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Klaus J. Groth, geb. 1941, arbeitet als Chefredakteur einer großen Tageszeitung, bevor er sich als freier Autor und Journalist selbständig machte. Im Wirtschaftsverlag Langen Müller Herbig ist ebenfalls erschienen: "Outplacement. Gefahren und Folgen des Lean Management". |
![]() Klaus J. Groth |
Die Diktatur der Guten - Political Correctness - Der Klima-GAU |
Auszug:So bewegt sich der große Zirkus der internationalen Konferenzen hin zu den von der Lobby der Umweltschützer vorgegebenen Zielen. Selbst wenn das Ziel nicht erreicht wird, ist doch die Richtung niemals zweifelhaft. Wer wollte schon an dem Nutzen der Maßnahmen zweifeln, mit denen der Ausstoß des Kohlendioxids bis zur Jahrtausendwende, also sofort, zumindest auf jene Menge zu reduzieren ist, die noch vor zehn Jahren von der Erde aufstieg? Schließlich sind Klima und Katastrophe zu zwillingshaften Begriffen zusammengewachsen. Mit jedem Jahr toben die Stürme rund um den Planeten heftiger, steigen die Fluten höher. Der Klima-GAU gibt der Sintflut einen neuen Namen. Wenn die Welt untergeht, dann wird sie auch ersaufen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Naturkatastrophen gegenüber den sechziger Jahren vervierfacht. Die gegen alle Fährnisse versicherten Deutschen können den allmählichen Untergang der Welt aus der Statistik der Versicherer interpretieren. Versechsfacht haben sich die volkswirtschaftlichen Schäden in den vergangenen zehn Jahren. Und die versicherten Schäden haben sich vervierzehnfacht. Mag ja sein, daß die fleißigen Heerscharen der Versicherungsvertreter seitdem auch ein paar zusätzliche Abschlüsse getätigt haben und ein paar unterversicherte Risiken in alten Verträgen entdeckten, aber mit so einem billigen Argument läßt sich niemand den Weltuntergang nehmen. Die vereinten Klimakatastrophiker liefern die in aufgeklärter Zeit akzeptable Begründung, an die auch jeder glauben darf, der an nichts mehr glaubt. Andererseits: Versicherungstechnisch scheint die Katastrophe nicht unmittelbar bevorzustehen. Wenn eine Zusatzversicherung in Deutschland gegen Elementarschäden, die Erdbeben, Überschwemmungen, Lawinen, Erdrutsche und Erdsenkungen umfaßt, für ein komplettes Einfamilienhaus im Wert von vierhunderttausend Mark lediglich einhundert Mark im Jahr bei fünfhundert Mark Selbstbehalt kostet, dann rechnen die in der Regel sehr kleinlichen Versicherungsmathematiker eine noch einigermaßen erträgliche Chance zum Überdauern aus. Vorerst bleiben die Füße trocken. Den Bußpredigern in den Medien genügen die vorhandenen Zeichen für die ständige Wiederholung ihrer Schlagzeilen: »Die Erde ist in Gefahr«, »Es ist fünf Minuten vor zwölf«, »Der Klimawandel hat schon eingesetzt«, »Mit Vollgas in die Klimakatastrophe«, »Ende des nächsten Jahrhunderts wird die Erde um drei Grad wärmer sein als heute«. Jeder weiß, was political correct zu wissen ist. Korrekt wären gelegentliche Zweifel. Seit einhundertdreißig Jahren werden exakte Aufzeichnungen über das Klima gemacht. Vielen Wissenschaftlern genügen die vorhandenen Daten nicht, um langfristige Klimaschwankungen festzustellen. Was sagt es aus, daß die Erde innerhalb von zweihundertfünfzigtausend Jahren mehrere Warm- und Eiszeiten durchgemacht hat ? Sicherlich dies: Es bedarf der Sünden des Menschen nicht, um den Planeten anzuheizen und wieder abzukühlen. Und was bedeutet es in Verbindung mit diesen zweihundertfünfzigtausend Jahren, daß von den zehn heißesten Sommern, die seit einhundertdreißig Jahren gemessen wurden, sieben in den vergangenen zehn Jahren uns schwitzen ließen ? Für zahlreiche Klimaforscher ist der Beweis noch nicht erbracht, daß der Mensch der Erde in den vergangenen einhundert Jahren einheizte, bis die globale Erwärmung um einen halben Grad anstieg. Sie argwöhnen, dieser registrierte Anstieg könne durch die natürliche Klimaschwankung verursacht sein. Zweifel wären korrekt, sind aber so wenig konkret wie das vorgebliche Wissen. Noch weiß niemand, ob bei jedem Anlassen eines Autos und bei jedem Rülpsen eines Rindviehs die Klimakatastrophe ein Stück näher rückt. Wissenschaftlich korrekt ist die Prognose der sich anbahnenden Katastrophe für viele Fachleute nicht. Da sind ziemlich viel Kaffeesatzleserei und Computersimulation im Spiel. Da wird getan als ob, gerechnet als wie und das Ergebnis ist als ob schon