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"Bildung" läßt sich jeder gern nachsagen. Nur was bedeutet dieses Wort, das ein Werturteil beinhaltet? Winfried Döbertin gibt in diesem Buch eine Definition dessen, was Bildung heute sein sollte. Er appelliert an Eltern, Lehrer und Schüler, sich auf die grundsätzliche und elementare Auffassung zu besinnen, die Gebildetsein als die Fähigkeit versteht, die Welt zu erkennen und sich in ihr zurechtzufinden. |
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Bildungsnotstand - Warum Eltern, Lehrer und Schüler gefordert sind |
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von Winfried Döbertin Nur durch Erziehung, so die zentrale These des Autors, die auf die gesamte Persönlichkeit gerichtet ist, können Formen von politischem Extremismus und Gewalttaten, deren erschreckende Zahl gerade unter Jugendlichen alarmierend gestiegen ist, in Zukunft vermieden werden. Über das Buch:Welchen Wert, welche Bedeutung kann und sollte Bildung heute besitzen? Winfried Döbertin geht es um eine grundsätzliche Klärung dieses Begriffs unter psychologischen, pädagogischen, philosophischen und gesellschaftlichen Aspekten. Angesichts des Verlustes vieler Werte mißt er gerade ihr eine herausragende Rolle zu, Humanität im weitesten Sinne zu garantieren, was vor allem die Schulen vermitteln sollten. Bildung darf sich aber nicht in dem erschöpfen, was man gemeinhin als die Erlangung von Qualifikationen für das spätere Berufsleben bezeichnet, sondern sie sollte sich in einem existentiellen Sinn auf das richten, was der Mensch ist und werden kann. Sie bezieht sich also auf die gesamte Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen. Ziel sollte es sein, die Heranwachsenden zu befähigen, sich wertend und verantwortungsvoll zu den Problemen der Zeit zu verhalten. Winfried Döbertins Buch ist ein notwendiger Beitrag zur Diskussion über den gesellschaftlichen Werteverlust und weist Wege aus der Krise. Der Autor:Winfried Döbertin, 1932 in Magdeburg geboren, studierte an den Universitäten Hamburg, München und Münster Geschichte, Pädagogik, Theologie und Sozialwissenschaften. Er war viele Jahre an der Volksschule und an berufsbildenden Schulen tätig. Seit 1968 lehrt er an der Universität Hamburg Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Politischen Bildung. Weitere Veröffentlichungen: Der Sinn des Lebens - die Frage des Menschen (1989); Ohne Religion kann man nicht leben (1990).- Zusammen mit Gerhard Löwenthal und Udo Bosmann: Ich werde 18 (1992). VorwortViele Klagen über das Bildungswesen in unserem Lande sind zu hören - und ebenso viele Reformvorschläge. Nicht selten sind sie einander diametral entgegengesetzt - die Klagen wie die Reformvorschläge. Die Leistungsanforderungen in den Schulen seien zu niedrig, die Schüler lernten nicht das, was für das Leben (vor allem im Berufsleben) erforderlich sei, meinen die einen. Die anderen sprechen von Streß durch überhöhte Leistungsanforderungen. Schule müsse Spaß machen, Schüler sollten lernen, wozu sie Lust haben, fordern die einen. Die anderen halten dem entgegen, das Leben bestehe nicht nur aus Spaß und Lust, sondern oft aus harter Arbeit. Auf diese Wirklichkeit des Lebens müsse die Schule vorbereiten - durch intensive Arbeit und entsprechende Leistungsanforderungen. In den Schulen werde nicht genügend auf Disziplin geachtet, die doch die verhältnismäßige Voraussetzung zu erfolgreichem Lernen sei (disciplina, lat. von discere = lernen). Zerstörungswut wie Jugendkriminalität seien auch Folgen dieser Disziplinlosigkeit in den Schulen. Dem entgegnen andere, viel zu viele einengende Verhaltensvorschriften