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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Redaktion Leserbriefe
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Thomas Prass
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1. September 1999

Nadel, grün

Leserbrief: FAZ vom 9.9.99; Seite 33 / Finanzmarkt / "Finanzkrisen jederzeit möglich"; sowie zum gleichen Thema passend Seite 34 "Vom amerikanischen Aktienmarkt gehen hohe Risiken aus"

Sehr geehrte Damen und Herren,

es spricht wieder einmal für die FAZ, daß Sie sich auch zu Themen äußern, die unangenehm und bei vielen anderen tabu sind. Zum Thema "Finanzkrisen" möchte ich Ihnen folgenden Leserbrief senden:

Es ist doch ein Armutszeugnis für die gesamte Finanzbranche, Politik und die Wirtschaftswissenschaften, wenn - wie Sie zutreffend berichten - "jederzeit eine Finanzkrise ausbrechen kann". Nach den Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929, der Spekulationsblase in Japan und den Ereignissen um den von Nobelpreisträgern für Wirtschaft geleiteten Hedgefonds LTCM kann man als verantwortlicher Bankier, Politiker oder Wissenschaftler doch nicht abwarten, bis das fragile und überhitzte Kartenhaus der Weltfinanzmärkte zusammenklappt.

Es kann nicht zu spät sein, Maßnahmen zu ergreifen. Daß unpopuläre Eingriffe, die der derzeitigen, nicht mehr zu rechtfertigenden Euphorie in den USA und den Illusionen und Dogmen von völlig freien, globalen Finanzmärkten ohne funktionsfähige Aufsicht zuwiderlaufen, notwendig sind, ist wohl allen klar. Die Frage ist, ob und wie man in westlichen Demokratien derartige Maßnahmen überhaupt durchsetzen kann. Ich bezweifle, ob die Demokratien einen Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte mit allen daraus resultierenden langfristigen Folgen überleben würden.

Der Größenwahn, der sich in einem außer Rand und Band befindlichen Kapitalismus manifestiert, deutet auf einen maßlosen, außer Rand und Band geratenen Lebensstil der sogenannten "westlichen Wertegemeinschaft", allen voran die USA, hin. Ist die "westliche Wertegemeinschaft", Vorreiter der von den USA propagierten "Weltgemeinschaft" ein Auslaufmodell? Wird sie an ihren Übertreibungen, ihrer Radikalität scheitern?

Was an der Situation vor allem stört ist, daß diese Probleme hausgemacht und vermeidbar sind und - wenn man es nicht so weit hätte kommen lassen - auch relativ einfach lösbar gewesen wären. Warner wie den Fachmann Kenneth Galbraith hat es genug gegeben, und niemand kann heute behaupten, die Krise wäre unvorhersehbar gewesen.

Mit freundlichem Gruß
Thomas Prass


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