wie ... Doch Zweifel sind political nicht correct. Wer die Unsicherheit zur sicheren Erkenntnis erklärt, hat ein schlagendes Argument auf seiner Seite: Wenn wir abwarten, bis wir alles sicher wissen, wird es zu spät sein. Schon ist der Meeresspiegel in einhundert Jahren um zwanzig Zentimeter gestiegen. Schon jetzt ist der Kohlendioxidgehalt in der Luft um mehr als ein Viertel höher als vor einhundert Jahren. Vielleicht steht uns das Wasser in zwanzig Jahren bis zum Hals. Wozu eine Arche bauen, wenn wir trockene Füße behalten können ? Also lieber etwas vielleicht Überflüssiges, aber nichts Schädliches tun, als unabwendbaren Schaden auf uns zukommen zu lassen. Ob die Treibhaustheorie stimmt, wird man vielleicht in zwanzig Jahren wissen. Oder früher. Oder später. Vorsicht ist bei solchen Voraussagen allemal geboten. Bis jetzt hatte der Weltuntergang immer Verspätung. Die »unbestreitbare Wahrheit« ist allerdings kaum noch umstritten. Nicht gesicherter Erkenntnisse wegen. Die sind nicht vorhanden. Sondern weil Öffentlichkeit und Politik der Lippenbekenntnisse nicht genug bekommen können in Deutschland. Die professionellen Propheten des Untergangs haben das Wort. Wissenschaftler, die sich vorsichtig ausdrücken, die den Konjunktiv pflegen - die unter Umständen bei gewissen Voraussetzungen vermuten oder für wahrscheinlich halten könnten -, sie erhalten für ihre Botschaft kaum einmal eine Kurzmeldung in der Zeitung. Wer den Untergang bezweifelt, nicht in der Bordkapelle der »Titanic« mitspielt, der erlebt seinen persönlichen Untergang. Meteorologen neigen dazu, jede Wetterlage als vollkommen normal zu bezeichnen. Schlägt der Dauerregen auf die Gemüter, ist eine halbjährige Regenzeit in diesen Breiten normal; dörrt wochenlanger Sonnenschein den Rasen, ist das auch normal. Das war so, bevor die Klimakatastrophe zum Schrecken aller Schrecken avancierte, und das ist auch heute noch so. Während alle nur noch vom Klima und nicht mehr vom Wetter reden, bleiben die Meteorologen beim Wetter. Nicht alle, aber in der Mehrheit. Sechzehn europäische Wetterdienste legten zur Klimakonferenz 1995 in Berlin einen gemeinsamen Bericht vor. Der wurde zwar zitiert, aber die Beachtung hielt sich in Grenzen. Ihre Erkenntnis war nicht political correct. Sie mußten passen beim Katastrophenszenarium: Für den Treibhauseffekt, so gaben sie an, hätten sie keine Belege. Vom Direktor des Zentrums für Klimaforschung und Vorhersage in Großbritannien, David Carson, war schon zuvor zu vernehmen gewesen: »Die Klimaveränderung wird wahrscheinlich sehr gering ausfallen, sehr langsam vor sich gehen und von natürlichen Schwankungen nur sehr schwer zu unterscheiden sein.« So sind sie eben, die Wetterfrösche. Wenn alle unken, dann quaken sie nicht mit. Und wundern sich, wenn niemand ihnen zuhört. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven erwies sich ebenfalls als Spielverderber. Argentinische Antarktisforscher hatten kilometerlange Risse im Eis am Südpol entdeckt. Sie wurden als neuerliches Alarmzeichen interpretiert: Die Erde erwärme sich, das Eis breche auseinander, die Flut werde steigen. Bedurfte es noch eines anderen Nachweises ? Die Geophysiker und Eisforscher in Bremerhaven berichtigten: Solche Risse durch das Eis seien ganz normal. Das Eis fließt ab. Dabei entstehen derartige Risse. Der von den Argentiniern entdeckte gewaltige Riß durch das Larsen-Eis-Schelf sei seit Jahren bekannt. Nicht einmal die Rieseneisberge, die als schwimmende Menetekel der Klimaerwärmung durch das Meer treiben, befanden die deutschen Polarforscher als beweisfähig. Achtundsiebzig mal siebenunddreißig Kilometer maß ein von britischen Wissenschaftlern im Februar 1995 entdeckter Eisberg. Auch seine Geburt wurde mit den ansteigenden Temperaturen erklärt. Die Kollegen in Bremerhaven fanden auch das nicht sonderlich aufregend, denn 1986 sei ein Eisberg mit einer fünfmal größeren Fläche abgebrochen. Und schließlich fanden sich an untersuchten Eiskernen aus stabilen Regionen am Südpol keine Anzeichen für eine Klimaerwärmung während der vergangenen einhundert Jahre. Die große KonfusionNicht wissen ist noch lange kein Grund, es nicht besser zu wissen. Im Gegenteil, Kenntnisse könnten für das Besserwissen hinderlich sein. Was passiert, wenn die Besserwisser in Aktion treten, zeigte sich bei der großen Ozonkonfusion. Die war gründlich und langfristig