würden den Schülern gemacht; diese müßten sich vielmehr ungehemmt und frei entfalten können, dann würden die negativen Folgen angeblicher Disziplinlosigkeit nicht auftreten. Im Unterricht würde zuviel "politisiert", Politik müsse aus der Schule herausgehalten werden, argumentieren die einen. Politik gestalte nun einmal unser Leben; auf Veränderung ausgerichtete Politik müsse zentraler Lerngegenstand in den Schulen sein, halten die anderen entgegen. Die Schulen trügen zum Geschichtsverlust in unserem Volke bei, weil die Einführung in die Geschichte nicht den ihr gebührenden Rang einnehme, wird gesagt. Andere meinen, die Vergangenheit sei allzusehr von Negativem bis hin zu grausamer Unterdrückung von Menschen geprägt gewesen, einige wenige Beispiele dafür genügten. Man solle sich vielmehr den Aufgaben der Zukunft widmen. Die Unterrichtsmethoden müßten verändert werden; an die Stelle des "Frontalunterrichtes", in dem Lehrerinnen und Lehrer den geschlossenen Klassenverband gemeinsam unterrichten, müßten Gruppenarbeit der Schüler und "Offener Unterricht" treten, in dem die Schüler ihr individuelles Lernprogramm weitgehend selbst bestimmen können. Dagegen heißt es, für alle Schüler müsse es ein einheitliches Lernprogramm geben, und das sei am zeitsparendsten und erfolgreichsten im geschlossenen Klassenverband zu vermitteln. Um der Integration von Kindern und Jugendlichen aus allen Gesellschaftsschichten willen und um eine zu frühe Festlegung in Bildungsgängen für junge Menschen zu vermeiden, dürfe es nur noch Gesamtschulen geben, verlangen die einen. Andere aber setzen dagegen, man müsse das dreigliedrige Schulwesen aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium erhalten, weil so alle Schüler am besten ihren Fähigkeiten gemäß auf dem ihnen entsprechenden Leistungsniveau gefördert werden können. Die Liste von Klagen und Reformvorschlägen ließe sich leicht verlängern. Für die meisten von ihnen lassen sich denn auch Erfahrungen aus der Praxis vortragen - in der einen wie in der anderen Richtung -, die ihr Gewicht haben. So unterschiedlich die einen wie die anderen argumentieren, sind sich viele doch bei allen Gegensätzen darin einig, daß von einem Bildungsnotstand gesprochen werden muß. Angesichts solcher Diskussionen muß gefragt werden, ob ihre jeweiligen Ansätze, Fragestellungen und Antworten tiefgehend genug sind, um den "Bildungsnotstand" zu beheben. Sind Änderungen in der Organisation des Bildungswesens oder in den Unterrichtsmethoden beispielsweise ausreichend, um zu einer wirklich "humanen Schule" zu gelangen? Wären das nicht nur "technizistische" Lösungsversuche, die die eigentliche Problematik gar nicht erreichen? Ist nicht vielmehr zunächst erneut danach zu fragen, welche grundlegenden Zielsetzungen überhaupt in unseren Schulen anzustreben sind, oder besser noch: Was kann und muß "Bildung" heute leisten, zu deren Entwicklung die Schulen beitragen sollen und wollen? Es scheint, erst wenn diese Frage hinreichend beantwortet werden kann, lassen sich auch die anderen, von ihr abhängigen sekundären Fragen sinnvoll beantworten - vielleicht mit etwas mehr Gelassenheit, als es zur Zeit in manchen schulpolitischen Diskussionen geschieht. In diesem Buch soll die Frage gestellt und der Versuch zu ihrer Beantwortung unternommen werden, wer ein gebildeter Mensch ist und was junge Menschen lernen sollten, welche Anforderungen an sie, ihre Lehrerinnen und Lehrer und ihre Eltern gestellt werden müssen, damit Heranwachsende Schritt für Schritt dem Ziele näherkommen, wirklich gebildete Menschen - in einem grundsätzlichen Sinn zu werden. Ullstein Sachbuch - ISBN 3-548-35558-7, DM 14.90 |