Baldur Springmann hat am 24. Januar 1996 Bundespräsident Herzog einen Brief geschrieben |
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Sehr geehrter Herr Herzog, Sie haben anläßlich Ihrer Anregung, den 27. Januar zu einem Gedenktag zu erheben gesagt: "...Ich verbinde damit die Hoffnung, wir möchten gemeinsame Formen des Erinnerns finden..." Dieses "wir" habe ich - hoffentlich richtig - so verstanden, daß damit nicht nur Ihr derzeitiger Zuhörerkreis gemeint war, sondern das ganze deutsche Volk, zu dessen Wohle Ihre Kraft zu widmen Sie geschworen haben sowie auch, Seinen Nutzen zu mehren und Schaden von ihm zu wenden. An der von Ihnen gewünschten Suche nach Formen des Erinnerns möchte ich mich beteiligen mit der "Legitimation" eines Menschen, der sich in Liebe mit diesem unseren deutschen Volk verbunden fühlt. Das ich mich dabei an Sie wende, geschieht aus der Überzeugung, daß Ihre bisherigen Bemühungen in dieser Richtung dringend einer Ergänzung bedürfen, um den sonst zu befürchtenden Schaden durch einseitige und verengte Erinnerungsarbeit von unserem Volk zu wenden. An den Reaktionen meiner Enkelgeneration muß ich leider immer wieder ablesen, welche Belastung und Verunsicherung die Fokussierung der Ihnen offiziell vermittelten Zeitgeschichte auf den Holocaust in den jungen Seelen anrichtet. Insbesondere während des Gedenkmarathons des vergangenen Jahres habe ich so manche Äußerung des Unmutes und des Überdrusses zu hören bekommen, die mir schreckhaft klar gemacht haben, was hier schief läuft. Was hier schief läuft und sich "politische Korrektheit" nennt, ist die Brandmarkung einer Epoche unserer Geschichte als von A bis Z verbrecherisch und damit, - Kollektivschuld hin oder her - die Zwangseinkleidung eines ganzen Volkes in ein Büßergewand und der ständige moralische Druck zu immer neuen Canossagängen. Und zu solch einer Gruppierung, über deren ständige Selbstbezichtigungen und Bußfertigkeit sich beispielsweise ein estnischer Staatspräsident öffentlich gewundert hat, soll sich ein junger Mensch freudig bekennen oder sie gar als "sein Volk" lieben ? Das bedeutet jedoch keineswegs, - wie es ein braver 68er mir sofort unterstellen würde -, daß ich nicht genauso wie Sie von der Notwendigkeit der Erinnerung an das Schlimme überzeugt wäre, um ähnlichem Schlimmen vorzubeugen. Schlimmes wird sich aber meiner Ansicht nach auch dann über kurz oder lang zusammenbrauen, wenn man sich nicht endlich entschließt, der ganzen Wirklichkeit jener verfemten Epoche Einlaß in die "Erinnerungsarbeit" zu gewähren. Glorifizierung ist ja bei uns verboten und tritt nur in den widerwärtigen Aktionen der Kahlköpfe in Erscheinung. Verteufelung gilt aber leider als "politisch korrekt". Beides wird von den meisten jungen Menschen als Einseitigkeit erkannt und erweckt Mißtrauen und Ablehnung. Die Entkrampfung, zu welcher beizutragen Sie versprochen haben, kann doch nur kommen, wenn unter anderem auch wir Überlebenden jener Zeit ohne allen Meinungsdruck und ohne Angst vor Repressalien überliefern dürfen, wie wir das erlebt und empfunden haben, - im Bösen wie im Guten. Ein erster Schritt zu solcher Entkrampfung könnte es etwa sein, wenn man jeden 3. Oktober dazu benutzen würde, die Erinnerung an ein besonders positives Ereignis in der Geschichte unseres Volkes aufleuchten zu lassen. An bewundernswerten Geschehnissen und vorbildlichen Taten mangelt es ja weiß Gott nicht, die daran zu erinnern vermögen, wie liebenswert unser deutsches Volk - dennoch! - ist. Lieber Herr Herzog, ich weiß ja nicht, wieviel Sie von Ihrer Post überhaupt selbst lesen können. So werde ich, falls ich keine Antwort erhalte, meinem besorgten Herzen durch Veröffentlichung dieses Briefes Luft zu machen versuchen, wofür Sie sicher Verständnis haben. Noch besser als eine schriftliche Antwort wäre es allerdings, wenn Sie die Zeit und das Interesse aufbringen könnten, in einem Gespräch die Erinnerungswelt eines Menschen zu erfahren, dem alles Schlimme, das im Namen unseres Volkes geschehen ist, unendlich leid tut, - dem es aber kein bißchen leid tut, gerade in dieser Zeit gelebt zu haben. Mit freundlichen Grüßen Baldur Springmann wurde 1912 in Hagen/Westfalen geboren. Soeben sind im Verlag Siegfried Bublies, Koblenz, seine Lebenserinnerungen "Bauer mit Leib und Seele" erschienen. Bereits 1954 hat er seinen Hof auf biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt. 1980 verließ er die "Grünen", die er mitbegründet hatte, weil die K-Gruppen Schlüsselpositionen besetzt hatten. Er lebt auf Hof Springe in 23815 Geschendorf. |