vorbereitet. Eine gute Konfusion bekommt man nicht von heute auf morgen hin. Sie fällt auch nicht aus heiterem Ozonloch. Als viele noch umwelttüffelig glaubten, Ozon sei eine neue Duftnote, und als die hitzige Auseinandersetzung über Verträglichkeiten und Höchstbelastungen noch nicht einmal begonnen hatte, da hielten die Ozonwerte Einzug in den Wetterbericht des Hörfunks. Das war zwar nicht sonderlieh informativ, weil jeglicher Bezug fehlte, klang aber bedrohlich. Und darauf kam es an. Fortan waren auch die heiteren Tage düster. Wer mochte sich noch über Sonnenschein freuen? Wer unbeschwerten Herzens die ersten Sonnenstrahlen genießen? Das alljährliche Frühlingsfoto in den Zeitungen, auf dem von Mänteln und Jacken befreite Mädchen sich im ersten wärmenden Sonnenschein räkeln, begann fragwürdig auszusehen. Und die Britischen Inseln konnten sich als Ferienregion für Sonnenflüchtlinge empfehlen. Ozon ist ein Gas. Und eine politische Größe. Die Schädlichkeit hängt von Einsatz und Konzentration ab. Aber von welcher Konzentration an das der Fall ist, das vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Ab einhundertachtzig Mikrogramm? Oder bei zweihundertsiebzig? Oder bei eintausend? Wie gut, daß die großen Ozonkatastrophen an uns vorübergingen, ohne daß wir sie gewahr wurden. Was waren schon die zweihundertfünfundsiebzig Mikrogramm 1995 in Königstein im Taunus oder die 1994 in Neuss gemessenen dreihundertachtzehn gegen jene fünfhundertsechsundvierzig, die Köln 1981 registrieren mußte, oder gar die 1976 in Mannheim gemessenen sechshundertvierundsechzig Mikrogramm? Nichts gemerkt oder schon vergessen? Bisher gibt es keine Nachweise für Dauerschäden durch Ozon. Unter Wissenschaftlern bestehen Zweifel, daß Ozon Krankheiten auslöst. Bei Reihenuntersuchungen zu »Ozon und Lungenfunktion in München« machten Mitarbeiter des Instituts für Arbeitsmedizin in einem Altersheim eine verblüffende Feststellung: Die Senioren atmeten an Tagen mit erhöhter Ozonkonzentration besser als an den Kontrolltagen, klagten weniger über Beschwerden. Im Biathlon- Bundesleistungszentrum wurden Sportler während des Trainings am Nachmittag untersucht, gerade zu einer Zeit, in der die Ozonwerte steigen. Das war keine eingebaute Schikane, sondern üblicherweise wird dort trainiert, wenn die Sonne sinkt. Auch bei hoher Ozonkonzentration ging den Sportlern nicht die Puste aus. Die Lungen arbeiteten bei Hitze sogar besser. Wie lautet der Sommersatz im Ritual der Ozonwarnungen? »Körperliche Anstrengungen im Freien sollten vermieden oder in die Abendstunden verlegt werden.« Richtig, denn dann ist die Luft ozongesättigt. Sollten Zweifel aufkommen: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Abgeordneten. Ärzte machen in ihren Wartezimmern eine neue Spezies aus: die Ökochonder. Die wissen: Ozon macht Atemnot, Atemnot macht Angst. Sie haben die Warnungen vernommen, und sie haben Angst. Die Ärzte führen inzwischen Statistiken über sie. Danach treibt es den Durchschnitts-Ökochonder zwanzigmal im Jahr in die Praxis. Grund genug für die Ärzte, diesem Patiententyp komplette Kongresse zu widmen. Ganz offensichtlich sind Grüne besonders ozonanfällig. Die fordern ab einhundertachtzig Mikrogramm das Recht auf Arbeitsniederlegung. Zunächst solle das nur für Arbeiten im Freien gelten, aber das »zunächst« ist zu beachten. Vor allem um die Werktätigen in der Land-, Forst- und Bauwirtschaft sorgen sich die Grünen. Der Aufenthalt im schattigen Wald ist an ozonreichen Tagen nicht empfehlenswert. Waldarbeiter hatten bereits bei Konzentrationen von einhundertdreiundzwanzig bis einhundertvierundfünfzig Mikrogramm Probleme. Der Aufenthalt in geschlossenen Räumen ist offenbar auch nicht empfehlenswert, obgleich dazu immer wieder geraten wird. Bei den Münchner Untersuchungen wurde in Büroräumen zwar nur die Hälfte der Ozonbelastung gemessen, aber die Lungenfunktion der Angestellten verschlechterte sich um zwanzig Prozent. Möglicherweise, so vermuten die Wissenschaftler, verbindet sich das Ozon in den Räumen mit Ausdünstungen aus den Möbeln. Jedenfalls ist bei solcher sommerlichen Wetterlage von einem Aufenthalt im Büro abzuraten (was ja ein vernünftiger Mensch schon immer vermutete). Und die Grünen werden ihr Recht auf Arbeitsniederlegung erweitern müssen: Der ganzen Nation ozonfrei. Je düsterer die Predigt, desto heftiger das Verlangen