanesischen Händlerrings auswerten zu können. Vertreter der Staatsanwaltschaft erklären, daß es mindestens vier große israelische kriminelle Vereinigungen gibt, die in Asien, Europa und Nord-Amerika operieren. Chinesen mit Kontakten in Bangkok, Hongkong und den USA haben »große, hochorganisierte und kaum durchschaubare internationale kriminelle Vereinigungen gebildet, die sich mit dem Rauschgifthandel befassen« (IHT, 23.3.1987). Durch politisch oder ökonomisch motivierte Emigration und Immigration wird es in Zukunft mehr geschlossene ethnische Gruppierungen geben. Ähnlich wie zur Zeit der Einwanderung aus dem Süden Italiens. Ronald Goldstock, Direktor der New York State Organized Crime Task Force: »Sie bluten zunächst ihre eigenen Leute durch die Rackets der Bedrohung und Schutzgelderpressung aus, weil die aus einer Kultur kommen, in der man nicht zur Polizei geht und (dann in einem Land leben) in dem die Polizei oft nicht ihre Sprache versteht.« Die Polizei wird in neue Definitionsschwierigkeiten kommen, weil der Unterschied zwischen organisiertem Verbrechen, organisierter Wirtschaftskriminalität, korrupter Politik und einem wirtschaftlichen Wettbewerb mit harten Bandagen kaum noch zu definieren sein wird. Der Prüfstein - ob ein Gesetz verletzt worden ist oder nicht - wird untauglich geworden sein in einer Flut von sich widersprechenden Gesetzen, Auslegungen und Toleranzen. Freiheit, Verantwortung, Staatstreue werden zu politischen Slogans reduziert sein. Der Staat wird kaum wissen, wo er selbst steht, und er wird wie die Opfer des Mobs zunehmend Schwierigkeiten haben zu erkennen, wer noch Freund und wer schon Feind ist. Die Gesellschaft wird wenig Abwehrkraft haben gegen Mob und Muskel, weil sie beides zunehmend in Geschäft und Politik tolerieren wird. Wenn wir es zulassen. |