nach Opfern. Vieles wird im Namen der Umwelt gefordert, was mit anderen Begründungen nicht zu bekommen ist. Da liegt auf dem grünen Altar neben dem gesetzlichen Recht auf Arbeitsniederlegung noch ein ganzjähriges Tempolimit, ein autofreier Sonntag in jedem Monat von Mai bis Oktober, eine Erhöhung der Mineralölsteuer, endlich über die Schmerzgrenze hinaus. Nicht alles ist falsch. Es wird zuviel gefahren, es wird zu schnell gefahren. Vor allem von den anderen. Das Auto am Sonntag nicht zu starten ist kein Opfer, sondern Gewinn. Als Helmut Schmidt Bundeskanzler war, ließ er in einem Seufzer alle Distanz zu den Irdischen fahren und wünschte sich einen fernsehfreien Tag in der Woche. Heute wünschen wir uns einen Tag, an dem es sich lohnen könnte, den Fernseher einzuschalten. So vieles regelt die Zeit, aber nicht immer gnädig. Warum also sollen wir den autofreien Sonntag nicht in Anspruch nehmen? Aber freiwillig, bitte. Nicht als political correctess Zwangsglück, geregelt nach Autokennzeichen oder Kennziffer einer künftigen Weltbenutzerordnung. In den Charts der Dummsprüche, die Wände von Büros und Werkstätten zieren, behauptet seit langem dieser einen Spitzenplatz: »Wir wissen zwar nicht, worum es geht, aber wir kümmern uns darum.« Bravo! Ohne solche Maxime gelänge eine große Konfusion auch nicht. Der Streit um Höchstbelastungen wogt um so höher, je weniger er von Fakten beschwert ist. Mangels handfester Daten ist das Maß der erträglichen Ozonmenge parteiabhängig. Wenn Glaube durch Wissen ersetzt werden soll, können die dazu notwendigen Daten in Versuchen gewonnen werden. Weil aber die Parteien sich nicht einigen konnten, ob zwei Großversuche (SPD) notwendig oder einer ausreichend (CDU) sein würde, verzichtete man ganz und entschied nach den gültigen Glaubenssätzen, als aus der großen Konfusion der Sommersmog-Erlaß quoll. Wenn die Großversuche wichtig gewesen wären, wäre dieser Kompromiß verantwortungslos. Wäre der Versuch nur zur Beschwichtigung im ideologischen Streit gedacht gewesen, wäre er verantwortungslos. Aber wahrscheinlich können alle unmittelbar Beteiligten trotz Kampfgeschrei mit dem Verzicht auskömmlich leben. Denn der Versuche gab es bereits etliche, und keiner brachte das erwartete Resultat. »Nur marginale Effekte« erkannten zwei Institute in einer wissenschaftlichen Auswertung des dreimaligen Ozonalarms 1994 in Hessen. Die dreihundertzwanzigtausend Mark teuren Studien trugen nichts zur Erhellung bei, da positive Effekte des Tempolimits »nicht ausgeschlossen, aber letztendlich auch nicht nachgewiesen« werden konnten. Der Preis ist sicherlich nicht zu hoch, wenn man hinterher so schlau sein darf wie vorher. Oder um es correcter auszudrücken: von den Gutachtern nicht Nachteiliges über das hören muß, was man schon immer gewußt hat. Ebenso bleibt richtig: Kräht der Hahn am Morgen auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt so, wie es ist. Die Gutachter waren auch deshalb ihr Geld wert, weil sie immerhin einen spürbaren Rückgang der Ozonvorläuferstufen maßen. Allerdings waren die Werte zu gering, um Auswirkungen zu haben. Die grüne Umweltministerin des Landes zog aus der für sie klaren Eindeutigkeit die Konsequenz: Tempolimit für Pkw sowieso und für Lkw auf immer. Und auf ewig. Denn nach dem Alarm sollten »die Beschränkungen aufrechterhalten werden können, wenn sich trotz gesunkener Ozonkonzentration ein erneutes Ansteigen der Werte bereits abzeichnet«. Willkür > . Political correct. Dennoch sprach, wer an seine Karriere dachte, fortan in Hessen nicht mehr über die Studien. Zumal Wissenschaftler im nordrhein-westfälischen Landesamt für Umweltschutz sogar den Verdacht äußerten, daß bei einem Fahrverbot »der gewünschte Effekt nicht eintritt, sondern das Gegenteil«. Die Vergeblichkeit der Einschränkung des Straßenverkehrs und der Drosselung des Tempos ist im Grunde seit dem medienwirksam angekündigten »weltweit ersten Modellversuch gegen Ozon« in Heilbronn und Neckarsulm bekannt. Nur noch Autos mit geregeltem Dreiwege-Katalysator durften unterwegs sein. Auf die Ozonwerte hatte das so gut wie keinen Einfluß. Gekostet hat diese Erkenntnis 2,8 Millionen Mark. Solche Lappalien fechten einen unerschrockenen Streiter wider den Individualverkehr nicht an. Wen schert es, wenn Wissenschaftler dem Streben nach Stillstand jegliche wissenschaftliche Grundlage absprechen ? In welcher Welt leben die Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich, die sich mit der Aussage in die Öffentlichkeit trauten, ein Tempolimit könne sogar die Ozonproduktion steigern, höhere Geschwindigkeit sie drosseln? Was sind das für Wissenschaftler im Forschungszentrum Karlsruhe, die behaupten, an den Wochenenden würden zwar bis zu fünfzig Prozent weniger Kohlenwasserstoffe und Stickstoffoxide ausgestoßen, aber der Sommersmog sei an den Wochenenden nicht anders als von Montag bis Freitag? Und schließlich: Welcher Teufel reitet solche Wissenschaftler, wenn sie die aberwitzige Auffassung vertreten, die Heilmittel der Politiker taugten alle nichts? Als um die Ozonverordnung gerangelt wurde, bockten in rot und rot-grün regierten Ländern die UmweltministerInnen. Aus dem Stand verhängten sie Tempolimits, drohten Fahrverbote an. Ohne jede rechtliche Grundlage. Morgens ausgesprochen und öffentlich verkündet, abends bereits wieder zurückgezogen. Damit sollte Druck auf die Verhandlungen in Bonn gemacht werden. Welchen Stellenwert haben für solche Politiker eigentlich Gesetze ? Wie lax ist der Umgang mit Verordnungen, die bedenkenlos in die Welt gesetzt und zurückgenommen werden ? Als Muster ohne Wert, als Sprechblase. Es kommt eben nicht so darauf an. April, April! Seit wann ist Verläßlichkeit eine ministrable Tugend? Wer wird denn pingelig sein, wenn es um die Gesundheit der Ökochonder geht ? Nur wer das Volk in Schrecken versetzt, kann als Retter die Erlösung verheißen. Eine gute Konfusion bekommt man wirklich nicht von heute auf morgen. Dazu bedarf es schon sehr viel herzlicher Verwirrung, einer Mogelpackung geschürter Angst und des Glücks des Jammerns. Davon haben wir genug. Was ausblieb im Jahr der großen Ozonkonfusion war dann das Ozon. Trotz Sommer der Superlative blieben die Werte niedriger als in den Vorjahren. Aber an solchen Details sollte sich nun wirklich niemand stören. Die Autorität des GefühlsDeutschland verliert die Sachlichkeit. Im Land der Dichter und Denker wird wieder einmal mehr auf die Dichter gesetzt. Es ergibt sich mit Herz und mit Hand. Und vergibt seinen Verstand. Die akzeptierten Autoritäten duseln mit Gefühlen. Autorität ist am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts anders definiert worden. Nicht wer was weiß und wer was kann, sondern wer rüberkommt, ist Autorität. Wer im Stafettenlauf der Meinungsführerschaft mithalten will, sollte sich nicht mit Wissen belasten. Wenn Kenntnisse nicht mehr Voraussetzung, sondern Bremse sind, dann hat Political Correctness alle Ebenen durchdrungen. Wo diffuse Ängste pfleglicher behandelt werden als belegte Tatsachen, wo das Märchen die Realität und die Fiktion das Fragen ersetzt, hat die Wissenschaft ausgedient. In diesem Land hängen zwar alle davon ab, was erfunden, entwickelt und erprobt wird, aber der Forschung werden durch Gesetze und Bestimmungen Grenzen gesetzt, die ihresgleichen suchen. Nirgends sind die Restriktionen größer. Junge Wissenschaftler wandern ab, auf Innovationen angewiesene Betriebe verlagern ihre Forschung ins Ausland. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft in München, Hans F. Zacher, beklagt die »Ausbürgerung« der Forschung aus einem Land, das keine hinreichende Forschung zuläßt, das den Freiraum derart beschneidet, daß eine innovative Forschung nicht mehr möglich ist: »Ausbürgerungen beginnen mit gesellschaftlichen und politischen Widerständen - mit Kampagnen, welche die öffentliche Meinung bewegen, mit Diskriminierungen von Forschern und gar Angriffen auf Forschungseinrichtungen und mit dem Aufbau negativer Werturteile. Und sie setzen sich in rechtlichen und administrativen Behinderungen, im Rückgang finanzieller Mittel, aber auch im Schwund der Nachfrage nach Studienplätzen und im nachlassenden Interesse des wissenschaftlichen Nachwuchses fort.« Chemiker und Physiker haben in Deutschland kein besonders hohes Ansehen mehr. Sie gehören zu den besonders Verdächtigen in der Verdachtskultur. Die Nachfrage nach Studienplätzen verkümmert. Zacher: »Manche Fakultäten melden pro Jahr nur noch zehn Neuanmeldungen.« In Deutschland heißt die Genforschung Genmanipulation. Damit ist die Sache klar. Jeder Genforscher ein Frankenstein. Die geklonten Monster hecheln blutgierig aus dem Reagenzglas. Gegen die Schreckensvision hilft es nichts, wenn der Bundespräsident demonstrativ einen Saatzuchtbetrieb besucht, der sich in der Genforschung engagiert. Die Chance für die Zukunft haben andere längst ergriffen. Nicht jener Dr. Marbuse, der den Handel mit Genen von Hollywood-Stars in seinem Unternehmen in San Francisco erprobt. Aber die Landwirtschaft, die Pharmaindustrie werden das sein. Bereits jetzt kommen in den USA aus den Entwicklungslaboratorien der Gentechniker doppelt so viele neue Wirkstoffe wie aus denen der forschenden Kollegen der Chemie, gegenwärtig etwa dreihundert pro Jahr. Und beinahe um die Hälfte kürzer sind die für die Entwicklung benötigten Zeitspannen auch. Eintausenddreihundert neue Unternehmen sind bisher in den USA auf dem Markt der Gene gegründet worden. Sie beschäftigen siebenundneunzigtausend Mitarbeiter. Und in Deutschland? Da pfuscht jeder Genforscher der Schöpfung ins Handwerk. Da beginnt der angebliche Frankenstein jeden Arbeitstag seiner 37,5-Stunden-Woche plus genehmigten Überstunden mit der eidesstattlichen Erklärung: Ich bin gegen Veränderungen am Erbgut. (Obwohl: Die eine Multikulti-Welt, die alle gleich macht, so gut, so besser, so gleich-gleich, wie ließe sie sich sanfter erreichen als durch den millionenfach geklonten Political Correcten. Aber »unendlich gut« gibt es nur in der Werbung.) Es wimmelt in Deutschland von Mitgliedern dieser monströsen Sippe Frankenstein. Sie haben sich zum neuen Totentanz bei der Hand gefaßt und scheppern knöchern mit ihren Castor-Behältern voll atomarem Schrott über ihre Bahntrassen, ihre Autobahnen und Kanäle. Und sie zwingen ihre Opfer, den Atomstrom zu zapfen, in den Inter-City zu steigen und über die Autobahn in die Ferien zu reisen. Deutschland, deine Zeigefinger! Höher und höher recken sie sich zur Belehrung der Welt. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen ? Nicht pc! Dabei machen doch alle anderen alles falsch! Oder? Und: Deutschland, Deutschland über alles ? Überhaupt nicht pc! Aber als Opfer? Das geht. Als Opfer sind wir nicht zu übertreffen! So ist auch Deutschland über alles political correct. Und weil wir als Opfer all der Castors, DBs und BABs, als Zwangsbenutzer des aufgezwungenen Komforts täglich erfahren, wie nahe das Ende ist, müssen wir den Zeigefinger, den deutschen, heben. Wer tut es denn sonst, wenn nicht wir ? Die Engländer, die Bohrinseln versenken wollten? Die Amerikaner, die nicht daran denken, weniger Kohlendioxid unter die Wolken zu blasen? Die Franzosen gar, die Kernwaffen testen? Die Italiener, die die Adria vollscheißen? (Das meiste davon deutsche Fäkalien? Egal!) Die Spanier, die mit Vergnügen Stiere morden? Die Polen, bei denen jeder Fluß müde fließt, weil er die Last der Schweineställe und Eisenhütten schleppt? Die Russen auf ihrer in Rohöl ersoffenen Taiga und dem Aralsee, dem sie das Wasser abgruben? So reckt sich der deutsche Zeigefinger über alles. Gewiß doch. Wir wissen es besser. Wer sich selbst unermüdlich tadelt, darf auch andere tadeln. Er sollte sich dabei kein Problem mit der Sachlichkeit machen. Denn die ist erstens, wie festgestellt, nicht gefragt, und zweitens ist Sachlichkeit automatisch gegeben, wenn es um die gute Sache geht. Beispiel Regenwald. Bei dem Stichwort schießt der Zeigefinger zusätzlich um eine volle Armesläge nach oben. Einer der modernen apokalyptischen Reiter schwenkt eine Brandfackel. Die läßt den Regenwald in Flammen aufgehen. In den letzten dreißig Jahren weltweit die Hälfte der einst neununddreißig Millionen Quadratkilometer. Das »Hamburger Abendblatt« kündigte einen Beitrag über das Abfackeln des brasilianischen Regenwaldes im Zweiten Deutschen Fernsehen so an: »Jedes Jahr verschwindet eine Waldfläche von der Größe Deutschlands. Am schlimmsten sind die Abholzungen im brasilianischen Amazonasgebiet. Dort entstehen auf den freigewordenen Flächen Rinderfarmen, die angebliche Engpässe bei der Hamburger-Versorgung in Nordamerika schließen sollen. Das wertvolle Tropenholz wird teilweise für Türen, Klobrillen oder Särge verschwendet. Die nicht verwertbaren Reste der abgeholzten Bäume werden zum größten Teil vor Ort verbrannt. Die gigantischen Rauchschwaden, die noch in einer Höhe von 830 Kilometern von Satelliten aus zu sehen sind, verbinden sich mit dem Luftsauerstoff zu Kohlendioxid und verursachen den Treibhauseffekt. Die Klimakatastrophe steht kurz bevor.« Unsere tägliche Polemik gib uns heute. Ein kleines, feines Kabinettstückchen ist dieser Text: Tatsachen mit viel übel aufstoßender Garnierung, garantiert negativ: Die abgeholzte Heimat der Amazonas-Indianer, die reichen Amis, die sich durch die Edelholz-Klobrille entsorgen von den Fast food-Hamburgern aus dem Regenwald. Ist die Information auch nicht richtig, so ist sie doch political correct. Angst sanktioniert GewaltDas deutsche Herz schlägt für die Öko-Krieger. Das Gemüt stimmt bei einigen selbst dann noch zu, wenn sich schwarzvermummte Autonome in die Reihen schieben. Im Kampf für die Umwelt schlägt sich der Bürger gemeinsam mit dem Bürgerschreck. Als der Bürgerkrieg über das Wendland hereinbrach, als die Castor-Behälter rollten, da mochten sich noch so viele der eingesetzten siebentausendsechshundert Polizisten ein Löwenzahnblümchen an die schwarze Lederjacke heften, die Rollen blieben festgeschrieben: Die Übermacht des Staates ließ den Atomschrott ins Endlager rollen. Die friedfertigen unter den Demonstranten zündeten auf den Schienen Kerzen an. Die anderen in den schwarzen Kapuzenjacken schleuderten Schottersteine gegen den Scheißstaat, sägten Schienen durch, rissen Oberleitungen herab. Gab es Empörung im Land? Protest? Oder zumindest deutliche Bedenken gegen die Gewalt? Gegen diese brutale Minderheit, die demokratische und rechtliche Entscheidungen aushebelte? Einige nur fanden kritische Worte. Aber klammheimliche Zustimmung war häufiger spürbar. Und moralische Rechtfertigung der Gewalttäter. Die SPD bezeichnete den Transport als »böse Provokation«. Die Grünen warfen der Regierung vor, sie wolle »mit dem Kopf durch die Wand«. Als dann die Oberleitungen in Fetzen hingen, schlug Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder hämisch vor, die Kosten für den Castor-Transport sollten die privaten Betreiber der Kernkraftwerke bezahlen. Bruder TierJäger reden von Hege und Pflege. Wenn sie davon sprechen, dann leuchten ihre Augen, sie sehen sich im Einklang mit der Natur und Hermann Löns. Aber sie meinen Abschüsse. Abschießen macht Freude. Wer gäbe sonst ein Vermögen aus, um in den Karpaten einen Bären zu erlegen, einen Wolf in Sibirien oder auf der eingezäunten Jagdfarm in Namibia eine Elen-Antilope zu schießen? Und warum sonst posieren sie für ein Foto neben dem erlegten Opfer? Und warum sonst lassen sie Kopf oder Balg vom Präparator ausstopfen? Aus Hege und Pflege oder aus Lustgewinn? Jagen ist inzwischen ein heimliches Vergnügen. Von der Jagd sprechen vorsichtige Waidmänner nur untereinander. Niemand muß die Jagd oder die Jäger mögen. Aber gegen Unrecht gesetztes Unrecht wird nicht zu Recht. Wer mit dem Ruf »Jagt die Jäger aus dem Wald« zur Hatz auf die Waidmänner antreibt, Hochstände ansägt und damit zu lebensgefährlichen Fallen macht, Autos der Jäger demoliert, Jäger telefonisch terrorisiert mit der Drohung: »Wenn du die Jagd nicht abbläst, machen wir deine Familie fertig«, bekämpft ein bestehendes Recht mit Unrecht. Gesetz und Moral müssen nicht übereinstimmen. Und Moral verkommt zu Unmoral, wenn sie sich das Recht zur Gewalt nimmt. Warum soll die Pflanze nicht Schwester sein und das Tier nicht Bruder? Warum soll Bruder Tier vor dem Gesetz länger Sache sein, jedermanns Willkür ausgeliefert? Jeder hat das Recht zur Demut, zu einer neu erkannten Bescheidenheit gegenüber der Schöpfung. Warum soll eine Initiative wie das »Great Ape Project« nicht die Menschenrechte für die Menschenaffen fordern ? Der Gedanke entspricht so ganz der Gemütslage der Zeit. Die Affen und wir, gleich und gleich. In ihrer »Deklaration über die Großen Menschenaffen« verlangt die Initiative: »Wir fordern, daß die Gemeinschaft der Gleichen so erweitert wird, daß sie alle Großen Menschenaffen mit einschließt: Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans. Die Gemeinschaft der Gleichen ist die moralische Gemeinschaft, innerhalb derer wir ... Rechte anerkennen, ... die gerichtlich einklagbar sind.« Wieso nur die großen Affen? Und die kleinen? Franz Kafka hat beschrieben, wozu große Affen fähig sind: Sie berichten an die Akademie. Schließlich, so argumentieren die Freunde der Affen, stimmen die Gene zwischen Mensch und Schimpanse zu 98,4 Prozent überein. Doch Vorsicht. Der kleine Unterschied kann ganz wesentlich sein. Die Gene zwischen Homo erectus und Homo erecta stimmen zu noch mehr Prozent überein, und doch gibt es genug Unverträglichkeit zwischen beiden (doch das ist ein gesondertes Kapitel). Von solchen Kleinlichkeiten lassen sich political correcte Gleichmacher nicht irritieren. Sie geben heute schon ihr Ziel an: Aufnahme ihrer Deklaration durch die Vereinten Nationen. Schaffung von Treuhandgebieten. Menschliche Verwandte der »moralisch Gleichen« haben schließlieh auch ihr Reservat. Warum soll, was für einen Indianer recht, für einen Orang-Utan nicht billig sein? Schließlieh bedeutet sein Name nichts anderes als »Mensch des Waldes«. Und am Ende steht dann die Konferenz der Tiere mit einem Tribunal über den Menschen? Oder ein strenger Untersuchungsausschuß? Ach, das wäre schön bei so vielen selbsternannten Gerechten. Die pc Meldung der Deutschen Presseagentur lautete am 14. März 1995: »Der Borstenwurm "Sabellaria spinulosa" hat im niedersächsischen Hooksiel an der Jade ein Bauvorhaben zu Fall gebracht. Die Bezirksregierung Weser-Ems verzichtet auf den Bau einer 250 Meter langen Hafenmole, um eine Ansiedlung des Wurmes zu schonen, die letzte in Niedersachsen.« Mehr Diktatur wagenWurm sein in Deutschland! Noch dazu einer, der im schlickigen Watt ab- und auftaucht. Das ist wie ein ewiger Liebesschwur gegen alle Wechsel der Gezeiten. Für die Umwelt ist alles möglich und nichts tabu. Der stärkere Schmerz hebt den anderen auf. Wenn es um die Umwelt geht, werden Dinge denkbar und sagbar, deren Aussprache gewöhnlich unter Strafe steht. Nie wieder Diktatur? Nie wieder! Ausgenommen eine grüne? Die könnte notwendig sein. Die sei sogar dringend notwendig, meinte der Molekularbiologe Jens Reich in einem Gespräch mit dem »Spiegel« : »Die Ökologen brauchen den Zugriff auf die Steuermechanismen der Gesellschaft.« Das sagte Reich fünf Jahre, nachdem er sich aus der roten Diktatur befreit hatte. Auf die Frage des »Spiegel«: »Der ehemalige Bürgerrechtler Jens Reich, ermüdet vom Kleinklein der Parteiendemokratie, liebäugelt mit der Ökodiktatur?« antwortete er: »Nur weil die Parteien sich nicht auf einen Konsens einigen können, weil irgendwelche Lobbys blockierende Stöcke in die Räder stecken, können wir nicht Jahrhunderte warten. Es muß möglich sein, der Legislative in den Hintern zu treten. Wirkliche Veränderung ist nicht möglich, wenn ständige Wahlkämpfe alles blockieren.« Welcher Diktator argumentierte nicht so auf dem Weg an die Macht? Wer verspricht nicht, Schaden abzuwenden und das bereits Beschädigte schnellstens wieder in Ordnung zu bringen? Reichs Vorschlag: »Wir brauchen neben dem Deutschen Bundestag einen Ökologischen Rat, der Verfassungsrang besitzt ... Er müßte ein Vetorecht besitzen und auch in der Lage sein, Gebote und Verbote auszusprechen.« Selbstverständlich möchte Reich einen solchen Rat wählen lassen - für zehn oder fünfzehn Jahre. So lange sollte die grüne Ermächtigung schon halten. Der Bürgerrechtler von 1989 formulierte keine Korrektur, als die »Spiegel«-Redakteure in dem Gespräch feststellten: »Ihr Motto lautet offenbar: "Mehr Diktatur wagen".« Reich hatte keine Einwände, keine Bedenken, sondern nur ein schlichtes »Ja«. Das begründete er so: »Es gibt Dinge, die muß man mit einem Klaps auf den Hinterkopf durchsetzen. Das ist aber ein Klaps, den sich die Gesellschaft selber geben muß. Natürlich kann der Ökologie-Rat nicht die Diktatur gegen die Bevölkerung und die politische Klasse durchsetzen. Damit würde er scheitern. Es gehört schon dazu, daß sich die Gesellschaft selbst in Bewegung setzt.« Auch so werden alle Diktaturen begründet. Weil das Volk sie will. Weil die Vernunft sie will. Auch das sagte Jens Reich: »(Die Politik) muß dafür sorgen, daß gewisse Bewegungen eine kritische Masse bekommen. Kritische Masse ist das, was vor 1989 in der DDR zusammenkam. Damals ging es um die Beendigung eines anerkannt unerträglichen Zustands. Heute brauchen wir die kritische Masse, um die ökologische Wende hinzubekommen.« Über die Vorzüge der Diktatur darf wieder laut nachgedacht werden. Nicht nur von einem originellen (?) Querkopf. Jugendliche, nach deren Empfinden der Staat noch viel zu sehr reglementierend in ihr Leben eingreift, fänden einen Big Brother vollkommen in Ordnung. Vorausgesetzt, er denkt grün. Dann ist auch die Öko-Diktatur political correct. Jens Reich war von den Grünen für das Amt des Bundespräsidenten nominiert worden. Das hat nicht geklappt. Vielleicht bekommt der Mann eine zweite Chance als Ökotator? |